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Astrid Miglar: Unrecht! Gerechtigkeit? Flüche und ihre Folgen

09. Juli 2020 10:24 Uhr

Würzige Wortwechsel: Zwei Autoren schreiben ab heute online
Astrid Miglar aus Reichraming (privat)

REICHRAMING. Astrid Miglar kramt heute zum Schulschluss einmal in ihren Erinnerungen an die Schulzeit und schreibt im würzigen Wortwechsel über Zusammenhalt.

Unrecht! Gerechtigkeit? Flüche und ihre Folgen.

Eine Anekdote aus meiner Schulzeit über Gerechtigkeit und Unrecht und Folgen, die daraus entstehen. Nämlich, dass ich mir die Namen mancher Lehrerinnen und Lehrer besonders gut gemerkt habe. Was überwiegend daran liegt, dass ich meine Professorinnen und Professoren gemocht habe. Umgekehrt geht’s aber auch, denn dieses Histörchen erzählt von einem ungerechten Übeltäter.

Es begab sich also kurz vor Schulschluss, dass ein junges Mädchen grammatikalischem Prüfungsstress anheimfiel. Eine meiner Schulkolleginnen musste sich in Deutsch beweisen. Unserem Deutschlehrer - völlig verständlich aus seiner Sicht - eine echte Herzensangelegenheit. Anderen aus unserer Klassengemeinschaft wiederum ganz und gar nicht, schließlich sind wir eh‘ alle der deutschen Sprache mächtig. Regelrecht hineingeboren sozusagen. Wir, die wir notenmäßig hoch- und mittelmäßig begabt waren oder gerade noch für einen Vierer geeignet, langweilten uns während der etwa zwanzigminütigen, äußerst gestrengen Befragung. Für die Delinquentin dagegen ging es - vor aller Augen - um den Aufstieg in die nächste Klasse.

Ich will es kurz machen: Sie hat es nicht geschafft.

Warum? Weil der Deutschlehrer eine Mathematikschwäche hatte.

Eine Erklärung gefällig?

Unmittelbar vor der Prüfung wurden vom Lehrer die offiziellen, olympischen Kriterien für ein Bestehen angekündigt. Es galt sechs von neun möglichen Punkten zu erzielen. Dann, so sein heiliges Ehrenwort, stünde dem Aufstieg der Schülerin in die nächsthöhere Klasse nichts mehr im Wege. Zugegeben, so einfach war das nicht. Ich ahnte, dass der Schülerin etwa 185 cm im Weg standen. 185 männliche Zentimeter. Ein Mensch, einige Jahre älter und deutlich weiser als jeder einzelne von uns Schmarotzern. Zudem von Beruf beinharter Deutsch- und Sportlehrer mit Tendenz zu Bootcamp-Manieren. Wenn das nicht eine Hürde ist, was dann?

Ich, damals in der letzten Reihe sitzend - dort, wo klischeehaft die ganz Bösen sitzen, auch wenn sie manchmal nicht dem Klischee entsprechen und ganz brav sind - zählte also manierlich mit. Am Ende der Prüfung jubelte ich bereits innerlich mit meiner Schulkollegin. Sie hatte gehorsam die sechs erforderlichen Punkte erreicht. Deutlich erkennbar als sechs weiße Striche an der Tafel. Kreidestriche zwar, auslöschbar zwar, jedoch immerhin für 40 Augen nachzählbar. Sie hatte ihre gesamten 162,5 cm inklusive hochtoupierter Haarpracht in die Waagschale geworfen und haarscharf triumphiert.

Falsch gedacht! Gerecht wäre in diesem Augenblick gewesen die sechs erkämpften Punkte anzuerkennen. Ungerecht war, so zu tun, als stünden keine sechs Punkte an der Tafel. Als wären da nur fünf, was einerseits für mangelnde Rechenkünste sprach, andererseits für freche Ignoranz, die viele von uns nach Luft japsen ließ. Die Atemnot der Abhängigen.

