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Hochsensibel: Wenn Reize Stress verursachen

16. März 2012 11:58 Uhr

Hochsensibel ? Wenn Reize Stress verursachen

Zahllose Sinneseindrücke prasseln unaufhörlich auf uns ein. Die meisten davon nehmen wir gar nicht bewusst wahr, sie bereiten uns in der Regel keine Probleme. Dies gilt für die Mehrheit der Bevölkerung, aber längst nicht für alle.Ein Auto hupt, der Computer surrt, ein Handy läutet; beim Zappen durch das Fernsehprogramm bombardieren uns in rascher Abfolge Bilder und Töne – Reize wirken ständig auf uns ein. Vorwiegend handelt es sich um Geräusche, optische Eindrücke, aber auch Düfte und Berührungen.

Flut an Eindrücken

Nach Expertenschätzung leiden rund 20 Prozent aller Österreicher unter einem Zuviel an Reizen. Man nennt diese Menschen „hochsensible Personen“. Bei ihnen gelangen mehr Reize als üblich ins Bewusstsein. Den Grund dafür erklärt Dr. Günther Possnigg, Psychotherapeut und Facharzt für Neurologie und Psychiatrie in Wien: „Bei Hochsensiblen werden Sinnesreize im Gehirn weniger gefiltert als üblich. Sie nehmen Dinge bewusst wahr, die normalerweise nicht wahrgenommen werden. So etwa das ständige Rauschen des Verkehrs oder den Geruch eines dezenten Parfums.“
Weiters benötigen Hochsensible viel Zeit, Eindrücke zu reflektieren und darüber zu grübeln. Die aufgenommenen Reize wollen „verdaut“ werden und die Nerven brauchen anschließend Erholung. Ist das nicht möglich, tritt rasch der Punkt ein, an dem man nur mehr davonlaufen möchte. Hochsensibilität bedeutet demnach eine gesteigerte Sensibilität in Bezug auf die Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen und nicht die „emotionale Dünnhäutigkeit“ eines Menschen.

Veranlagung, keine Krankheit

Hochsensibilität ist ein Persönlichkeitsmerkmal und keine Krankheit oder Störung. Freilich braucht es eine Lebensweise, die den speziellen Bedürfnissen nach Reizarmut entspricht, um gesund zu bleiben. Eine ständige Reizüberflutung bedeutet ein Gesundheitsrisiko samt der Gefahr, psychische oder psychosomatische Erkrankungen zu entwickeln.

Behandeln bei Leidensdruck

Da Hochsensibilität keine Erkrankung ist, lässt sich diese Veranlagung auch nicht direkt behandeln. „Nur wer mit seiner sensiblen Wahrnehmung nicht leben kann und Leidensdruck entwickelt, sollte an eine Psychotherapie denken. Hier lernt man, besser mit den Reizen umzugehen“, so Possnigg.
Den Griff zu Medikamenten empfiehlt der Neurologe nur bei bereits eingetretener emotionaler Erschöpfung. „Mit leichten Antidepressiva fühlt man sich umhüllt und beschützt. Achtung bei der Dosierung von Medikamenten. Einerseits wirken diese bei Hochsensiblen oft stärker, andererseits oft auch gar nicht. Oft gibt es nur Nebenwirkungen“, erklärt Possnigg.

Keine Abhärtung, keine Gewöhnung

Wenig Sinn sieht der Neurologe im Versuch, sich gegen die Reizeinwirkung abzuhärten. Possnigg: „Das nützt nichts. Wer Lärm nicht aushält, dem bringt es nichts, sich vorsätzlich Lärm auszusetzen. Sein nervliches Anpassungspotential ist längst erschöpft.“
Auch eine Gewöhnung an Reize sei nicht möglich. Ein Beispiel: Läuft im Büro ein Radio, bereitet dies Hochsensiblen häufig Probleme. Sie können sich nicht auf die Arbeit konzentrieren, lehnen die Musik zunehmend ab und beginnen zu leiden. Der Ratschlag, „Daran gewöhnst du dich schon“, trifft auf diese Menschen nicht zu. „Dazu bräuchte es einen effektiven Reizfilter, und der ist eben nicht vorhanden. Mit der Zeit verstärkt sich das Problem sogar noch“, so der Neurologe.
Besser sei es, die Geräusche zu dämpfen oder wenn möglich die Geräuschquelle zu eliminieren. „Genieren Sie sich nicht, zu sagen, dass es Ihnen zu laut ist. Erklären Sie Ihren Kollegen, wie es Ihnen geht und suchen Sie deren Verständnis. Letztendlich sollte man aber durchsetzen, was einem gut tut“, rät Possnigg.

