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Innviertel

Wenn Unreligiöse vom christlichen Abendland reden

Von Monika Raschhofer   28. September 2017 19:04 Uhr

Aufmerksame Zuhörer, vorne Florian Kotanko, Obmann des Vereins für Zeitgeschichte.

BRAUNAU. „Religion und Moderne“ war die Klammer von acht Vorträgen, die bei den 26. Braunauer Zeitgeschichte-Tagen gehalten wurden. Der Nationalsozialismus, die Kolonialisierung, aber auch aktuelle Entwicklungen und Gesetze waren Aspekte der dreitägigen Veranstaltung.

Religion wird wieder mehr zur öffentlichen Angelegenheit. Dies stellten einige Referenten bei den 26. Braunauer Zeitgeschichte-Tagen am vergangenen Wochenende fest. Die Präsenz des Islams spielt dabei eine Rolle. Und führt auch zu paradoxen Gegensätzlichkeiten, wie der emeritierte Universitätsprofessor Hans Köchler (Innsbruck und Wien) ausführte: "Auf der einen Seite wird in unserer Konsum- und Spaßgesellschaft die Religion aus dem Alltag verdrängt. Auf der anderen Seite wird verstärkt die christliche Identität Europas betont, oft von religiös Unkundigen und vor allem gegenüber dem Islam."

Der Philosoph Köchler beobachtet auch, dass zugewanderte Moslems jetzt religiöser sind: "Türkische Frauen verbrennen Fotos von früher, auf denen sie noch ohne Kopftuch zu sehen sind." Das aktuelle Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz – so der korrekte Name, abgekürzt AGesVG – bewertet Köchler als problematisch: "Es wird nicht mit erkennungsdienstlicher Ermittlung oder Sicherheit begründet, was logisch wäre, sondern es ist erkennbar, dass es auf Religionsgruppen abzielt. Das führt zu einer Aufschaukelung der Emotionen." Schutz der Demokratie, der öffentlichen Sicherheit, der Menschenrechte – diese Orientierungspunkte oder europäischen Werte nennt Köchler als wesentlich für den Umgang eines säkularen Staates mit Religionen.

Strengeres Islam-Gesetz

Die Trennung von Staat und Kirche sei schwer errungen worden und noch nicht vollständig, erläuterte der Wissenschafter. Er verwies auf die Geschichte – die Rolle der Aufklärung, das Toleranzpatent von 1781, das Konkordat von 1855 und 1933. Ging es in früheren Auseinandersetzungen vor allem um unterschiedliche christliche Konfessionen, so wird die Säkularität angesichts multikultureller und multireligiöser komplizierter. "Aktuell sind wir mit einem gesellschafts- und staatspolitischen Minenfeld beschäftigt", konstatierte Köchler.

Das erste Islamgesetz von 1912 sei liberaler gewesen als das von 2015. Die nun geforderte "positive Grundeinstellung zum Staat" sei nicht präzise nachweisbar, nannte der Referent ein Beispiel für Konfliktpotenzial. Und wies weiters auf einen Unterschied in der staatlichen Einflussnahme auf die religiöse Lehrtätigkeit hin: Die Katholische Kirche hat ein Veto-Recht bei der Besetzung von Professoren, was beispielsweise in Innsbruck zu einer Abberufung geführt hat; und bei Bischofsernennungen hat der Staat ein Mitwirkungsrecht. Bei Islamischer Religion bestimmt die Universität über die Besetzung von Stellen, der Religionsgemeinschaft wurde nur Mitwirkungsrecht eingeräumt – anders als bei der Katholischen Kirche.

Auch bei der Frage von religiösen Symbolen in der Öffentlichkeit werde derzeit mit Traditionen argumentiert, nicht mit der Säkularität, stellte Köchler fest. Wer parteipolitisches Kapital aus den Religionsfragen schlagen will, untergrabe die säkulare Idee, schlussfolgerte Philosoph Hans Köchler. "Europa ist nur stabil, wenn die Menschenrechte Grundsatz für die Staaten sind", betonte er.
 

Spurensuche in der weiten Welt und den Tiefen der Geschichte

„Die religiöse Weltkarte ist nie stabil, oft wurde sie durch rohe Gewalt verändert“, stellte Journalist Heiner Boberski das Tagungsthema im Eröffnungsvortrag in einen größeren Zusammenhang. Sowohl der Islam als auch die grundsätzliche Ablehnung jeder Religion nehmen in Europa zu. Werte und Sinnfindung seien aber auch 2090 noch wichtig für Menschen, sagte Boberski abschließend und sprach sogar vom „Jahrhundert der Religionen“.

Wie viele religiöse Begriffe Diktator Adolf Hitler verwendete und wie eng an eine Auferstehungsfeier erinnernd der Gedenkmarsch für die Gefallenen der nationalsozialistischen Bewegung organisiert war, führte Klaus Vondung, Emeritus der Universität Siegen, vor Augen. Von Blutzeugen, Ehrentempel, Kranzniederlegung, ewigem Leben, Sieges- und Auferstehungsfeier, Erlösung und aufgebrochenem Himmel war da die Rede. Dass der Diktator diese Symbolik bewusst eingesetzt habe, erläuterte Vondung mit Zitaten und Bildern.

