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Spezial

Klima macht ernst

Von Klaus Buttinger   24. November 2018 00:04 Uhr

Die Menschheit muss die Notbremse ziehen, sonst steht die Erde vor einem Klima-Kollaps.

Der heurige Rekordsommer macht klar: Der Erde – vielmehr den Menschen – läuft die Zeit für Klimaschutz davon. Noch ließe sich das Ruder herumreißen. Die Klimakonferenz in Katowice ab 3. Dezember wäre eine Chance.

-Auf zwei Grad plus will die Staatengemeinschaft laut Pariser Klimaschutzabkommen die weltweite Durchschnittstemperatur begrenzen. Was das hieße, weiß man in Österreich bereits. Da sich Landmassen stärker erwärmen als Ozeane, beträgt der Anstieg der Temperatur im Jahresmittel in Österreich bereits mehr als zwei Grad. Wir sind heute schon dort, wo die Welt nicht hinwill. "Damit befinden sich bei uns Teile der Ökosysteme am Rand dessen, was sie aushalten", konstatiert Klimaforscher Herbert Formayer (siehe Interview unten).

Drei Jahre nach der Selbstverpflichtung der Staaten 2015 in Paris, den Klimawandel zu begrenzen, zeigt sich die Fieberkurve des Planeten stark ansteigend. Seine Krankheit wurde schon Ende der 1980er-Jahre von Wissenschaftern diagnostiziert. Dann folgte eine lange Phase der aktiven, von der konservativen Öllobby gesteuerten Leugnung. Die Therapie setzt nur zögerlich ein. Und je später sie greift, desto teurer wird die Behandlung. Mittlerweile müsste die Reduktionsrate der klimaschädigenden Gase jährlich neun Prozent betragen. Der wirtschaftliche Aufwand dafür entspräche laut Wissenschaftsbeirat des Deutschen Bundestags den technischen und gesellschaftlichen Anstrengungen der Mobilisierung der Alliierten im Zweiten Weltkrieg.

Klima macht ernst
Größte Postkarte der Welt, Aletschgletscher (CH): Kinder schrieben und zeichneten für den Klimaschutz kurz vor der Klimakonferenz in Polen.

Weltweit nimmt der Ausstoß von Treibhausgasen nach wie vor zu. Österreich hat sich bereits im Kyotoprotokoll 1997 zu einer deutlichen Reduktion verpflichtet. Doch das ehemalige Umwelt-Vorzeigeland wurde in den vergangenen Jahren vom Paulus zum Saulus. Statt 30 Prozent Klimagase einzusparen, wie vereinbart, schafften wir nur elf Prozent. Statt den Klimaschutz auf EU-Ebene voranzutreiben, bremst Österreich im Verbund mit den Visegrád-Staaten. Dabei wäre entschlossenes Handeln der Staatengemeinschaften dringendst vonnöten. "Das wichtigste wäre – und das würde schon die Hauptprobleme lösen – wenn eine weltweite Steuer auf fossile Energie in der Größenordnung von 100 Dollar pro Tonne oder mehr beschlossen würde", sagt Klimaforscher Formayer. Stattdessen werde fossile Energie nach wie vor mehr oder weniger versteckt subventioniert.

(Un-)realistische Dekarbonisierung

Das Ziel, Mitte des Jahrhunderts unsere ganze Technologie zu dekarbonisieren, halten immer weniger Wissenschafter für haltbar. Die Wiener Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, Klimawandel-Mahnerin der ersten Stunde, hält das Zwei-Grad-Ziel für erreichbar, sogar die Bremse bei 1,5 Grad sei noch möglich. Ein Wettlauf mit der Zeit sei beides. Der Risikoforscher Ortwin Renn vom Potsdamer Institut für Advanced Sustainability Studies kommt zum gleichen Schluss der Zeitknappheit, ist aber weniger positiv gestimmt. Er konstatiert eine krasse, systembedingte Unterschätzung der Risiken durch den Klimawandel. Dazu käme das Fehlen geeigneter politischer Strukturen zur Veränderung der Systeme. Man ist versucht, Renn zuzustimmen, sieht man die bisherige Darbietung der Staatenlenker, allen negativen Beispielen voran US-Präsident Donald Trump, der aus der Pariser Vereinbarung ausstieg.

Grafik: Jeder kann einen Beitrag leisten:

 

Der Hoffnungsfokus schwenkt zwangsläufig auf untergeordnete Konstrukte. So wie beispielsweise der Bundesstaat Kalifornien den Sackgassenweg Trumps nicht mitgeht und sich an die Pariser Ziele halten will, können auch die Bundesländer in Österreich eigene Klimaschutzziele ansteuern. "Jedes Land hat eine Klimawandelanpassungsstrategie zu erarbeiten und in den Ressorts zu verankern", sagt Formayer. Jedes Land müsse einen Klimaschutzbeauftragten stellen.

