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Oberösterreich

Gehen bedeutet leben

Von Bernhard Lichtenberger 25. Mai 2019 06:30 Uhr

Gehen bedeutet leben
Aufstieg vom Laudachsee zum Traunstein

Die Krebserkrankung und der Tod seiner Mutter haben Martin Moser aus Sipbachzell im wahrsten Sinn des Wortes bewegt. Er ist zum Weitwanderer geworden. Seine "Hoamatroas" führte ihn 1340 Kilometer durch Oberösterreich.

Vor einem Jahr ist der 31-Jährige von seinem Elternhaus in Sipbachzell aufgebrochen, um in 57 Tagen sein Heimatbundesland abzugehen. Der Absolvent der FH Wels für Ökoenergietechnik, der als freier Autor und Weitwanderer in Wien lebt, sammelte zwischen Plöckenstein und Dachstein rund 50.000 Höhenmeter – und 5063 Euro und 39 Cent für die Kinder-Krebs-Hilfe.

OÖNachrichten: Die Krebskrankheit Ihrer Mutter und ihr Tod haben Sie im wahrsten Sinne des Wortes bewegt. Wie hat Sie das zum Weitwanderer gemacht?

Martin Moser: Meine Mutter ist 2010 nach dreijähriger Krankheit an Krebs gestorben. Während der Zeit der Krankheit habe ich mir Gedanken gemacht, wie ein gutes Leben ausschauen könnte, was überhaupt der Sinn des Lebens ist. Bin immer mehr in die Natur gekommen, habe das als Ausgleich gebraucht und auch gesucht. Aus Spaziergängen wurden Wanderungen und schließlich längere Touren. Ein paar Monate nachdem sie gestorben ist, als ich noch stark im Studium eingespannt war, brauchte ich Zeit zum Nachdenken über das, was die vergangenen Monate und Jahre passiert ist. Für mich als damals noch ungeübten Weitwanderer war der spanische Jakobsweg als Einstieg genau das Richtige. In 32 Tagen war ich 900 Kilometer von St.-Jean-Pied-de-Port auf der französischen Seite der Pyrenäen bis Santiago de Compostela und Finisterre am Atlantik unterwegs.

Wie hat diese ausgedehnte Tour Sie und Ihr Leben verändert?

Alles, was ich für diese Zeit brauchte, hatte ich in meinem Rucksack mit – und ich bin sehr gut damit ausgekommen. Daraus erwuchs die Erkenntnis, dass man gar nicht so viel zum Leben braucht. Hat man viel, hat man auch viele Sorgen, weil man ständig darauf aufpassen muss. Mit weniger kann man leichter in den Tag leben. Davor war mein Lebensstil materialistisch ausgelegt, das habe ich geändert. Danach waren mir Kontakte zu Menschen wichtig, dass es der Natur und mir gut geht.

Zu gehen bedeutet für Sie zu leben.

Gehen hat eine Bedeutung dafür, wie man die Umwelt und die Menschen wahrnimmt. Es ist die ehrlichste Bewegungsart, die einen offener macht und bei der man mehr mitkriegt. Wenn ich längere Zeit nicht hinauskomme, werde ich ganz unrund.

Vor einem Jahr starteten Sie zur Hoamatroas. Welcher Gedanke steckte hinter der Umrundung Oberösterreichs?

Als Kind und Jugendlicher habe ich mit meinen Eltern viele Ausflüge in Oberösterreich gemacht. Davon existieren Fotos in einem Familienalbum. Das blättert man durch und fragt sich, wie schaut das wohl jetzt dort aus. Das motivierte mich, wieder zu den Punkten zu kommen, wo wir anno dazumal waren. Ich wollte mir aber nicht nur die Orte anschauen, sondern auch das, was dazwischen liegt. Und ich wollte wissen, wie gastfreundlich die Oberösterreicher sind, wenn man herumgeht und oft nicht weiß, wo man schlafen kann.

Die Erkenntnis…

…war überraschend. Mir ist so viel Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft entgegengekommen. Oft wurde mir etwas angeboten, ohne dass ich danach gefragt habe.

Welche Begegnung hat Sie besonders bereichert?