„An die Stelle Gottes setzen“

Deradikalisieren will der Verein DERAD, für den der Pädagoge Moussa Al-Hassan Diaw tätig ist, junge Menschen, die wegen terroristischer Delikte im Gefängnis sind. Zwei Drittel davon seien unter 25 Jahren, sagt er. Mit Motiven aus der Popkultur und dem Versprechen von Gemeinschaft werden sie angeworben. Erster Feind seien muslimische Gemeinschaften, Gelehrte oder Imame, die für Demokratie sind und mit staatlichen Organisationen zusammenarbeiten – nicht nur in Europa, sondern auch in Asien und Afrika. Diaw erklärt die Haltung, die dahinter steht: „Als Mensch Gesetze zu machen, bedeutet sich an die Stelle Gottes zu setzen.“

Fundamentalismus gebe es in allen Religionen, es gehe immer um Absolutheitscharakter, erläuterte Hansjörg Hemminger, ehemals Beauftragter für Weltanschauungsfragen in der Evangelischen Kirche Württemberg. Um die perfekte Gesellschaftsordnung, religiös begründet, gehe es. „Das hat doch was in Zeiten der Pluralität“, kann Hemminger durchaus nachvollziehen, wenn es Anhänger gibt. Und brach dennoch eine Lanze für das Streiten um das Richtige.

„Die Mission ist höchst unterschiedlich verlaufen“, stellte Frieder Ludwig von der Fachhochschule für Interkulturelle Theologie in Hermannsburg fest und untermauerte dies mit Beispielen von Evangelischen Europäern in Afrika und Asien. Da gab es Engländer, die sich wie Afrikaner kleideten und – unfreiwillig – auch das Gegenteil. Ludwig sprach vom Emanzipierungsprozess und von noch immer fehlender kritischer Aufarbeitung.

Edith Riether stellte mitreißend und lebhaft die Initiative Weltethos Österreich vor, deren Präsidentin sie ist. Professor Franz Gmainer-Pranzl aus Salzburg sprach über „Religion in postsäkularer Gesellschaft“ und sieht Möglichkeiten, das Religiosität und Säkularität nebeneinander wachsen können.
 

Berührende Rede einer Überlebenden für den Preisträger

1973, Santiago de Chile. Nach dem Militärputsch braucht eine Österreicherin Papiere, um sich ausweisen zu können. Sie geht in die Botschaft, um die Dokumente zu besorgen. Die Lage ist lebensbedrohlich. Sie kann in der Botschaft bleiben. „Wir wurden mit einem Auto abgeholt, im Kofferraum versteckt, in die Botschaft eingeschleust und konnten einige Monate dort mit guter Betreuung leben bis zur Ausreise“, schildert Anne Freudenthaler.

Die Linzerin war fünf, als das passierte, erinnert sich noch an Gewehre und das Gefühl der Bedrohung. Ihre Familie hat überlebt, weil die österreichische Botschaft Schutz gewährte. Botschafter war damals Paul Leifer. Für sein entschiedenes Handeln wurde er während der 26. Braunauer Zeitgeschichte-Tage mit dem Egon-Ranshofen-Wertheimer-Preis ausgezeichnet.

Laudator Hans Winkler stellte fest, dass es zwischen der Diplomatischen Akademie Wien, deren Direktor er ist und deren Direktor Leifer war, und dem Ranshofner Völkerbund- und UNO-Mitarbeiter Wertheimer Verbindungen gibt, ebenso zwischen dem neuen Preisträger und einem früheren. „Wir haben nicht erlebt, was es bedeutet, diesen Mut zu haben. Ich kenne die Situation in Chile damals aus den Akten“, ergänzte Winkler und sprach von menschlichen Instinkten und der Universalität der Menschenrechte.

„Mir fehlen die Worte“, begann Botschafter in Ruhe Paul Leifer seine Dankesrede. Es liege ja mehr als 40 Jahre zurück und sei eine Selbstverständlichkeit, beschrieb er seine erste Empfindung zur Ehrung. „Aber als mir bewusst wurde, wer der Namensgeber dieses Preises ist, fiel mir die Annahme leicht“, ergänzte er. Der Schutz von Menschen, die verfolgt werden, sei seine Aufgabe gewesen. „Ein Zeichen von Demokratie und Neutralitätspolitik.“ Mit Wehmut denke er an die Zeit, in der humanitäre Außenpolitik ein Identitätsmerkmal Österreichs war.

Leifer gratulierte der Stadtgemeinde und dem Verein für Zeitgeschichte zur Initiative für diesen Preis, bedankte sich „in Demut“ bei allen und Laudator Winkler, versprach Freudenthaler, ihre Familie in Leonding zu besuchen.
 

Verein & Auszeichnung

26. Braunauer Zeitgeschichte-Tage, Thema „Religion und Moderne“. Festgelegt wurde das Thema vom Vereinsvorstand, dem Obmann Florian Kotanko, Stellvertreter Werner Forster, Schriftführerin Helga Hackl, Kassier Johann Blum sowie Elisabeth Blum und Johann Waidbacher sen. angehören, und von engagierten Vereinsmitgliedern.

Auszeichnung: Florian Kotanko, seit 1993 Obmann des Vereins für Zeitgeschichte, wurde kurz nach den Zeitgeschichte-Tagen von Landeshauptmann Thomas Stelzer zum Konsulenten für Volksbildung und Heimatpflege ernannt. Kotankos Forschungstätigkeit im Bereich Zeitgeschichte, seine Mitarbeit an der Homepage braunau-history.at und seine fachlich fundierte Betreuung von Journalisten aus aller Welt, die wegen des Hitler-Geburtshauses nach Braunau kommen, wurden in der Laudatio Stelzers hervorgehoben. Kotanko war Direktor des Braunauer Gymnasiums, hat Latein und Geschichte unterrichtet.

Internetzeitgeschichte-braunau.at

 

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