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Kultur

"Als Künstler wird man gottgleich, durch meine Werke leb' ich ewig"

Von Peter Grubmüller  22. August 2020 00:04 Uhr

"Als Künstler wird man gottgleich, durch meine Werke leb’ ich ewig"
Christian Ludwig Attersee fühlt sich nicht wie 80, sondern wie 18.

Am Freitag wird Christian Ludwig Attersee 80. Im OÖN-Interview spricht er unter anderem über Erotik in der Kunst und erklärt, warum das Alter für ihn keine Rolle spielt.

Christian Ludwig Attersee hat von der Malerei bis zur Opern-Inszenierung kaum eine Kunst-Disziplin ausgelassen. 1940 wurde er als Christian Ludwig in Bratislava geboren, er wuchs in Linz und am Attersee auf, am Freitag wird er 80. Der mehrfache Segel-Staatsmeister ist auf seinem "Drachen" noch immer auf dem Attersee unterwegs. Seinen Geburtstag feiert er in der Galerie Schloss Parz mit einer Ausstellung (29. 8.-23. 11.).

 

OÖN: Über all Ihrer Kunst schwebt Erotik – weshalb haben Sie Erotik zum Lebens- und Kommunikationsmittel stilisiert?

Christian Ludwig Attersee: Menschen, die auf Erotik verzichten, verzichten auf das Leben. Ich versuche immer wieder neue Erweiterungen der Erotik zu finden, das entdeckt man in all meinen Arbeiten. Schließlich ist mit Erotik auch alles besser zu vermitteln, Erotik ist die Verbindung von allem.

Nun werden Sie 80, wie hat sich Ihre Wahrnehmung von Erotik im Laufe der Jahre verändert?

Erotik verändert sich kaum, weil sie nichts mit Sexualität zu tun hat. Sie ist mehr und ein für sich stehender Teil des Lebens, mit dem man spielen kann. Eine erotische Beziehung kann ich zu meiner Schallplattensammlung genauso wie zu einem Glas Wein haben. Ich hab ja auch die Kunst zur Erotik des Alltags zurückgebracht, unter anderem mit meinen Würfelbüstenhaltern. Es geht um Dinge, die man angreifen kann, insofern bin ich kein Fan von Streamings oder der Pixel-Welt. Nehmen Sie einmal eine chinesische Vase, die Ihnen gefällt, in die Hand – in diesem Moment entwickeln Sie eine erotische Beziehung zu dieser Vase. Beim Arbeiten erlebe ich ja auch einen Ganzkörperorgasmus, der nichts mit einer Erektion zu tun hat.

Ihre nackte Skifahrerin auf dem Werbeplakat für die Weltcup-Rennen auf dem Semmering 2018 hat heftige Proteste ausgelöst, der Skiverband zog das Plakat zurück. Wie denken Sie heute über diese Aufregung?

Das war Unsinn – und auch der Presserat hatte da kein Recht, in die Kunst einzugreifen. Ich hätte klagen können, hab’ es aber nicht getan, weil drei Wochen später meine große Ausstellung im Belvedere eröffnet wurde. Dafür war es immerhin eine kostenlose, nicht erwünschte PR.

Als Bub kamen Sie nach Linz, warum wollten Sie schon als Teenager nach Wien?

Mit 16 bin ich meinen Eltern und Linz entflohen, weil ich auf der Hochschule für angewandte Kunst in Wien als jüngster Schüler aufgenommen wurde. Ursprünglich wollte ich Sänger werden, aber nachdem ich fast taub bin, was von einer Mittelohrentzündung als Kleinkind kommt, wollte mich niemand unterrichten.

Sie nennen Ihre Arbeitsprozesse "atterseeisieren" – was verstehen Sie darunter?

Alles, was ich in die Hand nehme und verändere, ist atterseeisiert – etwa wenn ich aus Ketchup einen Speiseplan mache. Dann erfährt das Objekt eine gesellschaftskritische Aufladung, die sich in der Kunst versteckt.

Sie haben mir einmal erzählt, wenn Sie im Fernsehen den Begriff "Kochkunst" hören, erschaudern Sie – warum?

Weil auf diese Weise das Wort Kunst verkommt. Wenn alles Kunst ist, gibt es bald keine mehr. Die Hochkunst ist deshalb am Zerbrechen…

…inwiefern?

Uns wird im Fernsehen heute alles vorgeführt. Der Hunger jedes Kindes aus Afrika, jede kriegerische Schlacht in Syrien, untergehende Schlauchboote im Mittelmeer, insofern werden wir täglich wie noch nie mit schlechten Nachrichten überflutet. So etwas prägt die Menschen – jetzt kam auch noch Corona dazu. Die Leute grübeln, das nimmt in der Fantasie eines Menschen viel Platz weg, obwohl wir alle nichts anderes wollen, als glücklich zu leben. Junge Künstler werden unter all das einen Schlussstrich ziehen. Und was wir bisher Kunst genannt haben, wird andere Formen finden. Die von mir so geliebte Welt der Gegenstände wird eine andere Funktion bekommen.

Was bedeutet das für die künftige Präsentation von Kunst?

Auch das wird sich ändern. Meine Frau (Ingried Brugger, Direktorin des Bank Austria Kunstforums, Anm.) organisiert gerade eine Ausstellung von Gerhard Richter. In einigen Jahren wird es keine Ausstellungen in Museen mehr geben, zumindest nicht mehr in dieser Form. Die Versicherung von einem Richter-Bild kostet 50.000 Euro, das wird irgendwann zum Unsinn erklärt werden und nicht mehr machbar sein. In China leben sie seit Jahrzehnten mit Drucken, wir sind glücklicherweise große Verehrer des Originals, aber das könnte vergänglich sein.

Hat das Alter etwas Beängstigendes für Sie?

Also, ich brauch’ das Alter nicht, obwohl ich mich nicht wie 80, sondern wie 18 fühle. Ich arbeite ja weiterhin Tag und Nacht. Und als Künstler wird man gottgleich – durch meine Werke leb’ ich ewig.

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