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Steyr

Franz Brunners Warnung: Wahrnehmung schlägt Wahrheit

06. Oktober 2020 17:44 Uhr

Franz Brunner
Franz Brunner

STEYR. Heute gibt sich Wortwechsel-Autor Franz Brunner ganz und gar einer wissenschaftlichen Frage hin. Auf welche bahnbrechenden Erkenntnisse er dabei kommt, müssen Sie selbst erlesen.

Warnung: Wahrnehmung schlägt Wahrheit

Wir haben einen neuen Holzboden im Esszimmer. Ist doch großartig, oder? Ja, wir freuen uns wie kleine Kinder über ihr erstes Smartphone. Es war tatsächlich ein Riesensaustall, bis es soweit war. Tonnenweise haben wir Schlacke geschaufelt, unser Haus war für Tage in eine Staubwolke gehüllt und wir waren quasi vom Rest Steyrs völlig abgeschnitten. Ohne die Weinvorräte im Keller und die tiefgefrorenen Pizzas wäre es um uns geschehen gewesen. Soweit, so uninteressant für Sie. Bisher, warten Sie’s ab. Der Eichenboden in dezentem Graublau, macht uns nicht nur viel Freude, sondern überdies sehr nachdenklich. Die existenzielle Frage, die seither im Raum steht, ist jene:

Gibt es auf Mutter Erde mehr dunkle, also z.B. dunkelbraune, oder mehr helle, z.B. blassgelbe Schmutzpartikel? Wirklich, diese Frage beschäftigt meine Ernährungsberaterin und mich seit Wochen, wir fanden bis dato keine plausible Antwort. Allerdings sind wir hartnäckig, es wird weitergeforscht. Zudem lieben wir strukturiertes Vorgehen, eine Berufskrankheit, die uns auch in der Freizeit zu schaffen macht. Zunächst braucht das Forschungsprojekt einen klingenden Namen, sollte es wider Erwarten von allgemeinem Interesse sein und die Medien neugierig machen. Wir entschieden uns nach reiflicher Überlegung für den Namen "Wuzerl-Phänomen". Soviel zur Entstehungsgeschichte, nun zu den wissenschaftlichen Details.

Bis vor wenigen Monaten dachte ich: Na klar, die dunklen Gestalten haben die Macht im Universum, man kennt das ja aus Science-Fiction-Filmen und sogar aus der Politik, da ist Österreich keine Ausnahme. Die dunklen Mächte im Hintergrund bestimmen, wo es lang geht, Lobbyismus nennt man das. Im konkreten Fall, also bei unserem Holzboden lagen die Argumente dafür nicht nur auf der Hand, sondern unübersehbar und in großer Zahl auf dem damals hellen Fichtenboden.

Im Zuge der Erfüllung meines wöchentlichen Putzauftrages hatte ich sie zwar nicht gezählt, eine grobe Schätzung reichte mir aber völlig, um Gewissheit zu haben: die dunklen sind zurzeit eindeutig mehr.

Was hat sich geändert? Etwa die Wuzerl-Population? Das Weltklima? Mein Wahrnehmungsvermögen? Oder etwa alles zugleich? Bevor ich mich über Gebühr beunruhigte, ging ich dem Mysterium systematisch nach und begann mit einem ausgeklügelten Versuch. Kreativität ist ja nebst Hartnäckigkeit eine meiner wenigen Stärken, mit Computer-Unterstützung und penibler Dokumentation sollten die Ergebnisse auch in einer Experten-Runde bestehen können. Die Versuchsanordnung war gleichermaßen einfach wie genial. Ich entwarf eine Bildschirmseite, der Hintergrund war in der Farbe unseres alten Fichtenbodens, darauf platzierte ich willkürlich verteilt 27 kleine Kreise in der Farbe von Nougatschokolade. Warum diese Wahl? Mit Schokolade kenne ich mich aus und 27 ist meine Lieblingszahl. Bei einer zweiten Bildschirmseite war der Hintergrund in der Farbe des neuen Eichenbodens, also blaugrau, die 27 Kreise waren nun blassgelb wie ranzige Butter, wurden neu verteilt und repräsentierten die Wuzerl. Fehlte nur noch eine geeignete Testperson. Angesichts der späten Stunde – es war bereits kurz vor 23 Uhr – war die Auswahl gering, die Begeisterung meiner angetrauten Führungskraft hielt sich verständlicherweise in Grenzen. Aber was macht man nicht alles aus Liebe, wenn man schon nicht der Wissenschaft dienen will. Ich lockte sie mit einem Achterl Zweigelt vor den Bildschirm, hockte sie davor und erteilte ihr folgenden Arbeitsauftrag: "Ich werde jetzt die beiden Bildschirmseiten im 2-Sekunden-Takt mehrmals wechseln lassen. Beobachte bitte genau und sage mir dann, welche Wuzerl in der Überzahl sind, die hellen oder die dunklen." Eine klare Ansage, und los ging’s.

Nach 7-maligem Wechsel der Seiten, wobei die Sieben nicht wissenschaftlich fundiert war, sie ist ganz einfach meine zweitliebste Zahl, also nach diesen Wechseln gönnte ich meiner Gattin eine kurze Erholungspause. Sie belohnte sich im Anschluss an diese Phase der Hochkonzentration mit einem Beruhigungsschluck, atmete tief durch und stellte sich schließlich meiner Befragung.

„Und, welche waren nun mehr, die Wuzerl auf dem Fichtenboden oder die auf dem Eichenboden? Sag schon“, drängte ich aufgeregt. Und dann kam die überraschende, aus dem Munde meiner sonst sehr entscheidungsfreudigen Gattin völlig unerwartete Antwort: „Ich weiß es nicht, keine Ahnung. Sind wir jetzt fertig?“ Sprach's, nahm ihr Weinglas und entschwebte ins Schlafzimmer. Plötzlich saß ich allein da mit meiner Versuchsanordnung, es blieb mir demnach nichts anderes übrig, als im Selbstversuch weiterzumachen. Nach drei Durchgängen tendierte ich leicht zu der Annahme, dass die Schokolade-Wuzerl am Fichtenboden in der Mehrheit sind, was wahrscheinlich mit meiner Liebe zu Nougat zu tun hat, denn die Fakten waren mir als Entwickler des Experiments natürlich bekannt: wuzerl-zahlen-mäßig gibt's keinen Unterschied.

Kurz nach Mitternacht hielt ich es für angebracht, meine Studien wegen Müdigkeit und anbahnender Sinnlosigkeit abzubrechen. Obwohl, ganz so sinnlos waren meine Bemühungen doch nicht, ich hab' schon was gelernt, nämlich: Ob hell oder dunkel, ob mehr oder weniger, ob klein oder groß, sehr vieles im Leben ist ungeachtet der Faktenlage eine Frage der Perspektive, nicht zuletzt sogar eine Frage der Uhrzeit. Und Wahrnehmung hat nicht unbedingt auch etwas mit Wahrheit zu tun. Nicht immer haben die recht, die am lautesten schreien, ob sie nun aus Nougat sind oder nicht.

www.franzbrunner.at

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