Das nachfolgende Szenario war nichts anderes als ein Sieg der Ungerechtigkeit des Stärkeren, der sich das Recht herausnahm in dieser Situation im Vorteil zu sein. Schmerzvolles Ende eines Schülerinnenlebens: Kein Aufstieg in die nächste Stufe möglich!

Schmerzvoll außerdem die späte Erkenntnis, dass ich und alle anderen in der Klasse nichts, rein gar nichts getan haben, um diesem Unrecht entgegen zu treten. Wir haben damit einen Menschen in seinem unfairen Handeln bestätigt. Es war mir keine Ehre. Es war mir eine Lehre.

Wozu war‘s gut? Und wo bleibt das rächende Ende der Geschichte? Mein damaliges Resümee in drei Teilen.

Teil 1: Machtpositionen und Art einer Einflussnahme sind vom Charakter jedes Einzelnen abhängig. Vielleicht war dieser Lehrer Sadist. Ist ja nicht unmodern, wenn man sich in der Welt umsieht. Der dezent formulierte Hinweis auf sechs Stricherl an der Tafel brachte zwar einen heftigen Tobsuchtsanfall - also war der Mann auf jeden Fall Choleriker - allerdings keine anständige Lösung.

Teil 2: Erkenne den Sinn darin? Ja, es war eine Übung fürs Leben. Ein Verstehen, dass ich mich in ähnlicher Situation niemals derart schäbig verhalten sollte. Auf gar keinen Fall oder zumindest nur dann, wenn es um die Übernahme der Weltherrschaft geht. 

Teil 3: Ob es so etwas wie Gerechtigkeit gibt? Einen Ausgleich, den der Professor erleiden musste, wegen seiner bewusst herbeigeführten Erniedrigung? Vielleicht Strafe und Buße für begangenes Unrecht? Schließlich war ein siebzehnjähriges Leben durch Willkür beeinflusst worden. Vielleicht auch zum Besseren. Wer weiß das schon. Ich kann es nicht sagen, weil ich meine Schulkollegin nie wiedersah. Schlussendlich musste sie die Schule verlassen. Mein Wunsch damals war kein frommer. Mein Wunsch an den Lehrer war abartig schlimmer Juckreiz an Körperstellen, die er nicht würde erreichen, nicht selbst würde kratzen können. Ob mein liebenswürdiger Wunsch Erfüllung fand? Jahre später habe ich den Mann beim Hautarzt getroffen. Mein Fluch, so meine ich heute unumstößlich, wird sich hinterhältig verwirklicht haben. Nicht an mir selbst, ich durfte nur ein Muttermal abgeben. Er dagegen sah nicht besonders toll aus.

Und mein Fazit? Unrecht tun macht offenbar mehr Spaß als Unrecht ertragen zu müssen. Ich bin sicher, der Professor hatte ein jahrelanges Hautleiden mir zu verdanken, was mich nachdenklich stimmt, wenn ich dazu auch ein bisserl hämisch grinsen muss. „So geht das nicht“, rufe ich mich zur Ordnung! Ich entschuldige mich an dieser Stelle mit tiefer Ernsthaftigkeit bei meinem ehemaligen Professor für die gesundheitlichen Folgen meines Fluchs. Die Zerknirschtheit steht mir ins Gesicht geschrieben. Auch wenn Sie mich gerade nicht sehen können, Sie müssen mir einfach glauben. Ich schwöre beim Leben meines Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvaters. Jenem von schwesterlicher Seite. Sie können schließlich nicht wissen, dass ich keine Schwester habe. Jedenfalls keine, von der ich weiß.

Ach, noch etwas…

…Stärke und gemeinsames Auftreten von uns Schülerinnen und Schülern hätten in dieser unguten Lehrer-Schülerin-Situation gegen die Vorgehensweise des Lehrers geholfen. Warum es nicht geklappt hat? Es fehlte uns schlicht am dafür nötigen Zusammenhalt.

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