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"Das Hemd ist näher als die Moral"

Von Peter Pohn, 11. März 2023, 04:30 Uhr
"Das Hemd ist näher als die Moral"
Josef Rossgatterer kam 1926 zur Welt. Bild: Pohn

LEMBACH. Josef Rossgatterer war zwölf Jahre alt, als die Deutsche Wehrmacht in seinem Heimatort Lembach im Mühlviertel einmarschierte.

Der 97-jährige Josef Rossgatterer hat seine Erinnerungen an diese Zeit im Buch "Alles fließt" (Verlag Nina Roiter) veröffentlicht – im Beisein seines Schwiegersohnes, Wiens Bürgermeister Michael Ludwig. Das Schreiben des Buchs sei nicht immer einfach gewesen, sagt er. "Beim Nachdenken sind mir auch manchmal die Tränen gekommen. Es war eben nicht immer alles schön, was ich erlebt habe."

Was sind Ihre frühesten Erinnerungen?

Ich bin in keine gute Zeit hineingeboren worden. In den 1930er-Jahren hat wegen der Wirtschaftskrise große Not geherrscht. Bettler sind von Haus zu Haus gegangen, um ein Stück Brot zu erbitten.

Dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland ging die Rücktrittsrede von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg voraus. Haben Sie diese Rede mitbekommen?

Ja, Schuschniggs Rücktrittsrede haben wir beim Nachbarn gehört. Meine Eltern hatten eine christlich-soziale Einstellung, waren sehr geschockt. Die Nazis lehnten wir ab.

Wie erlebten Sie den Einmarsch?

Die deutschen Soldaten sind in Lembach einmarschiert und haben sich von ihrer freundlichsten Seite gezeigt. Wir Kinder haben Schokolade bekommen. Am Abend gab es einen Fackelzug. Wer nicht jubelte oder sich gar negativ gegen das neue Regime aussprach, riskierte Prügel.

Wurde dadurch die Aufbruchsstimmung bereits wieder getrübt?

Nein, das Hemd ist dem Menschen näher als die Moral. Die meisten haben ja aufgrund der Wirtschaftskrise Hitler herbeigesehnt – wenngleich eine gewisse Brutalität bereits erkennbar war.

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Was davon haben Sie mitbekommen?

Schon bald wurden bei uns geistig behinderte Menschen weggebracht, nur wenige Zeit später erfuhren deren Eltern von ihrem Tod. Hitler sagte: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!" Ich erlebte auch, wie ein katholischer Jugend-Führer von SA-Männern niedergeschlagen wurde. Die Nazis waren ja gegen die Kirche. Juden wohnten im Umkreis von Lembach keine. Als Hitler dann zum Krieg aufrief, erhielt die Begeisterung für das Regime einen starken Dämpfer.

Mussten auch Sie in den Krieg ziehen?

Ja, dazu gibt es allerdings eine Vorgeschichte: Nachdem ich 1943 in Natternbach zum Arbeitsdienst gekommen war, sollte ich zur SS. Ich wusste aber um das bestialische Vorgehen dieser Einheit. Daher stellte ich mich vor der Einberufung dumm, täuschte auch einen Weinkrampf vor und wurde nicht genommen. Ich kam dann nach Norditalien zur schweren Artillerie. Nach einem Monat erlitt ich einen Bauchschuss und wurde erst kurz vor Kriegsende aus dem Lazarett entlassen. In meiner Familie waren mein Bruder und ich eingerückt. Ich habe überlebt, mein Bruder wurde für vermisst erklärt.

Wie erlebten Sie das Kriegsende in Lembach?

Im Mai 1945 war ich bereits zu Hause. Lembach wurde kampflos übergeben. Eine Wirtin, die in den USA gewesen war und daher gut Englisch sprechen konnte, verhandelte mit den amerikanischen Soldaten. Nach dem Einmarsch der Amerikaner besetzten uns die Russen. Die Betriebe wurden danach ausgehungert, und es kam auch zu Übergriffen.

Welche Übergriffe sind passiert?

Einmal musste ich meine Schwester schützen, als sie ein sowjetischer Offizier vergewaltigen wollte. Ich schlug ihm mit der Faust ins Gesicht und wurde festgenommen. Die Sowjets meinten, ich sei ein Nazi. Ich fürchtete schon, nach Sibirien zu kommen. Unser Bürgermeister sagte aber für mich aus. Es half mir auch, dass der Vergewaltiger ein degradierter Sowjet-Offizier war, der schon mehrere Vergewaltigungen am Kerbholz hatte.

Sie haben also viel erlebt und vor allem überlebt. Welchen Rat möchten Sie nun jüngeren Generationen mit auf den Weg geben?

Ich rate den Menschen, auf Eigeninitiative zu setzen, also eigenverantwortlich zu leben und nicht immer sofort nach dem Staat zu rufen, der alles richten soll.

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Peter Pohn

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3  Kommentare
3  Kommentare
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Postfuchs (195 Kommentare)
am 11.03.2023 21:55

Mein Opa war auch jg.1926.Hat auch viel erlebt aber Erzählungen gab es so gut wie keine.

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MarkMitC (18 Kommentare)
am 11.03.2023 16:23

"Ich rate den Menschen, auf Eigeninitiative zu setzen, also eigenverantwortlich zu leben und nicht immer sofort nach dem Staat zu rufen, der alles richten soll."

Vielen Dank für diese Worte! Es liegt an jeder:m von uns, eine bessere Zukunft zu gestalten. Und dabei würden bereits Kleinigkeiten so vieles bewirken...

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sagenhaft (2.233 Kommentare)
am 11.03.2023 14:21

Wichtig ist die Kontrolle der Politiker weil die Politik funktioniert nicht. Sonst koennte das Parlament nicht fuer 80% der Oesterreicher eine niedrige ASVG Pension beschliessen und fuer 20% Beamte und Politiker eine hoehere und Doppelpensionen weil das Parlament ist ja die Volksvertretung wo diese 80% ja mit absoluter Mehrheit vertreten sind!80% der Mandatare muessen doch die ASVG Bevoelkerung vertreten. Dass die so wenig bekommen ist doch ein Zeichen dafuer dass die Verantwortungslosigkeit. das Kennzeichen der Politiker ist. Das sollte Herr Rossgatterer bedenken!

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