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Oberösterreich

Die Unerwünschten

Von Roswitha Fitzinger  17. Juli 2021 12:58 Uhr

Tauben

Jahrtausendelang wurde die Taube verehrt und gezüchtet. Auch in der Mythologie, den Religionen oder im Brauchtum spielt sie eine Rolle. Die Taube steht für Liebe und Frieden und doch schimpfen wir sie heute "Ratte der Lüfte".

Wir schauen auf sie herab, wenn sie auf dem Asphalt nach Essbarem pickt und vorgibt, ein vielbeschäftigter Vogel zu sein. Wir verscheuchen sie, wenn sie unseren Weg kreuzt oder uns nur zu nahe kommt. Wir ekeln uns vor ihr, weil wir denken, sie sei Überträgerin von Krankheiten, und bemitleiden Menschen, die sie füttern, weil wir sie für einsam halten.

Als der "Deutsche Naturschutzbund" (Nabu) Anfang des Jahres die Wahl zum "Vogel des Jahres" erstmals öffentlich machte, brach eine Diskussion aus. Denn der Underdog der Vogelwelt, die Stadttaube, führte zur Überraschung aller die Abstimmung an. "Bitte nicht die Stadttaube", "Vogel-Skandal" titelten die Online-Ausgaben deutscher Medien. Selbst der Naturschutzbund war zunächst unsicher, wie er damit umgehen soll. Die Peinlichkeit, ausgerechnet in ihrem 50. Jubiläumsjahr die verhasste Stadttaube zum Vogel des Jahres 2021 machen zu müssen, blieb der gemeinnützigen Organisation erspart – das Rotkehlchen machte das Rennen.

In Wien hat sich zur (Ehren-)Rettung der Stadttaube ein eigener Verein gegründet. (stadttaubenwien.at). Man bietet unter anderem Beratung und Information, strebt aber auch eine Imagekorrektur an.

Die Schriftstellerin Sue Donaldson und der Philosoph Will Kymlicka zählen Stadttauben in ihrem Buch "Zoopolis" zu den sogenannten Schwellenbereichstieren. Darunter verstehen sie Tiere, die aus verschiedenen Gründen in menschlichen Ansiedlungen leben – sei es aus klimatischen Gründen, weil sie mehr Nahrung oder Schutz vor Jägern finden, verwilderte Haustiere sind oder schlichtweg die Menschen in ihren Lebensraum eingedrungen sind. Im Gegensatz zu Wild- oder Haustieren genießen sie jedoch keinen gesetzlichen Schutz. Werden sie, wie die Stadttauben, auch nicht als niedlich, interessant oder nützlich angesehen, gelten sie nur allzu leicht als unerwünscht und überflüssig.

Stadttauben sind verwilderte Haus- oder Brieftauben, die sich hervorragend an die Bedingungen angepasst haben. Verbreitet durch die Kolonialisierung gibt es sie fast überall auf der Welt. Menschen sind ihr nicht fremd. Ganz im Gegenteil.

Die Unerwünschten

Taubenfleisch und Taubendünger

Tauben waren unter den ersten Haustieren des Menschen. Ihre starke Heimatverbundenheit und Ortstreue machte eine Domestikation einfach. Auch ohne eingesperrt zu werden, bleiben sie, wo sie sind, wenn es ihnen dort gefällt. Haustauben waren Tausende Jahre lang eine billige Fleischquelle, auch weil sie sich mitunter ihr Futter selbst suchten. Taubenmist war ein weiterer Grund, sich die Tiere zu halten. Vor der Erfindung des Kunstdüngers wurden mit dem Kot der Tiere die Felder gedüngt. Im Iran und in Ägypten entwickelte sich eine Taubendüngerbranche. Gesammelt wurde der Kot der Tiere in Taubentürmen, in denen Tausende Tiere lebten. In der iranischen Stadt Isfahan standen einst 3000 dieser prächtigen Bauten, heute sind es noch wenige hundert. Der älteste Taubenturm datiert aus dem 16. Jahrhundert. Sein Inneres mit unzähligen kleinen Nischen erinnert an Urnenhallen auf Friedhöfen – auch Columbarium genannt, das lateinische Wort für Taubenschlag.

Weil Tauben sich, abgesehen von ihrer Ortstreue, auch als äußerst zuverlässig und schnell erwiesen, wurden sie bereits in der Antike als Kuriere eingesetzt. Die Römer nutzten die Brieftauben, um wichtige Nachrichten aus den fernen Ländern nach Rom zu übermitteln. Später, im 19. Jahrhundert, war es Paul Julius Reuter, Begründer der Nachrichtenagentur "Reuters", dem sie wertvolle Dienste leisteten. Sie transportierten übermittelte Nachrichten von der Pariser Börse nach Aachen, weil die telegrafische Verbindung damals nur bis Brüssel reichte. Die Brieftauben legten die Strecke, für die der Zug acht Stunden unterwegs war, in zwei Stunden zurück. 

