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Reisen

Zeitreise ins Prosecco-Land - Wo die Monarchie ihr Ende nahm

Von Gerald Mandlbauer  18. September 2022 08:30 Uhr

Zeitreise ins Prosecco-Land Wo die Monarchie ihr Ende nahm
Grün in allen Schattierungen – im Herzen des Prosecco bei Tarzo.

"Prosecco immer dabei", schrieb Weinkenner Willi Klinger über das massenhaft getrunkene Modegetränk. Doch zugleich gibt es mehr guten Prosecco als jemals zuvor, den Besten zwischen den Orten Conegliano und Valdobbiadene im Veneto. Dass hier auch Weltgeschichte geschrieben wurde, gerät in Vergessenheit.

Im Oktober 1918 wurde zwischen Piave und Vittorio Veneto die kriegsentscheidende dritte Piaveschlacht geschlagen und so der Untergang der Donaumonarchie besiegelt. Großvater, kaum 18-jährig, ist dabei gewesen. Seine Tagebücher, die wir später gefunden haben, zeugen vom Drama einer ausgemergelten und von fünf langen Kriegsjahren erschöpften Armee. 1917 hatten die Österreicher in einem Überraschungsangriff ("das Wunder von Karfreit") Italiens Armeen über den Tagliamento in die Ebene und bis an den Piave getrieben. 300.000 Italiener wurden gefangen, 400.000 desertierten. Es sollte ein Pyrrhussieg werden, die Front wurde überdehnt, in zwei Piaveschlachten konnte keine Entscheidung erzwungen werden. Für den 24. Oktober 1918 befahl General Armando Diaz als italienischer Oberbefehlshaber die Gegenoffensive, das Übersetzen des hochwasserführenden Piave. "Blut und Wasser im Schützengraben, andauerndes Trommelfeuer, wann hört das alles auf?", schrieb Großvater.

Italien trieb Österreichs fünfte und sechste Armee auseinander, Gegenangriffe unter General Boroevic ("der Löwe vom Isonzo") blieben erfolglos, in einem Sichelschnitt wurde Vittorio Veneto genommen, an die Stadt des Sieges erinnern heute Straßennamen in ganz Italien.

Für Großvater blieb der Krieg zeitlebens sein Trauma. Immer, wenn er sommers seine Knickerbocker und den Steirerjanker anhatte, den Rucksack gepackt mit Speck und Brot, den Stock in der Rechten, wussten wir, dass es in den Veneto ging, zum Monte Grappa, an den Piave. Auf seinen alten Landkarten waren die Namen eingeringelt, die damals in den Tagesbefehlen eine Rolle spielten, oder besser für ihn: Bassano, Farra di Soligo, San Vito al Tagliamento, Monte Grappa.

Mehr als 100 Jahre später sind es Leute, die an den Rändern urlauben, die es hierher verschlägt. Es tut dem Prosecco-Land gut, es behält seinen Charakter. Unser Stützpunkt ist das empfehlenswerte Relais d’Arfanta, versteckt und schwer zu finden, unterhalb von Tarzo in den Weinbergen gelegen, ein Haus mit wenigen Zimmern, geführt von der Südtirolerin Renate Ortner. Ihr Lebensgefährte Giovanni leitet in Follina das mit einer Michelin-Haube ausgezeichnete Restaurant La Corte, wir nehmen das grüne Menü, Giovanni erklärt uns das Wesen des Prosecco. Wer ihn trocken trinken will, muss Extra Brut oder Brut bestellen, Extra Dry und Dry haben Restzucker, 2009 wurde die Traube in Glera umgetauft, die Ursprungsbezeichnung eingeführt. Damit wurde die Massenentwicklung mit billigem Prosecco, der in Tankzügen nach Nordeuropa gefahren und dort abgefüllt wurde (auch in Dosen), gebremst. Der beste Prosecco trägt den Zusatz Cartizze und stammt aus zwei Dörfern aus Valdobbiadene.

Das Bergdorf Rolle zwischen Conegliano und Valdobbiadene

Sport, Genuss und Weltgeschichte

Giovannis Hobby ist das Rennradfahren – seine Gäste sind Touristen aus Übersee, die hier den Sport und das Genießen als Kombination betreiben. Überhaupt ist das Prosecco ein großartiges Rennrad-Gebiet. Wir ziehen Runden, über Refrontolo Richtung Vittorio Veneto, tags darauf nach Norden Richtung San Boldo. Diese Passstraße, die hinüberführt nach Feltre im Belluno ist ein Meisterwerk österreichischer Ingenieurskunst. Sie wird die "Straße der 100 Tage" genannt, in so kurzer Zeit haben österreichische Ingenieure oben auf der Passhöhe fünf übereinanderliegende Tunnel in die steile Wand gebaut. Eine Ampel regelt den Verkehr, beim Ampelstopp kommen wir mit einem amerikanischen Manager der Rieder Skifabrik Fischer ins Gespräch. Fischer produziert in der Gegend von Valdobbiadene Schuhe und Bindungen – noch so eine Verbindung zwischen dem Veneto und Österreich. Die globale Sportartikelindustrie hat sich in der Gegend von Bassano angesiedelt und lässt in italienischen Manufakturen fertigen. Wer aus dem Prosecco-Gebiet nach Treviso, die Stadt des Radicchio, fährt, erkennt diese Spezialisierung an den vielen Sport-Outlets, die sich am Straßenrand befinden.

Zurück in die Vergangenheit und ins Prosecco, das ein Schachbrett ist, auf dem Weltgeschichte geschrieben wurde. Es hat 33 Grad, wir sitzen in der Bar "River Side" in Nervesa della Battaglia am Ufer des Piave, historische Geschütze erinnern an die Entscheidungsschlacht vor mehr als hundert Jahren. Die "Arditi", Sturmkämpfer, schlugen sich anfangs über drei Brücken über den Piave, die anderen Brücken hatte das Hochwasser eingerissen. Von Vidor im Westen bis Susegana führt ein Pfad (La Grande Guerra da Ponte a Ponte), Schaubilder, Mahnmale, Gedenkstätten säumen die Strecke.

Romantischer Stützpunkt in den Weinbergen ist das Relais d’Arfanta bei Tarzo.

Artikel von

Gerald Mandlbauer

Chefkommentator und Mitglied der Chefredaktion

Gerald Mandlbauer

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