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Oberösterreich

Helfen Sie uns, Doktor Franz!

Von Gerald Mandlbauer 31. August 2019 00:04 Uhr

Helfen Sie uns, Doktor Franz!
In der Kitsutsu Primary School. Sieben neue Schulklassen konnten dank der Spenden aus Oberösterreich eröffnet werden.

Der Mühlviertler Franz Hehenberger leitet die Entwicklungshilfe-Organisation "Sei so frei". In Uganda ist das Hauptproblem Afrikas, das rapide Bevölkerungswachstum, allgegenwärtig. Die Schulen quellen über, viele Schüler können nicht ausreichend ernährt werden. Ein Lokalaugenschein.

2050 werden in Afrika doppelt so viele Menschen leben wie heute. Uganda ist neben Malawi und Nigeria das Land mit den höchsten Wachstumsraten, und es hat schwer damit zu kämpfen: Wasser wird knapp, Böden sind ausgelaugt, die Abholzung verläuft rasant. Und was geht das Europa an? Sehr viel, wie eine Projektreise der Entwicklungshilfeorganisation "Sei so frei" nach Westuganda zeigt.

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Mischkultur-Pionierin Restetuta Kahwa freut sich über ihre Ernte.

Ein Durchschnittseuropäer produziert mit seinem Lebensstil ungefähr den zehnfachen CO2-Ausstoß eines ugandischen Landbewohners. Und was es heißt, wenn Afrikaner ihr Land in Massen verlassen, weil sie dort keine Perspektiven sehen, hat Europa in den vergangenen Jahren auch erfahren. "Wir können davor nicht einfach die Augen verschließen und so tun, als ob uns das alles nicht berührt", sagt Franz Hehenberger, Geschäftsführer von "Sei so frei". Mehrmals im Jahr ist der Mühlviertler auf Projektreisen zwischen Nicaragua, Guatemala, Tansania, Uganda und Mosambik unterwegs. Es geht um Geld für Afrika – es geht vor allem jedoch darum, Bewusstsein in Afrika für veränderte Lebensgewohnheiten, Anbauweisen und Familienplanung zu schaffen.

14 Schulklassen übergeben

Zum Beispiel im Dorf Kitsutsu nahe der Provinzhauptstadt Kasese, wo "Sei so frei" gemeinsam mit der Partnerorganisation Ripple und lokalen Honoratioren aus Spenden finanzierte Schulklassen feierlich eröffnete. Sieben zusätzliche Klassenzimmer wurden gebaut, drei Stunden später in Kituti dasselbe Spiel. Abermals sieben Klassen, die feierlich übergeben werden, durch jede werden wir geführt, die Kinder begrüßen die Gäste aus Österreich auf Kommando: "Welcome visitors, thank you visitors!"

Direktor und Lehrer sind stolz darauf, dass die Kinder nicht mehr auf Lehmböden sitzen müssen. Im Innenhof wird gefeiert, getanzt, tausend Schüler sitzen im Kreis. Wir blicken in lauter fröhliche Gesichter, denen nicht anzumerken ist, dass viele der Kinder von ihren Eltern ohne Frühstück in die Schule geschickt wurden. Auch Mittagessen gibt es für jene, die weiter in die Schule haben, keines.

Klare Worte

Als Franz Hehenberger einen Fußball als Gastgeschenk in die Menge wirft, wird gejubelt, Hände strecken sich nach dem Ball. Dann der Ernst. Hehenberger redet den Erwachsenen ins Gewissen: "Ihr dürft nur jene Kinder in die Welt setzen, die ihr auch ernähren könnt." Schweigen und gesenkte Köpfe bei den Männern, als das Wort Empfängnisverhütung fällt, die Frauen applaudieren. Früh müssen sie arbeiten, früh kriegen sie Kinder. Frauen, die viele Kinder gebären, werden respektiert, Frauen, die wenige oder keine bekommen, verlieren den Halt. Die Kirche, im Schulwesen Ugandas stark engagiert und in Schwarzafrika auch eine Autorität, lässt ihre Möglichkeiten ungenutzt, darauf hinzuweisen, dass Familienplanung neben Bildung der Hauptschlüssel zu mehr Wohlstand ist.

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Franz Hehenberger mit Kolleginnen

Ein konträres Bild in Rugendabara, wo die örtliche Schule auf Unterstützung aus Österreich hofft. Bis zu 160 Kinder in einem Raum werden auf Lehmböden sitzend unterrichtet. 1440 Schüler kommen auf 22 Lehrer. "Wir brauchen sieben bis zehn zusätzliche Klassen", sagt Englischlehrerin Shakira. Die österreichischen Gäste reden Klartext in Richtung Bürgermeister und Schulinspektor: "Wenn die Behörden sich nicht mit engagieren, wird es keine Hilfe geben können."