Stress durch Überforderung des Nervensystems

Hochsensible stoßen im Falle störender Reize in der Regel früh an ihre Belastungsgrenzen. Der Körper reagiert auf die Überreizung des Nervensystems mit Symptomen wie muskuläre Verspannungen, Schmerzen und Müdigkeit. Schnell entsteht das Bedürfnis, die Situation zu verlassen, zu fliehen. Da dies meist nicht möglich ist, erhöht sich der Stresslevel noch weiter.
Hochsensible leiden häufig auch an Angststörungen oder sind von Burnout als Folge von massivem Arbeitsstress betroffen. „Viele haben Angst, in der Arbeit zu versagen, zu wenig leisten zu können. Durch diese Ängste werden sie tatsächlich noch weniger belastbar, denn sie rauben ihnen die Energie“, so Possnigg.

Hochsensible und Arbeitsdruck

Negativer Stress entsteht bei Hochsensiblen vor allem durch hohen Reiz-Input plus den Versuch, die Reize abzuwehren oder diese zu verarbeiten. Arbeitsstress entsteht vor allem dann, wenn man seine Grenzen, die einem die Veranlagung aufzwingt, nicht beachtet.
„Hochsensible wissen meist genau, wo ihre Belastungsgrenzen liegen. Gelingt es ihnen, das Überangebot an Reizen zu reduzieren und gleichzeitig zu ihrer Veranlagung zu stehen, erbringen sie gute Leistungen und sind oft kreative Menschen. Diejenigen, die sich ständig überfordern, nähern sich Erschöpfungszuständen. Manche kämpfen gleichsam bis zum letzten Tropfen, bis sie nicht mehr können und sie einen Arzt oder Therapeuten brauchen“, sagt Possnigg.

Strategien gegen Stress

Verschiedene körperliche und geistige Aktivitäten, helfen Stress abzubauen bzw. zu vermeiden:
Sport und Bewegung hilft Stress abzubauen und machen zudem resistenter gegen künftige Stresssituationen. „Regelmäßige Bewegung ist vor allem bei sitzender Arbeit wichtig. Sie hält den Körper in Schuss und baut Stresshormone ab“, rät Possnigg zu vermehrter körperlicher Aktivität. Während der Arbeitszeit regelmäßig Pausen einlegen und in diesen Auszeiten das machen, was einen persönlich entspannt. Wenn möglich, den persönlichen Rhythmus beachten. Die eigenen Grenzen beachten und selbstbewusst durchsetzen. Vermeidbare Lärmquellen abstellen. Prioritäten setzen und nicht alles zugleich erledigen wollen. Das Selbstbewusstsein stärken und zu sich stehen. Sich selbst als durchaus wichtiger Faktor am Arbeitsplatz erkennen. Lernen, Grenzen zu setzen und Nein zu sagen. Freilich nicht „mit dem Kopf durch die Wand“, sondern den Kollegen klar machen, warum man bestimmte Sachen anders macht; um Verständnis werben. Ausgleichende Freizeitbeschäftigung: Wichtig sind Beschäftigungen, die mit dem Beruf nichts zu tun haben. Abwechslung hilft enorm und verhindert eine geistige Nachbeschäftigung mit der Arbeit (Grübeln, Hadern mit Geschehenem etc.) „Machen Sie also etwas völlig anderes. Im Chor singen, sporteln, mit den Kindern spielen. Auf die Abwechslung kommt es an“, rät Possnigg. Aktivität ist der passiven Berieselung vorzuziehen. Wer in der Freizeit nur vor dem TV-Schirm oder dem PC sitzt, der wird angesammelte Stresshormone nicht los. Die Folge sind Erschöpfung, Verspannungen, Schlafprobleme.Der Therapeut verrät einen mentalen Trick, wie man sich vor unliebsamen Reizen innerlich abschirmen kann. „In einer Psychotherapie erlernt man, sich selbst zu schützen. Dabei legt man sich geistig einen dicken Mantel zu, der einen umhüllt, oder einen magischen Panzer. Oder man stellt sich eine Glocke vor, die man sich als Schutz überstülpt.“

Dr. Thomas Hartl
März 2012

Foto: Bilderbox

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