Anpassungsstrategie – das Wort impliziert die Unumkehrbarkeit des Klimawandels. Sie "erfordert eine ambitionierte Klimaschutzpolitik", wie es im oberösterreichischen Klimastrategiepapier heißt. Davon ist im Lichte der zu bewältigenden Klimaschutzmaßnahmen noch wenig zu merken. Zumal Umstellungen Vorlaufzeiten brauchen. "Es ist ein langer Prozess, bis der Marktanteil der Elektromobilität signifikante Werte erreicht", sagt Formayer. Der Anteil an Elektroautos beträgt in Österreichs Fuhrpark zwei Prozent (Norwegen: 40 Prozent).

Bleibt noch die Wirkebene der Kommunen. Es gibt seit Jahren Klimamodellregionen (siehe Bericht unten) und neuerdings die Klimawandelanpassungsregionen KLAR, die sich damit befassen, wie man sich auf regionaler Ebene auf die Veränderungen vorbereitet. "Das hat aber Grenzen. Dann, wenn die Änderungen des Klimas zu rasch und zu stark kommen. Dann muss man mit recht katastrophalen Auswirkungen leben", warnt Formayer. Dass die Emissionen nicht noch stärker ansteigen, sei in erster Linie auf die Aktivitäten von Gemeinden, Regionen, Firmen und Einzelpersonen zurückzuführen (siehe Kühlschrank-Grafik).

Grafik: Temperaturabweichungen in Österreich 1767 bis 2018:

 

Argumente in Zahlen

2000 Milliarden Euro müssten weltweit pro Jahr ausgegeben werden, um die Pariser Klimaziele (plus zwei Grad) zu erreichen, errechnete die Managementberatungsagentur Boston Consulting Group. Dabei würden nur erprobte Technologien eingesetzt werden.

80 Prozent Einsparung von Treibhausgasen ergäbe sich, wenn man seine Ernährung auf die medizinischen Ernährungsempfehlungen umstellte. Das betrifft vor allem die Vermeidung von tierischen Produkten wie Fleisch und Milch.

53,5 Gigatonnen an klimaschädlichen Gasen werden derzeit pro Jahr allein durch menschliche Aktivitäten in die Atmosphäre entlassen und befördern den Treibhauseffekt.

44 Prozent und damit den Großteil der klimaschädigenden Gase, die in Österreich ausgestoßen werden, verursachen Industrie und Energiebereitstellung. Für vier Fünftel davon ist die Industrie verantwortlich. Die Energieversorgung Österreichs beruht zu zwei Dritteln auf fossilen Brennstoffen.

 

"Österreich allein kann die Welt nicht retten"

Boku-Klimaforscher Formayer sieht die internationale Politik in der Pflicht, die EU könnte aber auch weitreichende Taten setzen. Mit Klimaforschungsikone Helga Kromp-Kolb hat der Meteorologe und Professor an der Universität für Bodenkultur (Boku) das richtungsweisende Buch "+ 2 Grad – Warum wir uns für die Rettung der Welt erwärmen sollten" (Molden Verlag) geschrieben.

OÖN: Sehen Sie die Möglichkeit, dass Österreich in Sachen Klimaschutz Relevantes vorantreiben kann?

Formayer: Der Lackmustest dieser Regierung – ob sie den Paris-Vertrag ernst meint oder nicht– wird die nächste Steuerreform sein, die eine ökologische Komponente haben muss. Der wichtigste Lenkungseffekt muss aber über die internationale Politik geschehen. Österreich allein kann die Welt nicht retten. Es müssten auch Länder wie die USA oder Saudi-Arabien mitziehen, aber groß genug wäre auch die EU, um auf dieser Ebene Steuern vorzugeben.

"Österreich allein kann die Welt nicht retten"
Herbert Formayer

Dagegen wird argumentiert, dann würde die voest und alle anderen Industrien in Europa, die auf fossiler Energie basieren, abwandern …

Das würde entschärft, wenn Dinge, die nicht so klimafreundlich wie in Europa produziert werden, eine Steuer darauf bekämen. Das ist ja keine Schwierigkeit. Damit wäre die Flucht aus Europa für diese Firmen nicht mehr möglich. Das Problem ist: Wir haben eine globalisierte Wirtschaft und eine nationale Politik. Die Wirtschaft fährt mit den Politikern Schlitten.

Und immer noch steigen Ölverbrauch und CO2-Ausstoß. Geht der Welt die Zeit aus?

