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Fünf vor neun

OÖN Newsletter: Die Brüllaffen sind nicht die Mehrheit

Von Gerald Mandlbauer  17. Oktober 2020 08:52 Uhr

Fünf vor Neun

Täglich um 8:55 Uhr bringen Sie die Mitglieder der OÖN-Chefredaktion in einem Morgenbrief auf den neusten Stand, mit Ein- und Ausblicken, Einschätzungen und Analysen.

 
Gerald Mandlbauer
Gerald Mandlbauer

Guten Morgen!

Üben wir das Demokratie-Zerstören. Dann brauchen wir als Gesellschaft nur so weiter zu tun, den Ton verschärfen und über die Medien den Frust ausschütten, Politiker verächtlich machen, Institutionen besudeln, Corona-Regeln  für eine unerträgliche Zumutung halten, um die wir uns nicht scheren, den Staat als Gegner sehen und jeden, der eine andere Meinung vertritt.  

Im Großlabor USA ist am besten zu sehen, wohin das führt. Der Vertrauensverlust, den Staat und Politik erfahren, ist dramatisch. Aktuell liegt dieses Grundvertrauen bei nicht einmal mehr 25 Prozent, heißt, drei Viertel stehen Staat und der regierenden Klasse äußerst kritisch und zweifelnd gegenüber. In den Sechzigern war es noch umgekehrt, drei Viertel der Bürger vertrauten dem Staat und dessen Vertretern. 
Wir merken daran, wohin das Dauer-Gezerre am Grundgerüst der Demokratie führen kann. Das Polarisieren, das Schüren von Ängsten und Wut hat einen hohen Preis, am Ende verlieren alle, voran die Demokratie. 

Die apokalyptischen Reiter des Internet. Diesen Zusammenhang muss man sich als Journalist immer vor Augen halten. Die Verlockung mitzulärmen ist nämlich vorhanden, die sozialen Medien tragen das ihre dazu bei. Viele Leute erwarten sich von uns, dass wir die apokalyptischen Reiter des Internet - Zorn, Respektlosigkeit, Lüge, Übertreibung - in unser handwerkliches Repertoir übernehmen, „social media“ verändert Verhalten und Ansprüche. Die Brüllaffen gibt es nicht mehr nur im Zoo. 

Verzicht auf niedere Instinkte schließt Erfolg nicht aus. Wir werden allerdings vor diesem niederen Zeitgeist nicht kapitulieren, Klassischer Journalimus bindet demokratische  Verantwortung ein. Diese Ethik schließt Erfolg nicht aus, das kann ich heute hier mit Zahlen unterlegt behaupten. Diese Woche wurden die Daten der österreichischen Mediaanalyse 2019/2020 veröffentlicht und die OÖN dürfen sich darüber freuen, dass sie in Oberösterreich die Tageszeitung mit der höchsten Reichweite sind, ohne dass wir als Redaktion dazu die niederen Instinkte der Leute bedienen und unseren Teil zur Aufschaukelung der Erregung beitragen mussten. 

OÖN an der Spitze. 25,9 Prozent beträgt unsere Reichweite in Oberösterreich. Der kleinformatige Boulevard kommt auf 25,5 Prozent. Diese Relation ist für uns ein ermutigendes Zeichen dahingehend, dass es abseits vom Boulevard-Sumpf und der Internet-Bassena eine große Gruppe von Leserinnen und Lesern gibt, die sich für Deeskalation entscheiden, für das Brückenbauen und gegen das Gräbenaufreißen. 

751.000 OÖN-Leser, die Besonnenen sind mehr. Diese Gruppe, nicht die Lauten und Lärmenden, sind eine stille Mehrheit, aber eben die Überzahl. Heißt im Falle OÖN: 357.000 lesen uns täglich, 751.000 (in Worten eine Dreiviertelmillion) mindestens ein mal pro Woche. Ihnen allen hier ein herzliches Dankeschön. 

Institutionen der Demokratie müssen geschützt werden, den Zerstörern Einhalt geboten werden. Darum geht es schließlich im Journalismus auch, ohne dass wir uns dehalb zu Schosshunden des Staates und seiner Organe degradieren. Wir bleiben kritisch. Wir werden dabei, ermuntert  von den aktuellen Leserzahlen, fortfahren, der Kultur der Wut und der Zerstörung eine solche der Sachlichkeit und der Tatsachen entgegen zu halten. Das Mantra einer Zeitung wie der OÖN ist nicht das „entweder - oder“ (also das schlichte Schwarz oder Weiß) sondern das verbindende „sowohl als auch“. Oder, um es mit Martin Walser zu sagen: „Die Wahrheit ist nichts ohne ihr Gegenteil.“ 

Kurz-Serie Demokratie retten. Passend zu diesem Themenbogen startet unser Politikressort heute eine Kurzserie, die sich genau dieser Frage des loser gewordenen gsellschaftlichen Zusammenhaltes widmet. Wie können wir die Demokratie vor jenen schützen, die ihre Institutionen verächtlich und kaputt machen? Die Antwort ist nicht einfach. Anschauungsunterricht gibt es zuhauf, in den USA, oder näher, in Großbritannien, wo Boris Johnson es auf den harten Brexit ankommen lassen will.

Faszination Heimat. Und weil heute für uns ein richtiger Super-Samstag ist, läuten wir dazu eine zweite Serie ein, diemal leichterer Stoff. Wir bleiben daheim und beleuchten unter dem Etikett „Faszination Heimat“ 99 Dinge, die wir an Oberösterreich so lieben. Der Rest soll Überraschung bleiben. Ein gutes Wochenende, schön unaufgeregt mit unserer Zeitung als passender Grundlage.
Gerald Mandlbauer
 

Gerald Mandlbauer, Chefredakteur

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