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Familie

Psychiater Winterhoff: „Jugend ist arbeitsunfähig“

Von Christina Tropper   01. September 2012 00:04 Uhr

„Jugend ist arbeitsunfähig“
Kinderpsychiater Michael Winterhoff

Sein Urteil ist hart: „Kinder, die auf uns zukommen, sind lustorientiert. Sie haben keine Frustrationstoleranz, keine Gewissensinstanz oder Arbeitshaltung.“ Das sagt der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff.

Michael Winterhoff ist Bestsellerautor und hat bereits mehrere Millionen Bücher verkauft. Die Thesen des Kinderpsychiaters und Psychotherapeuten sind bei Experten nicht unumstritten, dennoch gilt Winterhoff als einer der wichtigsten Erziehungsratgeber im deutschsprachigen Raum. Passend zum Schulanfang wird der 57-Jährige einen Vortrag in Linz halten – die OÖNachrichten haben vorab mit dem Erzieher aus Leidenschaft gesprochen.

 

OÖNachrichten: Gehen Sie mit der Jugend nicht zu hart ins Gericht, wenn Sie sagen, dass sie keine soziale Kompetenz und keine Arbeitshaltung hat?
Winterhoff: Nein, das ist so. In Deutschland sind 46 Prozent der 18-Jährigen nicht arbeitsfähig. Fast jedes zweite Kind ist heute in Logo-, Psycho- oder Ergotherapie. Und die Ritalin-Verordnungen – wir sprechen dabei übrigens über ein Medikament, das dem Betäubungsmittelgesetz unterliegt – lagen 1993 noch bei 30 Kilogramm für ganz Deutschland. Heute werden 1,8 Tonnen in der Bundesrepublik verschrieben.

Was verstehen Sie unter nicht arbeitsfähig?
Die einen haben keinen Abschluss, die anderen bewerben sich einfach nicht. Das gibt es auch in Österreich, wenn auch nicht so verschärft wie in Deutschland: Firmen beklagen, dass die Jungen immer weniger mathematische Kenntnisse haben und dass die Kulturtechniken fehlen. Und das, obwohl sie in der Schule waren.

Wie können neun Jahre Schulbildung spurlos vorbeigehen?
Weil die Kinder- und Jugendlichen die emotionale Intelligenz von Kleinkindern haben. Sie sind auf der Stufe von zehn bis 16 Monate alten Kindern – alles dreht sich um sie. Sie glauben, dass sie alles steuern und bestimmen können. Diese jungen Menschen agieren nur in ihrem eigenen Lustbereich, können Strukturen nicht erkennen. Sie wissen nicht, dass man sich im Unterricht anders benehmen muss als in der Pause. Diese jungen Erwachsenen haben den Reifegrad von Kleinkindern und können demnach nicht arbeiten oder Partnerschaften eingehen. Sie werden als Erwachsene ihren Eltern am Schoß sitzen bleiben.

Sie sprechen von der Situation in Deutschland – wie schaut es in Österreich aus?
In Deutschland ist die Situation schon vor Jahren gekippt – die Erwachsenen wissen schon gar nicht mehr, was bei Kindern normal ist. Kann ein Volksschulkind überhaupt vier Stunden sitzen? Geht das denn? In Österreich kippt die Situation gerade jetzt – viele Kinder werden schlagartig auffällig.

Was sagt das über die Eltern und unsere Gesellschaft aus? Immerhin sagt doch ein Sprichwort: „Jede Gesellschaft hat die Kinder, die sie verdient.“
Das ist mir zu böse. Die Eltern sind ja oft sehr engagiert. Trotzdem kommt es zu dieser Fehlentwicklung, die keiner haben will. Ich sehe die Ursache in den gesellschaftlichen Änderungen seit 1990: Die Erwachsenen sind mit dem Übergang vom analogen in das digitale Zeitalter überfordert. Wir leben in einer Zeit der permanenten Erreichbarkeit – es gibt hohe Unsicherheiten, was den Arbeitsplatz und die wirtschaftliche Situation betrifft. Und auf diese Belastungen unserer Psyche kommen ständig Katastrophennachrichten. Wir sind also 24 Stunden in Alarmbereitschaft, unter Dauerstrom. Das ist fatal für einen selbst. Und hat Auswirkungen auf die Kinder – die brauchen Erwachsene, die in sich ruhen und Entscheidungen treffen. Die Kinder wie Kinder behandeln und nicht partnerschaftlich wie Erwachsene.

