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Fußball International

Erinnerungen eines Fußball-Romantikers

Von Marcel Reif   25. Mai 2019 00:04 Uhr

1987 gewann der HSV mit Torhüter Uli Stein, Kapitän Manfred Kaltz und Trainer Ernst Happel den DFB-Pokal

Der deutsche Starkommentator Marcel Reif führt heute (20 Uhr) live auf "Servus TV" durch das DFB-Cupfinale zwischen Bayern und Leipzig. In den OÖN beleuchtet er die Cup-Final-Historie.

Ich kann mich noch gut an die Geburtsstunde des deutschen Pokalfinales in Berlin am 26. Mai 1985 erinnern. Der DFB hatte sich damals um die Europameisterschaft 1988 beworben und verzichtete bewusst auf den Austragungsort Berlin, um die Stimmen der osteuropäischen Länder zu bekommen. Im Gegenzug verpflanzte der Verband sein Pokalfinale zunächst für fünf Jahre ins noch geteilte Berlin – ein politischer Fingerzeig, denn niemand ahnte, dass es den Arbeiter- und Bauernstaat der DDR knapp vier Jahre später zerreißen sollte. Und man wollte dem Endspiel damit auch eine ähnliche Bühne und Bedeutung verleihen, wie dem vorbildhaften FA-Cup in Wembley. 34 Jahre später kann man wohl behaupten: Das ist gelungen.

Genauso wie das imposante Wembley ist das Berliner Olympiastadion keine ideale Spielstätte für einen Verein. Tottenham hat das während seines zweieinhalbjährigen Gastspiels in Wembley erfahren müssen und Hertha BSC Berlin möchte lieber schon morgen als übermorgen in eine moderne Arena übersiedeln. Aber für ein Event, für ein rauschendes Fußballfest passt die altehrwürdige Schüssel perfekt.

Alle schwärmen vom Pokalfinale, von der großartigen Stimmung. Den Irrweg, durch eine amerikanisierte Halbzeitshow mit Helene Fischer in Richtung Super Bowl abzudriften, hat der DFB nach einem gewaltigen Shitstorm wieder korrigiert.

Ich mache kein Hehl daraus, dass ich im vom Kommerz getriebenen Fußball ein hoffnungsloser Romantiker geblieben bin. Daher macht es mir diebische Freude, wenn im Pokal die Kleinen die Großen ärgern, wunderbare Geschichten von Feierabend-Kickern geschrieben werden, die den Profis in die Suppe spucken. An was soll ich mich als leidgeprüfter Sympathisant des 1. FC Kaiserslautern sonst erinnern als an die Pokalsiege 1990 und 1996? Da war es noch unvorstellbar, dass der Niedergang meiner Roten Teufel erst in der 3. Liga enden würde.

1999 holte Werder Bremen mit Andreas Herzog in einem denkwürdigen Finale gegen die Bayern den Pokal. Damals war das noch der Klassiker schlechthin und die Bremer sogar einen Tick weit vor den heute konkurrenzlosen Münchnern. Von da an ist die Schere immer weiter auseinandergegangen.

Sensationen wie die von Vestenbergsgreuth gegen den FC Bayern sind nur noch sentimentale Reminiszenzen an die wunderbare Gutenachtgeschichte von den elf Freunden, die gemeinsam alles erreichen können.

Ein ganz einschneidendes Erlebnis war das 5:2 des BVB gegen die Bayern im Finale 2012. Die Herren Lewandowski, Hummels, Gündogan und Kollegen verpassten der Mannschaft von Jupp Heynckes eine furchtbare Abreibung. Ein strategischer Fehler mit weitreichenden Konsequenzen. Schon in der Stunde des Triumphes schwante den BVB-Bossen Böses und wurde hinter vorgehaltener Hand gemunkelt: So hoch hätten wir nicht gewinnen dürfen, ein 3:2 hätte genügt. Und die vorgeführten Bayern reagierten wütend, wie man es vom Branchen-Primus gewohnt war – jetzt kaufen wir euch leer.