80 Prozent der rund 35 Millionen Ugander leben von der Landwirtschaft. Bäuerin Restetuta Kahwa im Dorf Brera hat, angeleitet durch die österreichische Entwicklungshilfe, begonnen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Auch sie hat sieben Kinder, vier Enkel. Die Großfamilie zählt 14 Mitglieder, Mutter wurde sie erstmals mit 15. Angeleitet von Agraringenieuren, die Ripple bzw. "Sei so frei" bezahlen, hat sie begonnen, ihr 4000 Quadratmeter großes Land gemischt und besser zu bewirtschaften. Stolz führt sie durch den großen Garten, wo Kaffee, Bananen, Vanille, Melonen, Maracuja, Guaven, Tomaten, Zwiebeln, Paprika und Bohnen gedeihen, zwei Schweine gemästet werden.

Grundlage dieser Form der Mischwirtschaft ist eine neue Art der Boden- und Wasseraufbereitung. Herzstück des Hauses ist der Speicherofen. Er speichert die Hitze – Brennholz ist rar –, seither kann dreimal täglich warm gegessen werden. Die Nachbarn verfolgen die Veränderungen auf dem Hof von Restetuta neugierig. "Solche Multiplikatoren wie Restetuta brauchen wir hier", sagt Franz Hehenberger. Pioniere bewirken Nachahmer, das ist die nachhaltigste Form von Entwicklungshilfe.

Frauen mit Vorbildfunktion

Restetuta Kahwa ist Teil einer Bäuerinnengruppe, der rund 120 Frauen angehören. Tags darauf werden wir in ein zweites Dorf geladen, es schüttet, alle müssen unter den Planen zusammenrücken. In der Lehmhütte, die sich zwei Schwestern mit ihren zwölf Kindern teilen, seit sie ihre gewalttätigen Männer verlassen haben, liegen pro Raum vier bis fünf Erwachsene. Käfighaltung für Menschen, doch sie sind stolz, weil ihre Hütte höheren Standard aufweist als jene tausend Unterkünfte, die wir in den Slums und Vorstädten rund um die Hauptstadt Kampala sehen. Dorthin drängen viele, weil sie in der Stadt bessere Perspektiven vermuten.

"Danke für eure Hilfe, wir wollen unsere Kinder auf bessere Schulen schicken, vielleicht auf die Universität in Kampala, und vielleicht kommt eines Tages eines als Minister zurück und unterstützt uns hier", malt die großgewachsene Sprecherin der Bäuerinnen-Vereinigung ihre Träume von einer besseren Zukunft aus. Und an den Chef der österreichischen Delegation gerichtet, heißt es: "Helfen Sie uns weiter, Doktor Franz."

Herausforderungen

Uganda ist das am drittschnellsten wachsende Land Afrikas. Jeder Zweite ist jünger als 15 Jahre. Das Regierungsziel, ein Land mit mittleren Einkommen zu werden, ist laut der Stiftung Weltbevölkerung nur erreichbar, wenn das Bevölkerungswachstum gebremst wird. Neben Bildung ist die Anleitung zur Familienplanung ein wichtiges Vorhaben der Entwicklungshilfe. Außerdem geht es um neue Anbauformen und Methoden der Bodenaufbereitung.
In Uganda spürbar sind die Folgen des Klimawandels. Wegen Trockenheit ist heuer etwa in der Gegend um Kasese bei vielen Erdnussbauern die Ernte ausgefallen. Die Entwicklung der Agrar-Weltmarktpreise kommt bei den ugandischen Bauern nur unvollkommen an. „Ein Kilo Kaffee der Marke Illy wird in Europa um rund 60 Euro verkauft“, sagt Franz Hehenberger. Der Weltmarktpreis liegt bei rund drei Euro. Ein Kaffeefarmer in Uganda erhält gerade einmal einen Euro.

Hilfe von „Sei so Frei“

Rund 200.000 Euro pro Jahr wendet „Sei so frei“ für Entwicklungshilfeprojekte in Uganda auf. Dieses Geld fließt vor allem in Bildungs- und Agrarprojekte. Heuer wurden an zwei Schulen 14 neuerrichtete Klassen eröffnet, außerdem an der Volksschule in Kyogha ein 50.000-Liter-Regenwassertank errichtet, der sauberes Trinkwasser für die Kinder gewährleistet.

Spenden unter der Kontonummer AT30 5400 00000069 1733 (Hypo Oberösterreich); „Sei so frei“

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