Im Mühlviertel traf ich eine Frau, die mich fragte, was ich tue mit meinem großen Rucksack. Ich hab’ ihr gesagt, dass ich ein paar Tage in der Gegend unterwegs sein werde, aber noch nicht so richtig weiß, wo ich unterkommen werde. Als sie hörte, dass ich am Abend St. Thomas am Blasenstein erreichen werde, bot sie mir an, in ihrem Haus zu schlafen. Da fiel ihr ein, dass sie am Abend meines geplanten Eintreffens gar nicht zu Hause sein wird. Das sei aber kein Problem, und so schrieb sie mir die Adresse auf einen Zettel. Ich kam zu dem Haus, es war niemand da, aber die Tür nicht abgeschlossen. Drinnen wartete ein Essen auf mich und die Couchlandschaft war fürs Schlafen hergerichtet. Ich war die ganze Nacht alleine in dem Haus, so sehr hat sie mir vertraut. Da dachte ich mir: Ich glaube, ich täte das nicht.

Spielte das Wandern in Ihrer Familie eine Rolle?

Nicht wirklich. Bei den Ausflügen gab es kleine Wanderungen und Spaziergänge. Mit 15 Jahren war ich mit meinen Geschwistern einmal auf dem Traunstein – das einzige Bergerlebnis, bis ich zu wandern begonnen habe.

Wie wichtig sind Gipfel beim Weitwandern?

Ich gehe gerne auf Gipfel, aber die Wege dazwischen sind interessanter und die Begegnungen mit Menschen anders und spannender.

Nach drei Wochen stellte sich, wie Sie es bezeichnen, eine geistige Freiheit ein. Was verstehen Sie darunter?

Irgendwann wird einem bewusst, dass man auf einmal gar nichts gedacht hat. Da ist keine Familie im Hinterkopf, nichts, was noch zu tun wäre. Man geht dahin, nimmt im Unterbewusstsein wahr, denkt aber nichts. Am Anfang erscheint das beunruhigend, aber dann wird man klar im Kopf, als ob man den Dachboden ausgemistet hat.

Als Unterkünfte wählten Sie immer wieder Klöster aus, Sie besuchten Kirchen, nächtigten in einem buddhistischen Zentrum – was zieht Sie an spirituelle Orte?

Ich hab’s nicht so mit der Religion, aber trotzdem haben diese Orte eine besondere Kraft. Dort fühlt man sich einfach wohl.

Wie viele Blasen hatten Sie an den Füßen?

In Summe waren es sieben, am vierten Tag – auf dem Weg nach Linz – drei gleichzeitig.

Sie haben sich zum Wanderinstruktor ausbilden lassen. Was macht ein solcher?

Er kann etwa in Vereinen Menschen das Wandern beibringen, Einblicke in Techniken geben, Neulingen sagen, nicht zu übertreiben. Man erklärt Grundlagen der Orientierung, wie geht man mit einer Karte um, was sollte man immer dabei haben, wie liest man das Gelände oder die Wolken, um ein Gespür zu bekommen, wie sich die Umgebung in den nächsten Stunden verändern kann.

Allein, zu zweit, in der Gruppe – wo liegen beim Weitwandern die Unterschiede?

Ein Sprichwort sagt: Wenn du schnell gehen willst, gehst du mit mehreren, wenn du weit gehen willst, gehst du alleine. Früher war ich der Alleingeher, weil ich selbst bestimmen konnte, wann ich Pause mache, wann ich aufhöre – und wenn ich den Plan änderte, war’s auch wurscht. Mittlerweile genieße ich wieder Mitwanderer und das gemeinsame Unterwegssein.

Was waren die Glanzlichter Ihrer Hoamatroas?

Dass jede Region einen eigenen Schmäh hat und sich die Landschaft so schnell ändert. Am besten hat mir das Mühlviertel gefallen, das ich am wenigsten gekannt habe. Ich fand die Landschaft und die Begegnungen so schön, da will man gar nicht mehr weg.

Sie sind auch Trailrunner?

Das ist für mich eine Abwechslung: Beim Gehen kriegt man jedes Pflanzerl am Wegesrand mit, beim Trailrunning läuft man daran vorbei. Für mich ist das die sportliche Komponente, die ich seit drei Jahren betreibe.

Was sind die nächsten Ziele?

Ich arbeite immer wieder an Wanderbuch-Projekten, aktuell an einem über die Bucklige Welt in Niederösterreich. Für 2020 ist eine längere Tour geplant. Da mir Natur und Umwelt sehr am Herzen liegen und ich aus der Ökobranche komme, werde ich Klimawandern gehen. Das heißt, ich gehe durch Österreich und stelle Klimaschutz-Initiativen vor.

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