Aber nicht nur zur Übermittlung von Nachrichten wurden Brieftauben eingesetzt. Der deutsche Hofapotheker Julius Neubronner schickte die Vögel 1890 mit Medikamenten auf die Reise. Er ließ kleine Rucksäcke anfertigen, in denen bis zu 75 Gramm schwere Arzneimittel transportiert wurden. Später stattete der Tüftler und Fotograf die Brieftauben sogar mit einer 40 Gramm schweren Kamera aus und stellte die Taubenbilder auf Messen aus. 1908 ließ er sich die Brieftaubenfotografie patentieren. Sein Vorschlag, sie für die Luftaufklärung einzusetzen, fiel zwar auf fruchtbaren Boden, doch die Möglichkeit, seinen mobilen Taubenschlag samt Dunkelkammer zu demonstrieren, bekam er nie. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde er aufgefordert, seine Gerätschaften dem Militär zur Verfügung zu stellen, zum Einsatz kamen sie jedoch nie.

Im Kriegseinsatz

Als es jedoch bei der Schlacht um Verdun 1916 keine Möglichkeit der Kommunikation mehr gab, besann man sich ihrer Fähigkeiten. Die Brieftaube „Cher Ami“ rettete einem Trupp amerikanischer Soldaten das Leben. An die 200.000 Tiere wurden im Ersten Weltkrieg eingesetzt. Sie fuhren auf Panzern mit, um Nachrichten von der Front zu übermitteln, und gerieten mitunter in Kriegsgefangenschaft. Dokumentiert ist das Leben eines jungen Taubers aus Koblenz. Unter dem Namen „Kaiser“ zeugte er in seiner neuen Heimat 75 Militärtauben und war damit maßgeblich am Aufbau des „U.S. Army Pigeon Service“ beteiligt. Der vielfach ausgezeichnete Vogel starb im hohen Taubenalter von 32 Jahren und ist heute im „National Museum of History“ in New York ausgestellt.

Er sollte nicht die einzige amerikanische Taubenberühmtheit bleiben. Im Zweiten Weltkrieg zählte die Taubeneinheit des US-Militärs 56.000 Tiere. „G.I. Joe“ erwies sich dabei als besonders zuverlässig. Drei Jahre lang transportierte er Nachrichten, darunter einen Hilferuf, der Tausenden Briten das Leben rettete. Die Militärtauben wurden für Nachtflüge trainiert. Um sie noch besser an den Westen der Fallschirmspringer befestigen zu können, ließ man von einem Dessoushersteller hauchdünne und enganliegende Westen für die Tiere nähen.

Beinahe schon legendär ist die Operation Columbia (lateinisch für Taube) des britischen Geheimdienstes, die ab April 1941 begann. Im Dienste Ihrer Majestät standen auch 17.000 Tauben, die als fliegende Kuriere eingesetzt wurden. Sie hingen etwa in Boxen an Fallschirmen. An der Außenseite war ein Fragebogen befestigt, weiters ein Stift, etwas Taubenfutter und die Aufforderung, den Fallschirm zu vergraben, die Taube täglich zu füttern und darauf zu achten, dass sie ihre Flügel ausstrecken kann. Abschließend noch die Botschaft „Seien Sie mutig! Wir werden Sie nicht vergessen!“ Immerhin tausend Nachrichten erreichten so den Geheimdienst. Der Verlust war allerdings hoch. Nur 1700 Kuriere kehrten heim.

Liebesglück und Frieden

Dem Krieg folgte Frieden und man erinnerte sich der Taube als Friedensbotschafterin. Eine weiße Taube mit einem Olivenzweig im Schnabel soll Noah das Ende der Sintflut verkündet haben, so die biblische Überlieferung. Das Motiv der Friedenstaube wurde 1949 beim Weltfriedenskongress in Paris wieder aufgegriffen. Das Plakat ging um die Welt, gemalt von keinem Geringeren als Pablo Picasso, einem großen Taubenliebhaber.

Als 1896 in Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit eröffnet wurden, erhoben sich weiße Tauben in den Himmel. Pierre de Coubertin, der sich maßgeblich für die Wiederbelebung dieser symbolträchtigen Veranstaltung eingesetzt hatte, wusste auch um die Symbolik der Taube als Sinnbild des Friedens quer durch die Kulturen.

Doch sie symbolisiert nicht nur Frieden, sie steht auch für Liebe und Fruchtbarkeit. Schon Aphrodite, die Göttin der Liebe in der griechischen Mythologie, schlüpfte aus einem Ei, das von einer Taube ausgebrütet wurde. Der Brauch, dass Frischvermählte beim Gang aus der Kirche als Erstes in den Himmel steigende, weiße Tauben und dabei ein Musterbeispiel an ehelicher Treue erblicken, soll der Verbindung Glück bringen.

