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Michael Schanze: "Immer Flagge zeigen"

"Immer Flagge zeigen"

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Mit Kinder- und Erwachsenenshows war er ein großer Fernsehstar, wurde als Multitalent gefeiert und erhielt alle nur möglichen Auszeichnungen (zum Beispiel als "bester Kinder-Entertainer Europas" in Cannes). Inzwischen hat Michael Schanze den Umstieg zu einer Karriere als Bühnenschauspieler geschafft.

Es ist ja nicht Ihr erstes Musical. Zuletzt haben Sie "Scrooge" komponiert. Nun, es gibt Oscar-Preisträger für die beste Filmmusik, die keine Noten schreiben können. Wie arbeiten Sie?

Ich habe gelernt, Noten zu schreiben. Ich war nämlich im Windsbacher Knabenchor, dem evangelischen Pendant zu den Regensburger Domspatzen. Mit acht, neun Jahren mussten wir dort schon kleine Choräle komponieren. Heute aber benütze ich die modernen Möglichkeiten, setze mich ans Klavier und spiele. Das nehme ich auf, und anschließend geht’s zum Arrangieren ins Studio. Was das Komponieren eines Musicals betrifft, lasse ich mich natürlich mehrheitlich vom Text führen.

Worauf muss man aufpassen?

Dass man zum Beispiel nicht eine Ballade nach der anderen schreibt. Es müssen viele musikalische Farben bedient werden, um die richtige Mischung zu finden. Bei den Kindern Heidi und Peter, die einander so gut verstehen, darf man um Gottes willen nicht in Liebesduette abgleiten. Dann hätten wir unser Ziel verfehlt. Es gilt also, musikalische Zweisamkeit ohne "Liebeskasperl" zu dokumentieren.

Wenn Sie auf Ihre reiche Karriere zurückblicken, da lief ja am Anfang alles wie geschmiert.
Wie sehen Sie diese Jahre?

Da muss ich Ihnen eine Gummiantwort geben. Es war eine tolle Zeit, im Beruf wie im Leben. Doch bei all den Erfolgen habe ich mich ab einem gewissen Zeitpunkt mit meiner Ex-Frau darüber unterhalten, ob es das nun schon war, oder ob noch mehr drin wäre.

Gab es auch die Gefahr, überheblich zu werden?

Da müssten Sie andere Leute fragen, die mich damals kannten. Mein oftmaliger Regisseur Dr. Dieter Pröttel ("Hätten Sie heut’ Zeit für mich", "Flitterabend") hätte sich aber oft mehr gewünscht, also: dass der Michael mehr abhebt.

Das berühmte "Plopp", ein Finger-Backen-Schnalzer im Kinderquiz "1, 2 oder 3", wurde für Sie ein spezielles Markenzeichen. Wo hatten Sie dieses "Plopp" her?

Es ging darum, ein Geräusch zu finden, um den mitwirkenden Kindern ein Signal zum Springen zu geben. Eine Kommilitonin erinnerte mich daran, dass ich schon in meiner Studienzeit an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film ein bestimmtes Geräusch entwickelt hatte. Sie riet mir: "Dann machst du halt wieder so ein Plopp!" Das hat funktioniert. Ich habe dann auch fünf Bücher "Die Plopper" geschrieben.

Welche besonderen Erinnerungen an Österreich haben Sie aus den Erfolgsjahren?

Dass ich sehr gerne in Wien war, aber vor allem auch in Ischgl. Damals ein verträumter, kleiner Ort mit nur einem Schlepplift. Dort habe ich zum Teil auch gewohnt und bin mit Freunden Skirennen gefahren.

In Wien, alles rosarot?

Gar nicht. Denn die Moderatoren von Ö3 standen mir sehr kritisch gegenüber. Da war ich irgendwie in der Bredouille, weil ich vieles von dem, was ich machte, auch sehr kritisch betrachtete. Und: nach einem Frank Sinatra, einem Dean Martin, was sollte ich da noch singen? Aber immerhin hatte ich einen Fuß in der Tür. Doch ob meiner bisweilen auftretenden Selbstzweifel habe ich einmal, bei der Präsentation des Schlagers "Plaisir d’amour – ich hab’ dich lieb", experimentiert und mir als Anspielung auf "Schnulze" während des Singens ein Schmalzbrot gestrichen. Da brach beim Publikum Empörung aus. Wie kann man das nur tun, protestierten sie, bei einem so schönen Lied? Also gab ich das Schmalzbrot wieder auf.

Ein Österreicher war für das jetzige Stadium Ihrer Karriere als geschätzter Theaterschauspieler sehr entscheidend?

Ja, Dr. Hellmuth Matiasek aus Salzburg, der mich einlud, bei ihm einen bitterbösen Charakter zu spielen. Den Gagler in Carl Orffs "Astutuli" bei den Festspielen im Kloster Andechs im Jahr 2007. Seither gab es viele lohnende Aufgaben. Zuletzt der Dorfrichter Adam im "Zerbrochenen Krug" und einer der "Drei Männer im Schnee".

Welchen Rat würden Sie heute angehenden jungen Entertainern geben?

Versuche, von Anfang an das zu tun, was du unbedingt tun möchtest, und lauf nicht irgendeinem Erfolg nach, bei dem die Menschen links von dir jubeln "Das ist guuut!" und jene rechts von dir weinen. Immer Flagge zeigen und sagen: "Das bin ich!" Denn das Schlimmste am Erfolg ist, wenn du von dem, was du machst, nicht überzeugt bist.

Was schauen Sie sich selbst heutzutage im Fernsehen an?

Unabhängig vom Sport: Dokus.

Und wie empfinden Sie die derzeitige TV-Landschaft?

Ich ärgere mich, dass der meistbeschäftigte Mann im Fernsehen der Reiner ist. Wenn Sie mich fragen: Welcher Reiner? – Reiner Zufall.

Bedeutet?

Ein Superstar wie Peter Alexander und auch ich haben oft Wochen geprobt, damit die Dinge sitzen. Jede kleinste Anweisung musste umgesetzt werden. Heute, wo die Kameras viel billiger sind, gibt es oft drei zusätzliche, damit die Bilder viel mehr bewegt werden. Aber mich bewegt am Ende nichts.

******

Leben: Michael Schanze (71) sang im Windsbacher Knabenchor und lernte Klavier. Als Maturant gründete er seine „Quarter Deck Combo“, seine erste Single „Ich bin kein Lord“ erschien. 1982 krönte eine Goldene Schallplatte die LP „Olé España“ zur Fußball-WM.

TV-Moderator: 1968 begann er beim SWR. Ab 1972 folgten u. a. die ZDF-Show „Hätten Sie heut’ Zeit für mich?“, das Kinderquiz „1, 2 oder 3“ (1977-85), „Die Michael-Schanze-Show“ und „Flitterwochen“.

Schauspieler: 1972 spielte er in „Sie nannten ihn Krambambuli“, 2010 in der Serie „Dahoam is dahoam“.
Auf der Bühne gab er u. a. Tevje in „Anatevka“, Käpt’n Andy im Musical „Showboat“, zuletzt den Dorfrichter im „Zerbrochenen Krug“ und einen der „Drei Männer im Schnee“.

„Heidi“ in Wien: Premiere des Musicals ist am 10. Oktober im Museumsquartier. Karten: OÖN-Tickethotline, 0732 7805 805. Einer Deutschlandtournee ab Jänner 2019 sollen weitere Aufführungen in Österreich folgen.
Infos zum Musical unter www.heidimusical.info

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Artikel Ludwig Heinrich 27. April 2018 - 07:04 Uhr
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