Lewandowski, Hummels und Götze wanderten einer nach dem anderen über den Ladentisch; Pep Guardiola sorgte mit seinem Projektteam von spanischen Conquistadores für eine zumindest nationale Dominanz und vertrieb sogar Jürgen Klopp aus seinem schwarz-gelben Paradies auf die Insel. Was haben wir daraus gelernt? Immer, wenn die Vorherrschaft der Bayern in Gefahr gerät, steigen sie aus dem Sattel und geben richtig Gas.

Kaum Überraschungen

Heute gibt’s Überraschungen allenfalls noch in den ersten Runden. Der Pokal längst zu einer Fortsetzung der neuen Realität avanciert. Überlegungen, den Großen der Liga ein paar Auftritte im Pokal zu ersparen, würden den Reiz des Bewerbes völlig zerstören und auch Adidas-Chef Kasper Rorsted war seiner Zeit wohl sehr weit voraus, als er anleierte, man könnte das Finale doch in Shanghai veranstalten…

Berlin muss man hegen und pflegen. Es wird wie immer ein toller Abend, alle werden sich freuen, die Fußballfamilie trifft sich und für einige Stunden kann man sich an der Illusion festklammern, dass die alten Zeiten ja doch nicht unwiederbringlich verloren seien – deshalb kommen alle nach Berlin: Sponsoren, Medien, Ligavertreter, Klubmanager und Berater. Die Branche lädt zur Hohen Messe des Fußballs und feiert sich selbst in exklusivem Rahmen.

Sportlich stehen die Bayern massiv unter Druck, für RB Leipzig ist das Finale ein Bonusspiel in einer Saison, in der Ralf Rangnick mit seinen Jungs viel erreicht hat. Wenn dagegen der FC Bayern nicht das Double schafft, dann sollte man den Raum München großräumig umfahren, angesichts des Erdbebens, das dort ausbrechen wird.

Leipzig hingegen kann sehr entspannt ins Finale gehen, während es an der Säbener Straße hinter den Kulissen trotz des Meistertitels donnert und kracht. Verlieren verboten steht obligat in den Vereinsstatuten. Vor allem das frühe Aus in der Champions League hat alles in Frage gestellt und die zuvor öffentlich beschworene Zweieinigkeit zwischen Rummenigge und Hoeneß ad absurdum geführt. Und sollte Leipzig tatsächlich den ersten Titel seit dem Einstieg von Red Bull fröhlich feiern dürfen, dann wäre dieser nicht gestohlen, sondern ein durchdachtes Resultat eines stetigen sportlichen Aufstiegs. Natürlich haben sie die Mittel, aber im Gegensatz zu anderen auch vernünftig eingesetzt. Ralf Rangnick sind alle Zufälligkeiten suspekt, er ist für mich der Zufalls-Ausschluss-Trainer, der seine Teams defensiv systematisch nach dem Motto organisiert: Hinten werden Titel gewonnen, vorne Spiele.

Bayern waren nicht konstant

Klar hat Bayern den besseren Kader, aber sie haben die ganze Saison über nie konstant Topleistungen gebracht. Es wäre für mich keine große Sensation, auch keine mittlere, sondern höchstens eine kleine Überraschung, sollte der Leipziger Kapitän heute den Pokal in den Berliner Nachthimmel heben. Vor zwei Jahren habe ich noch gewettet, dass ich nackt über den Leipziger Markt laufen würde, falls RB Meister wird. Das ist mir diesmal zu riskant. Gegen RB spielt keiner gerne, man wird ständig gefordert, sie gehen 90 Minuten lang ein wahnsinniges Tempo.

Für Arjen Robben und Franck Ribéry wird es der letzte Bayern-Auftritt sein. Ich gebe zu, dass ich leichte Schluckbeschwerden bekommen werde, wenn die beiden endgültig abtreten. Als Romantiker tut’s mir weh, wenn die ganz Großen gehen.

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