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Gesundheit

Wie Orte auf uns wirken

Von Claudia Riedler  21. Oktober 2020 00:04 Uhr

Wie Orte auf uns wirken

Krankheit, Streit, Erfolg oder Liebe? Eine Historikerin begibt sich auf die Suche nach wiederkehrenden Mustern.

Zuerst ist es nur ein Gefühl, der erste Eindruck in einem Haus, auf einem Grundstück oder in einem Büro. Man fühlt sich angezogen von einem Ort oder aber man empfindet ihn als unangenehm ... Und dann kommt die Historikerin Roberta Rio, recherchiert in Archiven, was früher an diesem Ort war. Dabei stößt sie auf wiederkehrende Muster: Scheidungen, Krankheiten, Firmen, die scheiterten, aber auch Erfolg oder Gemeinschaft.

"Das Ergebnis meiner Arbeit bestätigt oft den ersten Eindruck", sagt Rio, die 2008 damit begonnen hat, die Wirkung von Orten zu erforschen. Sie hatte Gastprofessuren in Bologna, Wien, Berlin und an der JKU Linz.

Jetzt hat sie ein Buch voll mit Fallbeispielen und historischen Zusammenhängen geschrieben: Der Topophilia Effekt (edition a, 22 Euro). Mit den OÖN sprach sie über ihre Arbeit, über Lieblingsorte und die klare Abgrenzung zu Esoterik und Aberglaube.

OÖN: Was bedeutet Topophilia, der Titel Ihres Buches?

Roberta Rio: Topophilia ist die Liebe zu Orten.

Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Durch die schwere Krankheit meiner Mutter. Auf der Suche nach den Ursachen für ihr Leiden fand ich beim berühmten Arzt Hippokrates die Empfehlung, den Wohnort zu wechseln. Das wollten meine Eltern aber beide nicht. Meine Mutter starb an Krebs.Und ich setzte mich ab dem Zeitpunkt noch intensiver mit der Wirkung von Orten auf Menschen auseinander.

Was können Orte bewirken?

Sie können Einfluss auf Gesundheit, beruflichen Erfolg und Beziehungen haben. Das wussten viele Völker schon vor Jahrtausenden. Mit der Aufklärung ist dieses Wissen verloren gegangen. Es gibt so etwas wie den Geist eines Ortes für einen bestimmten Zweck. Beispiel: Wo lange Zeit ein Friedhof war, sollte kein Wohnhaus stehen. Eine Kompostieranlage wäre aber gut.

Wer beauftragt Sie und wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor?

Das sind Privatpersonen und Unternehmen, etwa aus dem Tourismus- oder Dienstleistungsbereich. Ein Paar ist beispielsweise übersiedelt und hat in der neuen Wohnung sehr viel gestritten. Da fand ich heraus, dass früher an diesem Ort ein Gerichtshof stand. Ich recherchiere in Stadt- und Kirchenarchiven bis ins 16. Jahrhundert zurück. Meist zeigt sich das Muster aber schon viel früher. Und ich spreche mit den Menschen der Umgebung.

Wo endet Wissenschaft und beginnt Esoterik und Aberglaube?

Meine Arbeit hat mit Geschichte und Statistik zu tun. Ich recherchiere Muster, die wiederkehren. Warum sich gewisse Dinge wiederholen, kann ich nicht sagen. Und es bleibt jedem überlassen, was er mit dem Wissen macht. Die Wirkung eines Ortes ist ein Faktor von vielen. Es reicht also nicht, einfach den Ort zu wechseln und man ist wieder gesund. Da gehört mehr dazu.

Wirken Orte auf jeden Menschen gleich?

Nein. Der Psychiater C. G. Jung hat gesagt, dass Orte auch eine gewisse Erfahrung ermöglichen können. Es gibt also keine guten oder schlechten Orte, sie dienen aber meist seit Jahrhunderten einem bestimmten Zweck. Und dieses Wissen kann man nutzen.

Fast jeder hat einen oder mehrere Lieblingsorte. Was hat es damit auf sich?

Mein Lieblingsort ist eine Felsenkirche in der Toskana. Hier überkommt mich eine innere Ruhe, meine Atmung wird gelassener, mein Puls verlangsamt sich. Eine neue Studie des Neurowissenschaftlers Bertram Opitz hat ergeben, dass schon der Anblick des Lieblingsortes auf einem Bild genügt, um die Amygdala zu aktivieren. Diese ist im Gehirn für die schnelle und unbewusste Verarbeitung von Emotionen zuständig.

Wie sollte man vorgehen, wenn man einen passenden Wohnort finden möchte?

Zunächst sollte man auf den ersten Eindruck vertrauen. Das sind Körperreakionen wie etwa eine Veränderung der Atmung, die jeder hat. Man muss ihnen nur Raum geben. Dann kann man schauen, wer sonst dort wohnt. Wer einen Hund hat, kann darauf achten, ob er sich wohlfühlt. Man kann die Pflanzen anschauen und mit den Menschen vor Ort reden, vor allem mit den älteren. Und man kann selbst Historiker werden und die Geschichte des Ortes recherchieren.

Artikel von

Claudia Riedler

Leiterin Redaktion Leben und Gesundheit

Claudia Riedler

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