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Steyr

Franz Brunner: Augen zu und durch

24. November 2020 10:32 Uhr

Franz Brunner
Franz Brunner

STEYR. Heute outet sich Franz Brunner. Er schreibt erstmals öffentlich über seine persönliche Weihnachtsphobie.

Augen zu und durch

Wir schreiben den 24. November, in genau einem Monat ist Heiligabend. Auch Steyr rüstet sich, ich hab's am Stadtplatz bemerkt. Da wird gehämmert, gezimmert und beleuchtet, als wenn das Christkind eine Einflugschneise brauchen würde. Für eine Flucht wäre es zwar noch nicht zu spät, allerdings wird's heuer etwas schwieriger, dem Trubel zu entkommen. Es gibt weniger Fluchtorte, weniger Fluchtflugzeuge, viele Zufluchtsstätten sind geschlossen, manche bleiben es vielleicht für immer.

Wie schon viele Jahre zuvor dachte ich auch diesmal, dass ich gegen Weihnachten immun bin, mir dieser grässliche Konsumterror nichts anhaben kann. Und wieder habe ich mich geirrt. Je näher dieses eigenartige Fest kommt, umso mehr ist mir nach Davonlaufen. Als ich Ende Oktober mit dem ersten Weihnachtslied in einem Kaufhaus gequält wurde, begann mein Leiden. Es hatte fast 20 Plusgrade, ich schlenderte nur mit T-Shirt bekleidet durch die Enge. Natürlich hatte ich dazu eine passende Hose an, sonst hätten Sie's ja in der Zeitung gelesen, aber Sie wissen schon, worauf ich hinaus will: es war einfach zu warm zum Schneien. Und außerdem, falls doch Schnee vom Himmel fiele, so ist es doch klar, dass der leise rieseln würde. Sollte er etwa laut rumpeln? Ein Text, der wirklich nahe geht. Dazu noch die Flut an frischem Plunder. Die Schoko-Nikoläuse, Keramik-Engerl und Christbaumkugeln haben keine Skrupel, sich ungebremst und ungehemmt zu vermehren, für mich beginnt eine schmerzliche Zeit. Eine Zeit des Glitzers, der Scheinwelten und der Enttäuschung, auch darüber, dass ich's mit der Immunität wieder nicht geschafft habe. Also was tun, wenn Wegschauen nicht funktioniert und Weglaufen nicht möglich ist?

Kennen Sie die Geschichte von Archimedes und vom Auftrieb? Er saß in der Badewanne und löste das Rätsel mit der goldenen Krone. Der Auftrieb ist gleich dem Gewicht der verdrängten Flüssigkeit. "Heureka!", hat er gerufen. "Ich hab's!", jubelte er und lief nackt auf die Straße. Und wir verstehen heute, warum Schwimmen im Salzwasser weniger anstrengend ist.

Ich saß nicht in der Badewanne, sondern in der Sauna und dachte über eine Strategie nach, Weihnachten schadlos zu überstehen. Zumindest geistig, den körperlich gibt's kein Entrinnen, dazu ist die Vielfalt an leckeren Keksen zu verlockend. Beim dritten Aufguss kam mein persönliches Heureka: Da ist doch seit Urzeiten was im Reptiliengehirn verankert. Ja, wir Menschen haben sowas auch, es wird manchmal sogar als unsere Lebensversicherung bezeichnet. In diesem uralten Teil des Gehirns ist festgelegt, wie wir uns in bedrohlichen Situationen verhalten.

Wenn man etwas nicht mag, sich vielleicht sogar davor fürchtet, kennen Lebewesen seit jeher zwei Strategien, die Situation zu überstehen. Die Entscheidung für eine Variante muss dabei blitzschnell erfolgen, es geht ja um's Überleben. Möglichkeit eins, Angriff, schließe ich aus, da bin ich zu sehr Pazifist, außerdem kann man(n) Weihnachten nicht einfach mit dem Besen vertreiben. Mit Ertränken hab' ich's schon einmal versucht, Weihnachten hat's überlebt und ich hatte drei Tage Kopfschmerzen. Möglichkeit zwei, die Flucht, wird dieses Jahr erschwert, die Reisebeschränkungen sind zu groß. Schweißgebadet fiel mir eine dritte, in der Tierwelt gängige Variante ein: Totstellen, bis die Gefahr vorüber ist. Das Fest der Stille und des Friedens kommt jedes Jahr ein bisschen früher, eine Überschlagsrechnung ergab, dass es mitsamt Vor- und Nachlaufzeit zumindest fünf Wochen bleiben wird. Ich will mich aber nicht wochenlang totstellen. Also gebe ich zumindest Ruhe und versuche, den Verbündeten von Weihnachten gegenüber tolerant zu sein, das wäre ein guter Kompromiss. Ich weiß, meine Weihnachtsallergie spielt sich hauptsächlich im Kopf ab. Es wird heuer ohnehin anders, so wie auch Ostern anders war. Wir haben's überstanden, mag sein, dass mit gutem Willen die angeblich schönste Zeit des Jahres sogar erholsam wird.

Wenn Sie mich in der Adventzeit irgendwann sinnierend und versuchsweise innere Ruhe verströmend auf einer Bank sitzen sehen, seien Sie unbesorgt, ich wurde nicht ausgesetzt, sondern ich übe mich in Gelassenheit. Gesellen Sie sich mit Ihrem Elefanten zu mir, füttern Sie mich mit Keksen und lassen Sie uns gemeinsam hoffen, dass der Rummel bald vorbei ist. Freude sei mit uns! Und Friede natürlich auch!

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