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Innenpolitik

Virologin würde Tirol einen Monat lang isolieren

Von Jasmin Bürger  04. Februar 2021 09:34 Uhr

Tirol abriegeln? Südafrika-Mutation versetzt Experten und Politik in Sorge
In Tirol wird versucht, die Ausbreitung von Mutations-Clustern durch Massentests rasch einzudämmen.

WIEN. Wegen der vor allem in Tirol nachgewiesenen südafrikanischen Virusmutation B 1.351 sollte die Politik überlegen, "Tirol abzuriegeln"

Mitten in die Regierungsvorbereitungen für die Lockerungsschritte am Montag platzten gestern Warnungen von Experten: Wegen der vor allem in Tirol nachgewiesenen südafrikanischen Virusmutation B 1.351 sollte die Politik überlegen, „Tirol abzuriegeln“ oder Reisende aus Tirol zur Quarantäne zu verpflichten.

Sowohl Simulationsforscher vom Complexity Science Hub an der TU Wien, allen voran Peter Klimek, als auch die Virologin Dorothee von Laer von der Medizinuni Innsbruck sprachen sich dafür aus. Man müsste Tirol für einen Monat isolieren – vom Rest Österreichs und vom Ausland, so von Laer. Gleichzeitig übte die Beraterin der Bundesregierung scharfe Kritik am Land Tirol im Umgang mit den Corona-Mutationen und warnte vor einem „zweiten Ischgl“. Ihre Sorge begründet sie auch damit, dass nun Untermutationen von B 1.351 nachgewiesen wurden, die erst in Tirol entstanden sein dürften.

  • Video: Sorge wegen Mutation

Im Kanzleramt wollte man auf diese Rufe vorerst nicht eingehen. Sitzungsteilnehmer, die bei den Beratungen der Regierung mit Experten (unter anderem von Laer) und Landeshauptleuten dabei waren, bestätigen aber, dass die Sorge in der Politik groß ist.

Am Mittwochabend schloss dann das Gesundheitsministerium laut „Presse“ Reisebeschränkungen nicht aus. „Derzeit werden die Verdachtsproben aus Tirol endausgewertet. Sobald die Ergebnisse vorliegen, werden wir mit dem Land sofort das Gespräch über weitere notwendige Maßnahmen zur Eingrenzung führen“, hieß es. Eine möglichst breite Testung in der betroffenen Region sei der erste Schritt. Für den Bezirk Schwaz, ein „Südafrika-Hotspot“, hatte Landeshauptmann Günther Platter (VP) nach dem jüngsten Massentest schon flächendeckende Schnelltests und ein Aufstocken des Contact Tracings angekündigt. Bisher gebe es keine „exponentielle Ausbreitung“ der Mutationen in Tirol, die Lage sei aber „ernst“, so Platter.

Das Tückische an der Südafrika-Variante (die auch die Zahlen dort nach oben getrieben hat) ist eine offenbar reduzierte Immunantwort. Eine Ansteckung ist trotz Antikörpern möglich. Noch sind die Daten dazu dürr – ebenso wie die Datenlage zur Verbreitung in Österreich (siehe Kasten). Aus Regierungskreisen heißt es, dass man von einer schon größeren Verbreitung ausgehe, zumal sich auch Experten in der Krise bereits geirrt hätten – eine Hoffnung, an die man sich auch hinsichtlich der Reinfektionswahrscheinlichkeit klammert.

Pläne, wie bei steigenden Zahlen reagiert werden soll, hat die Regierung mit den Landeshauptleuten am Montag erörtert. Gesundheitsminister Rudi Anschober und Vizekanzler Werner Kogler (beide Grüne) sollen dabei die Idee eines „Bonus-Malus-Systems“ für die Länder vorgeschlagen haben: Je nach Inzidenz könnten Einschränkungen oder Freiheiten kommen. Das war auch die Grundidee der mittlerweile obsoleten Corona-Ampel. Das Bonus-Malus-System fand wenig Anklang. Dennoch sprach wenig später Kanzler Sebastian Kurz (VP) von regionalem Eingreifen, wenn nötig. Bezirksbezogene Maßnahmen sind also nicht undenkbar.

Befragt zum Expertenwunsch, Tirol abzuriegeln, hieß es aus dem Büro des Wiener Bürgermeisters Michael Ludwig (SP) gestern: „Die Tiroler Bevölkerung ist in Wien gleichermaßen willkommen wie jene aus allen anderen Bundesländern“, solange sich alle an die Maßnahmen halten. Etwaige Quarantäne-Entscheidungen hätten die Gesundheitsbehörden zu treffen.

Verbreitung der Mutationen unklar

Die Datenlage zur Verbreitung der Coronavirus-Mutationen
B 1.1.7 (britische Variante) und B 1.351 (Südafrika-Variante) in Österreich ist unvollständig. In Tirol gibt es bisher 75 bestätigte Südafrika-Fälle und 21 Großbritannien-Fälle, wie das Land am Mittwochabend mitteilte.

Der Genetiker Andreas Bergthaler, der in seinem Institut Sequenzierungen vornimmt, sprach zuletzt von einer Tiroler Stichprobe, in der der B 1.351-Anteil bei 500 Positiven bei 15 Prozent lag.

Bei der britischen Mutation zeigt die Datenlage laut Bergthaler ein starkes „Ost-West-Gefälle“. B 1.1.7 nimmt etwa in Wien und dem Burgenland schon bis zu 40 Prozent aller positiven Proben ein. In Niederösterreich stieg die Zahl der britischen Fälle gestern von einem auf 85 Fälle, wie am Abend bekannt wurde.

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Jasmin Bürger

Redakteurin Innenpolitik

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