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Literatur

Brieflicher Dominoeffekt

Von Roswitha Fitzinger 18. Mai 2019 00:04 Uhr

Brieflicher Dominoeffekt
Gérard Salem

Gérard Salems einziger Roman führt uns die Bedeutung der Familie und des Briefeschreibens vor Augen.

Wann haben Sie zuletzt einen Brief geschrieben? Genau diese Anordnung bekommt Boris von seinem Therapeuten. Der erfolgreiche Bänker, Anfang 40, ist geschieden, außerdem krank. Nach einem Zerwürfnis mit dem Vater hat er sich schon vor Jahren von seiner Familie losgesagt. Als er nun auch seine beiden Söhne zu verlieren droht, folgt eine Art Zusammenbruch. Boris sucht Hilfe bei Yuri, der ihm den medizinischen Rat gibt, mit seiner Familie in Kontakt zu treten – ausgerechnet. Nicht telefonisch, nicht persönlich, auch ein elektronischer Datenverkehr sei der falsche Weg, so der Therapeut, vielmehr müsse der Austausch auf einer "körperlichen Ebene stattfinden". Boris soll einen handgeschriebenen Brief verfassen.

"Ich dachte ich sei fertig mit euch, hätte euch aus meinem Gedächtnis gestrichen, ich hoffe, euch mit diesem Brief den Tag zu verderben" – alles andere als versöhnende Zeilen richtet der Bänker nach jahrelanger Funkstille an seine Eltern. Zeilen eines zutiefst gekränkten Menschen, die jedoch einen Dominoeffekt auslösen. Zwischen Genf, New York, London, Paris flattern plötzlich die Briefe zwischen den Familienmitgliedern hin und her. Eltern, Geschwister, Onkel und sogar Cousins und Cousinen tauschen sich aus, finden Gefallen am Briefeschreiben. Ich glaube an die Kraft handgeschriebener Texte. Schreiben ist Zeichnen, wird Paul Klee zitiert oder ein lateinisches Sprichwort: "Scripta manent", das Geschriebene bleibt. Überhaupt wird auf allerhand Literarisches Bezug genommen, etwa auf Kafkas "Brief an den Vater".

Der Eindruck täuscht nicht, es handelt sich um eine äußerst gebildete Familie. Trotz aller Intellektualität gibt es auch in ihr Geheimnisse, leiden ihre Mitglieder unter vermeintlichen Ungerechtigkeiten und Kränkungen. All das kommt durch die Briefe aufs Tapet. Auch Yuri, der Therapeut, beteiligt sich an dem regen Briefverkehr, wirft aus professioneller Sicht einen Blick auf die Familie, gibt Ratschläge. Der Brotberuf des Autors wird hier augenscheinlich. Salem war als Psychiater und Hypnosetherapeut tätig und auf Familientherapie spezialisiert. "Du wirst an dem Tag erwachsen..." ist der einzige Roman des Franzosen, der im Vorjahr starb.

Salem versteht es vorzüglich, Fachliches und Narratives zu einer Einheit werden zu lassen. Nie drängt sich der Therapeut in den Vordergrund. Mit Leichtigkeit liest sich der Leser durch den Briefverkehr, wartet gespannt auf das nächste Kapitel, von dem jedes einem Brief entspricht – mit Ort, Datum, Anrede bis hin zur Abschiedsformel samt Verfasser. Die Schreiber wechseln permanent in willkürlicher Reihenfolge, was Spannung und Leselust gleichermaßen vorantreibt. Eine 200-seitige Hommage an die Familie und ans Briefeschreiben, die einen am liebsten selbst sofort loslegen ließe.

Artikel von

Roswitha Fitzinger

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