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Kultur

Vom Werden und Vergehen, von kranken Menschen und Pflanzen

Von Christian Schacherreiter  21. Juni 2021 00:04 Uhr

David Fuchs
Schreibender Arzt: David Fuchs

Der Palliativmediziner David Fuchs legt mit seinem Gedichtband "Handbuch der Pflanzenkrankheiten" intensive Lyrik vor.

Lyrik und Medizin, so scheint es, haben nicht viel miteinander zu tun, aber manchmal kann der Schein trügen. Friedrich Schiller dichtete nicht nur umfangreiche Balladen, er war auch ausgebildeter Regimentsmedikus. Gottfried Benn praktizierte nicht nur als Arzt, sondern machte seine Erfahrungen in der Pathologie zum Thema des Lyrik-Zyklus "Morgue".

Als Dritter im Bunde (mit gebührendem Abstand zu den Klassikern) stellt sich nun der Linzer Palliativmediziner David Fuchs mit dem Lyrikband "Handbuch der Pflanzenkrankheiten" vor. Als Romancier hat Fuchs schon einigen Ruhm erworben ("Bevor wir verschwinden", "Leichte Böden") und seine Gedichte wurden aus gutem Grund mit dem Feldkirchner Lyrikpreis 2018 gewürdigt. Denn Fuchs erweist sich darin als sehr genauer, sprachbewusster und hintergründig ironischer Autor. Er greift – unter anderem aus älteren Werken zur Pflanzenkunde – Sprachmuster auf, die medizinischen Sprachmustern der Gegenwart ähnlich sind, so etwa wenn in einem "Garten Lexicon" von 1751 vom "Baumkrebs" berichtet wird, der einen ganzen Baum verderben kann, sofern dem Übel nicht rechtzeitig abgeholfen wird. Über Mensch und Pflanze wird mit denselben Metaphern gesprochen, die elementaren Prozesse des Werdens, Gedeihens, Verderbens und Vergehens werden vergleichbar. So weht uns aus den subtilen Texten des Arztes David Fuchs die leise Kälte eines illusionslosen Naturalismus an, der aber – im Unterschied zu den Morgue-Gedichten von Gottfried Benn – nie ins Zynische kippt.

Zu manchen Texten dürfte Benn allerdings schon den Impuls gegeben haben. So folgt das Gedicht "die lohkrankheit" in Gestus und Rhythmus Benns "Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke".

Die hintergründigen Bedeutungszusammenhänge in David Fuchs’ Lyrik erschließen sich wahrscheinlich nur für Leserinnen und Leser, die mit medizinischem Fachvokabular und dem Arbeitsfeld Medizin vertraut sind. Ungeachtet dessen ist aber das "Handbuch der Pflanzenkrankheiten" keine Fachliteratur für Ärzte und Gärtner.

Die Intensität dieser Lyrik vermittelt sich allen, die moderne Lyrik mögen, und die zarten Illustrationen der Künstlerin ZHON machen das Buch auch zum bibliophilen Vergnügen.

David Fuchs: "Handbuch der Pflanzenkrankheiten", Gedichte, Haymon Verlag, 130 Seiten, 22,90 Euro

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Christian Schacherreiter

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