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Oberösterreich

Die Pfadfinder der Lüfte

Von Bernhard Lichtenberger  17. Juli 2021 00:04 Uhr

Die Pfadfinder der Lüfte
Seit 1984 besitzt Renald Knogler seinen eigenen Taubenschlag, in dem sich derzeit rund 100 Exemplare der Orientierungsmeister befinden.

Züchter Renald Knogler aus Aschach an der Donau ist seit seiner Kindheit von Brieftauben fasziniert.

Renald Knogler mag es, zum Himmel zu schauen. Es sind nicht die Wolkenformen und das Blau des Firmaments, die sein Auge erfreuen. Der Blick gilt bekannten Flugobjekten, die sich hurtig in der Luft bewegen. Der 67-Jährige aus Aschach an der Donau züchtet Brieftauben. Rund hundert Tiere flattern, sitzen, hüpfen, trippeln und gurren im Taubenschlag und in den beiden Volieren.

"Es ist einfach faszinierend, ihnen beim Fliegen zuzusehen", sagt der Pensionist. Als er noch im Vorstand einer Welser Großhandelsfirma mit 1500 Mitarbeitern wirkte, "hat mir das Beobachten den Stress genommen". Knogler fliegt auf die gefiederten Flieger seit seiner Kindheit: Sein Vater rief 1957 mit Gleichgesinnten den Brieftaubenverein Schaumburgbote ins Leben. Die meisten Gründungsmitglieder hielten sich davor Farbentauben, deren Zucht vor allem der Schönheit gilt. "Meines ist der Sport", sagt der Aschacher, denn dafür taugen die Brieftauben, die über einen ausgeprägten Orientierungssinn verfügen, der sie über weite Entfernungen in den heimatlichen Schlag zurückzuführen vermag.

Diese Fähigkeit macht die Pfadfinder der Lüfte zu Objekten der Wettflüge. Zwischen Ende April und Ende Juli gehen die älteren Semester über verschiedene Distanzen an den Start, neun von 13 Wettflügen werden für die Meisterschaft gewertet. Die Jungtauben messen einander fünf Mal zwischen Mitte August und Ende September. Die Vereine aus Oberösterreich und Salzburg bilden eine sogenannte Reisevereinigung. Das heißt, ein Lkw-Fahrer sammelt angemeldete Vögel ein und bringt sie an den vereinbarten Abflugort. Der hieß zuletzt Merzig. Die Stadt an der deutsch-luxemburgischen Grenze liegt rund 550 Kilometer entfernt. 2400 Brieftauben strebten ihrem angestammten Schlag zu, darunter 43 Exemplare, die Knogler in den Bewerb schickte. "Im Schnitt fliegen Brieftauben mit einer Geschwindigkeit von rund 70 km/h, bei entsprechendem Rückenwind können es sogar 100 km/h sein", sagt der Züchter.

Was die Ringe verraten

Den Schnabel hat am Ende vorne, wer die höchste Durchschnittsgeschwindigkeit erzielt. Gemessen werden die Daten mittels eines Chiprings an einem Fuß. Ein zweiter Ring, den die Tauben spätestens sieben Tage nach dem Schlüpfen erhalten, ist quasi ihr "Personalausweis". Er gibt Auskunft über das Herkunftsland, den Verein, eine fortlaufende Nummer und das Geburtsjahr.

Flott flattern will geübt sein. Vorbereitung und Ernährung spielen eine wesentliche Rolle, da stehen die gefiederten Sportler menschlichen Athleten in nichts nach. Für die Sprinter unter den Tauben bedarf es eiweißreicher Körnermischungen. Den ausdauernden Fliegern würde eine solche Kost einen Muskelkater bescheren. "In der Wettflugsaison muss man sie jeden Tag fliegen lassen", erklärt Renald Knogler. Was auch bedeutet, dass sich in dieser Zeit kein Urlaub ausgeht. Seiner Frau Edeltraud mache das nichts aus, sie habe schließlich gewusst, worauf sie sich einlässt.

Für die Jungtauben beginnt das Flugtraining im Alter von drei bis vier Monaten. Vorsichtige Züchter fangen klein an, wagen sich für den ersten Heimflug nur einen Kilometer weg vom Taubenschlag. Knogler ist mit seinen Flugschülern strenger, er startet mit 30 Kilometern – und vertraut darauf, dass ihr Orientierungssinn seine Schützlinge auf die richtige Route führt.

Immer der Nase nach

Woher diese Fähigkeit rührt, hat die Wissenschaft noch nicht endgültig entschlüsselt. Brieftauben nutzen zum einen den Stand der Sonne und der Sterne, verwenden das Magnetfeld der Erde als Kompass und orientieren sich – je näher sie ihrem Heimplatz kommen – an Landmarken. Die Rezeptoren für das Erdmagnetfeld werden in der Nasenschleimhaut vermutet.

Durch gezielte Züchtung lässt sich der besondere Sinn schärfen. Wer sich mit wem paaren darf, bestimmt der Züchter, der Taube und Tauber in einer Zelle zusammenführt. "Es kann schon vorkommen, dass sich zwei nicht mögen – dann peckt er sie grün und blau", sagt der Verkuppler. Mit der Treue ist es so eine Sache: "Der eine schaut keine andere mehr an, und der andere dreht sich bei jeder um – das ist wie bei den Menschen." Das Paarungsglück besteht aus zwei Eiern, die 17 Tage abwechselnd bebrütet werden. Anfangs wird der Nachwuchs mit Kropfschleim genährt, dann mit vorverdautem, aufgeweichtem Körnerfutter.

Die Millionen-Euro-Taube

Für die Zucht wird manchmal mehr als nur tief in die Tasche gegriffen. Bei einer Auktion legte ein chinesischer Bieter im November 2020 für die belgische Brieftaube "New Kim" die Rekordsumme von 1,6 Mio. Euro hin. "In China geht es bei Wetten um viel Geld", erklärt der Oberösterreicher. Selbst hat er einmal 1000 Euro bei einer Internetversteigerung für eine deutsche Taube ausgegeben, "da schaut man sich die Abstammung und die Flügel an – und gefallen muss sie mir auch".

Ob bei Trainings- oder Wettflügen – es kommt immer wieder vor, dass Brieftauben auf der Strecke bleiben. Das kann an ihrem gefährlichsten Feind liegen, dem Wanderfalken, der seine Beute im Flug schlägt. Attacken von Greifvögeln, schlechtes Wetter oder Erschöpfung hindern die "Rennpferde des kleinen Mannes" bisweilen an der Rückkehr. Wenn tierliebende Menschen abgemagerte, zerzauste Tauben finden, greifen sie zum Telefon. Und dann klingelt es bei Renald Knogler, bis zu tausend Mal im Jahr. Er fragt dann nach den Informationen auf dem Babyring. Oft stammen die Findelvögel aus Polen, Tschechien oder der Slowakei. Meist genügt es, Brieftaubenzüchter in der Nähe des Fundortes zu alarmieren, die das erschöpfte Tier aufpäppeln, bis es wieder heimfliegen kann.

Den Höhenflug hat die Brieftaubenzucht hierzulande hinter sich. Jene, die dem Hobby frönen, werden älter, das Interesse der Jungen hält sich in Grenzen. Zudem erhalte man in einem Siedlungsgebiet wegen der Nachbarn kaum eine Genehmigung für einen Taubenschlag. Renald Knogler kümmert das nicht. Er mag es nach wie vor, zum Himmel zu schauen.

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Bernhard Lichtenberger

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