Wie können Eltern wieder gute Eltern werden?
Sie müssen aus der ständigen Alarmbereitschaft kommen, aus dem Hamsterrad ausbrechen.

Wie geht das?
Ich gehe alle zwei bis drei Wochen für mehrere Stunden in den Wald. Man muss es so lange zu tun, bis man nichts mehr denkt – bis man sich selbst in seinen eigenen Grenzen spürt. Zu vielen Problemen gewinnt man dann Distanz und Gelassenheit. Man sieht auch die eigenen Kinder mit Distanz und wird anders mit ihnen umgehen.

Was sollen die Lehrer tun?
Ich befasse mich nicht mit Schulformen, also Ganztagsschule etc., sondern mit Unterrichtsformen. Die Pädagogen müssen die soziale Intelligenz fördern – durch Führung. Sie müssen Kinder als Kinder sehen, sie liebevoll anleiten und lenken. Es geht darum, Entscheidungen für Kinder zu treffen und ihnen nicht die Verantwortung zu überlassen. Denn damit sind sie überfordert. Ob Frontal- oder Gruppenunterricht ist dabei egal. Es geht darum, dass die Lehrer die Kinder auf sich beziehen.

Was passiert, wenn nichts passiert?
Der soziale Friede ist gefährdet, weil wir eine immer größere Gruppe haben werden, die wir finanzieren müssen. Dabei kann diesen jungen Menschen einfach geholfen werden. Wir sind gefordert, gegenzusteuern, damit sich unsere Kinder entwickeln können.

 

„Mit der Schule beginnt der Ernst des Lebens“
Der Schulbeginn ist für die Kinder ein einschneidendes Erlebnis – Psychotherapeutin Irmgard Hauer gibt Tipps für den Start.
Rund 14.000 Taferlklassler werden in Oberösterreich heuer zum ersten Mal die Schulbank drücken. Psychotherapeutin Irmgard Hauer: „Mit der Schule beginnt der Ernst des Lebens“, sagt die Expertin. Erstmals kommt neben den Eltern eine neue Autorität ins Spiel, Kinder müssen nun Leistungen erbringen. Die Expertin rät:

Vorbereitung ist alles: Den Schulweg schon lange vor Schulbeginn abgehen, zu Hause Schule spielen – Kinder wollen wissen, was sie erwartet.

Schulkinder einladen: Sie sollen von ihrem Alltag erzählen, so werden die Kleinen nicht ins kalte Wasser gestoßen.

Schöne Schulsachen kaufen: Die Kinder freuen sich dann auf den Neubeginn.

Positiv motivieren: „Jetzt bist du groß, jetzt gehörst du zu den Schulkindern.“

 

Sanierung: Etwa sechs Millionen Euro wurden während der Sommerferien in Oberösterreich für die Sanierung und Instandhaltung der Bundesschulen ausgegeben. Rund 200 Einzelprojekte wurden durchgeführt.

14.000 Taferlklassler werden in Oberösterreich heuer zum ersten Mal die Schulbank drücken.

Ferien: Die Feiertage fallen im kommenden Schuljahr recht günstig – vor allem der Mai wird aufgrund von Christi Himmelfahrt, Fronleichnam, Pfingsten sowie schulautonomen Tagen fast schon ein Ferienmonat.

400 Euro: So viel geben Eltern im Durchschnitt für den Schulbeginn im ersten Schuljahr ihres Kindes aus.

Lehrer: Auch für 20.000 Pädagogen in Oberösterreich startet am 10. September wieder die Schule. 13.000 Lehrer sind im Pflichtschulbereich tätig, etwa 1000 Pädagogen arbeiten in Berufsschulen – der Rest unterrichtet in höheren Schulen.

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