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Franz Brunner: Der gemeine Tod der Klarheit

29. September 2020 12:43 Uhr

Franz Brunner
Franz Brunner

STEYR. Wortwechsel-Autor Franz Brunner hat zwar nicht vor, in die Politik zu wechseln, heute fühlt er den Worthülsen und Floskeln so mancher Politiker einmal auf den Zahn.

Der gemeine Tod der Klarheit.

„Unter den gegebenen Umständen unterm Strich eigentlich halbwegs gut.“ Raten Sie mal, wie die Frage auf diese mysteriöse Antwort gelautet haben könnte. Politisch Interessierte wissen das sofort, für die liegt die Lösung klar auf der Hand. „Wie geht’s dir denn?“, so war die Frage. Im Grunde einfach, oder? Warum ich auf diese banale Frage derart verschlüsselt antworte? Ich übe mich gerade in edler Distanz und Unverbindlichkeit. Ja nirgends anecken und schon gar nicht festlegen, so meine neue Devise. Und wo könnte ich das besser ausprobieren als zuhause, wenngleich mir meine Gattin bereits bei den ersten Versuchen deutlich zu verstehen gab, dass sie von dieser Sprechweise rein gar nichts halte, ihr reiche meine manchmal ohnehin komplizierte Denkweise allemal.

Keine Sorge, ich gehe nicht in die Politik, mit nichtssagenden Politikern sind wir ausreichend versorgt. Ich verspreche zudem bis auf weiteres, meine neue Strategie nur im heimischen Haushalt anzuwenden, wobei ich nicht ausschließe, die daraus gewonnenen Erkenntnisse im Bedarfsfall situationselastisch und heimlich in freier Wildbahn zu üben. Merken Sie’s, ein bisschen kann ich’s schon. Anscheinend bin ich talentiert, mein Haushaltsvorstand sieht das klarerweise anders. Sie meint, ich sei kompliziert, provokant und drücke mich nur vor klaren Aussagen. Allerdings ist auch meine Angetraute mit allen Wassern gewaschen: „Wir sollten uns überlegen, unseren unmittelbaren Wohnbereich in sehr naher Zukunft einer Überprüfung hinsichtlich der Sauberkeit zu unterziehen, um uns dann gegebenenfalls auf geeignete Maßnahmen zur Umsetzung der Mindeststandards zu einigen."

Haben Sie's geschnallt? Das war ein unmissverständlicher Auftrag an mich, gefälligst sofort mit dem Staubsauger durch das Haus zu flitzen, bevor's kracht. Eine lustige Zeit hinsichtlich der internen Kommunikation bahnt sich bei mir zuhause an. Doch verlassen wir den engen Bereich des Brunner'schen Haushalts, wagen wir einen Blick in die große weite Welt, wie's denn dort in Sachen Kommunikation ausschaut. Und da gibt’s tatsächlich Spezialisten, von denen man was lernen kann. Zum Beispiel vom großen Macker jenseits des großen Teiches.

Der posaunte noch vor wenigen Monaten hinaus, er hätte einen verdammt guten Job gemacht, wenn die Anzahl der COVID-bedingten Todesfälle in den USA unter 100.000 bleibt. Jetzt sind's bereits über 200.000, somit hat der Typ nach meinem Verständnis eindeutig keinen guten Job gemacht. Was daran habe ich da nicht verstanden, wenn der Blondl erneut lautstark kundtut, dass er alles im Griff habe und ohne ihn sowieso nichts ginge. Und er legt nach: wenn die Amerikaner ihn bei der nächsten Wahl nicht wieder ins Amt setzen würden, dann wären die USA wirtschaftlich dem Untergang geweiht. Gibt’s da etwa ein Kommunikationsproblem? Wie hat er’s denn gemeint? Vielleicht, dass kulturell und moralisch der Zug ohnehin schon abgefahren ist? Dass der schnöde Mammon weiterhin die Welt nach Belieben regieren soll? God bless America – und uns natürlich ganz besonders.

Jetzt bin ich doch tatsächlich bei der Politik gelandet, wo ich absolut nicht hinwollte. Natürlich kann man(n) sogar da was lernen, sich was abschauen, für die praktische Anwendung kann’s allerdings hilfreich sein, die eigenen moralischen Ansprüche etwas zurückzuschrauben. Im Grunde können wir uns den Sprung über den Atlantik sparen, denn auch hierzulande gibt’s kommunikationstechnische Wunder-Wuzzis. Nehmen wir beispielsweise den/die Minister/in .…... Verflixt, schon wieder Politik, irgendwie kommt man, wenn schlechte Beispiele für Vertrauenswürdigkeit, Kompetenz und Worttreue gesucht sind, an der Politik nicht vorbei. Und selbst wenn die Damen und Herren stumm wie Fische bleiben, wie es in verschiedensten Ausschüssen mittlerweile gängige Art ist, so sagen sie damit mehr als genug.

„Man kann nicht nicht-kommunizieren“, stellte der österreichische Kommunikations-wissenschafter Paul Watzlawick Ende der 1960er-Jahre treffend fest und entlarvte damit seine Pappenheimer. Leider hat meine beziehungsgestählte bessere Hälfte diesen Watzlawick ebenfalls gelesen, ich konnte es nicht verhindern. Aber so leicht lasse ich mir künftig nicht mehr in die Karten schauen, ich werde mein rhetorisches Geschick inklusive der Schweigetechnik im geschützten Bereich zu einer Perfektion trainieren, die ihresgleichen sucht.

Erst, wenn ich diese Basics im Schlaf beherrsche, werde ich mich der hohen Schule der Kommunikation widmen, nämlich dem international bewährten 3-Schritt-Verfahren "HINAUSPOSAUNEN - RELATIVIEREN - ZURÜCKRUDERN". Dann könnte ich aber gleich in die Politik gehen. Spätestens an diesem Punkt wird mir meine allerliebste Führungskraft die Flausen aus dem Kopf und mich aus dem Haus treiben. Schade, wo ich doch derart lernfähig wäre, zumindest was die Theorie der zwischenmenschlichen Kommunikation betrifft. Alles klar?

www.franzbrunner.at

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