Das ist der kritische Punkt. Wir sind noch auf dem steigenden Ast. Aber wenn wir uns die globalen Emissionen ansehen, sind wir sehr nahe am Wendepunkt, wo sie beginnen zurückzugehen. Die Welt hat über die letzten drei Jahre sicherlich gezögert. Es ist viel zu wenig passiert. Nicht nur in den USA, auch bei uns.

Zum Beispiel?

Wenn man sich die Klima- und Energiestrategie von Österreich ansieht, hat man kaum etwas erreicht. Der Slogan, nur mit Anreizen zu arbeiten, ist weniger zielführender, als wenn man etwas mit Kosten versieht. Der Neueinbau von Ölheizung ist beispielsweise schon verboten. Würde man das Heizöl ein wenig mehr besteuern, würde alte Ölheizungen früher abgeschaltet werden.

Können die Bundesländer Wirkung für den Klimaschutz entfalten?

Ich glaube ja. Die Länder sind eigentlich für die Umsetzung der Anpassungsstrategien an den Klimawandel zuständig. Auch für den Katastrophenschutz. Das heißt: Dort sind die Betroffenen, dort sind die Wirkungen zu spüren. Daher müssen auch die Länder rasch aktiv werden, denn sie haben die Auswirkungen zu tragen.

 

Zwanzig Wochenstunden gegen den Klimawandel

Regionale Aktion belohnt: Klimamodellregion Sterngartl-Gusental erhielt Auszeichnung "Climate Star".

Was kann auf regionaler Ebene getan werden, um gegen den Klimawandel zu wirken? Simon Klambauer sagt: "Sich Aktionen einfallen lassen und umsetzen." Das tut der Manager der Klima-Energie-Modellregion (KEM) Sterngartl-Gusental auch. Für die Aktion "Freunde der Erde" bekam seine Region kürzlich den Europäischen Klimaschutzpreis "Climate Star für kommunale Netzwerke". "Bei der Aktion hat der ganze Bezirk Urfahr-Umgebung mitgemacht. Alle Gemeinden und 300 Betriebe waren dabei", erzählt Klambauer. Für klimafreundliches Unterwegssein, Verpackungsvermeidung oder regionalen Bio-Einkauf konnten Pickerl gesammelt werden. Jeder abgegebene Sammelpass wurde zumindest mit einem wiederverwendbaren Obstnetz aus Holzfasern belohnt.

Zwanzig Wochenstunden gegen den Klimawandel
Simon Klambauer

Zwanzig Stunden pro Woche pflügt Klambauer durch die Klimaschutz-Förderlandschaft, sucht Ansprechpartner für Aktionen und Mitkämpfer in Sachen bewusstseinsbildende Maßnahmen bei allen möglichen Stellen: in der Lokal- und Regionalpolitik, der Leader-Region, bei den Abfallverbänden und beim Energiesparverband, bei Wirtschafts- und Landwirtschaftskammer etc. Damit lässt sich durchaus etwas erreichen. So gibt es etwa E-Car-Sharing in 18 Gemeinden. Auf den Dächern von öffentlichen Gebäuden und Privathäusern wurden Photovoltaik-Anlagen mit insgesamt zwei Megawatt Spitzenleistung installiert.

Seit 2009 existiert das österreichweite Programm der Klima-Energie-Modellregionen. In Oberösterreich gibt es zwölf solcher Regionen, im Mühlviertel vier. Finanziell getragen wird das Programm zu drei Vierteln vom Österreichischen Klima- und Energiefonds. Die Gemeinden zahlen den Rest. Finden sich in einer Region Gemeinden und Vereine, kann eine KEM rasch entstehen. Platz wäre noch auf der Landkarte.

Aktivitätsbedarf

Zwanzig Stunden Klimaschutzarbeit – damit sei "kein Riesending" zu stemmen, meint Klambauer, der noch viel Aktivitätsbedarf sieht. Auf seiner Agenda stehen die Forcierung des (E-)Fahrrads. Dafür sei der Ausbau der Radwege im Mühlviertel dringend notwendig. Er organisiert Klimafilmtage, "als Anregung, aktiv zu werden", konzipiert Hausbau-Seminare und Vorträge für Betriebe.

"Das Thema Strom ist in aller Munde", sagt Klambauer, dadurch werden aber ebenso wichtige Themen wie Raumwärme, Verkehr, Transport, Gewerbe und Industrie überdeckt. Von der großen Politik gebe es zwar viele Versprechungen, etwas zu tun, sagt Klambauer, die Fördertöpfe seien aber nicht dementsprechend dotiert. Spezielle Förderprogramme aus den Klima- und Energiefonds seien heuer sogar gekürzt worden. Wenn sich der Klimaschutzmanager etwas ganz Konkretes für seine Region wünschen könnte, wäre es die "City-Tram nach Pregarten".

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