Die Turteltaube als Sinnbild für besonders Verliebte fand im 17. Jahrhundert Eingang in unseren Sprachgebrauch. Wenn zwei Verliebte nicht voneinander lassen können, „turteln“ sie oder verhalten sich wie „Turteltauben“. Darüber hinaus gibt es sie wirklich. Die Turteltaube ist ein Zugvogel und die einzige Langstreckenzieherin unter den europäischen Taubenarten. Als global gefährdete Art steht der Vogel des Jahres 2020 seit 2009 weltweit auf der Roten Liste. In Europa leben nach Angaben des Naturschutzbundes noch etwa 5,9 Millionen Paare, die meisten in Spanien, Frankreich, Italien und Rumänien. Obwohl vom Aussterben bedroht, wird vielerorts noch Jagd auf die Taube mit dem auffällig farbenfrohen Gefieder gemacht. Auf Zypern und Malta gilt die Turteltaubenjagd nach wie vor als Folklore.

Gequälte Kreaturen

Noch nicht lange vorbei sind die Zeiten, in denen das Tontaubenschießen ein Taubenschießen war. Bis in die 1980er-Jahre wurden in Portugal die traditionsreichen Meisterschaften des „Clube Portugues de Tiro a Chumbo“ gepflegt und Tausenden Tieren die Schwanzfedern ausgerissen, um sie steuerungsunfähig zu machen.

Nicht um Brauchtum, sondern um viel Geld geht es hingegen beim weltweit größten Taubenrennen über 600 Kilometer, dem „Million Dollar Pigeon Race“ in Südafrika. Die traurige Bilanz aus dem Vorjahr: Von den 1548 gestarteten Tieren erreichten laut der nationalen Tierschutzvereinigung nur 675 Tiere das Ziel.

  • Buchtipp: Karin Schneider: „Tauben“, Verlag Naturkunden, 160 Seiten, 20, 60 Euro

Das große Tauben-Wissen

344 Taubenarten: Neben den Kolibris und Papageien zählen die Tauben zu den artenreichsten Familien der Vogelwelt. Je nach Kategorisierung existieren 318 bis 344 Arten in 43 bis 49 Gattungen. Mit Ausnahme der Arktis und Antarktis kommen Tauben beinahe weltweit vor, am häufigsten von Südostasien bis Australien. Die Felsentaube ist die Stammform aller Haustaubenrassen. In Österreich sind fünf Taubenarten heimisch: Felsentaube, Hohltaube, Ringeltaube, Turteltaube und Türkentaube.

5 Milliarden Wandertauben gelten als die häufigste Vogelart, die in historischer Zeit auf Erden gelebt hat. Ihr Gesamtbestand betrug bis zu fünf Milliarden Tiere. Riesige Schwärme mit bis zu 500 Kilometer Länge und 1,6 Kilometer Breite verdunkelten im 19. Jahrhundert den nordamerikanischen Himmel.

Mit den Baumrodungen durch europäische Siedler begann auch die industrielle Verwertung der Tiere. Sie wurden in der Folge millionenfach abgeschossen. Ein einzelner Jäger soll im Jahr 1878 drei Millionen Vögel vermarktet haben. Nach drei Jahrzehnten der Bejagung war die Wandertaube ausgerottet. Am 1. September 1914 starb mit „Martha“ die letzte bekannte Vertreterin ihrer Spezies im Zoo von Cincinnati.

Vogel mit besonderen Eigenschaften: Tauben besitzen ausgeprägte visuelle Fähigkeiten, ihr Sehzentrum ist stark ausgeprägt. Wie Versuche zeigen, können sie sich Gegenstände und auch Gesichter schnell einprägen. Bereits im Alter von sechs Wochen haben sie ihren Schlag als Heim verinnerlicht. Sie orientieren sich an großen Bauwerken, an Flussläufen oder Autobahnen, aber auch am Magnetfeld, das die Erde umspannt. Ihr empfindliches Gehör reagiert auf Infraschall. Damit können sie weit entfernte Geräusche, wie etwa die Meeresbrandung, hören. Zudem sind sie in der Lage, den Geruch des Heimatschlages über große Entfernungen zu empfangen.

8700-Kilometer-Flug: Spektakuläre Heimkehrer unter den Tauben gibt es immer wieder. Den Rekord des längsten Taubenflugs hält eine namenlose Taube, die dem Duke of Wellington gehörte und am 1. Juli 1845 vor der Küste des ehemaligen Namibia freigelassen wurde.

In 55 Tagen flog der Vogel 8700 Kilometer zurück nach London. Das Happy End blieb allerdings aus. Einen Kilometer vor seinem Schlag wurde das Tier tot in einem Rinnstein gefunden.

1,6 Mio-Euro-Taube: Am 16. November 2020 machte eine Taube Schlagzeilen. „New Kim“, eine Taube der belgischen Züchter Gaston und Kurt Van De Wouwer wechselte um 1,6 Millionen Euro den Besitzer. Sie gilt aktuell als teuerste Taube der Welt. Ersteigert wurde sie von einem anonymen Käufer aus China. Es soll sich um den gleichen Bieter handeln, der bereits im März 2019 den Tauber „Amando“ um 1,252 Millionen Euro ersteigert hatte.

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Roswitha Fitzinger

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