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Multikulturelles Temeswar

Von Johannes Jetschgo, 26. November 2022, 19:00 Uhr
Multikulturelles Temeswar
Die orthodoxe Kathedrale in Temeswar mit ihren elf Türmen ist eine der größten Kirchen Rumäniens. Bild: Tufariu Zita

Temeswar überrascht. Die Kulturhauptstadt 2023 im äußersten Westen Rumäniens verströmt Charme und Großzügigkeit und straft jegliche Klischees von osteuropäischer Rückständigkeit Lügen. Hier wird Vielfalt und Pioniergeist gelebt.

Wir haben bis heute in der Stadt Minderheiten, die Serbisch, Bulgarisch, Ungarisch oder Slowakisch sprechen, und in der Nähe ein tschechisches Dorf", erzählt Bürgermeister Dominic Fritz. "Meine Theorie ist, dass die relaxte Diversität ein Innovationsmotor war, die Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen miteinander aufwachsen", so der gebürtige Deutsche aus dem Schwarzwald. Fritz war Büroleiter des ehemaligen Bundespräsidenten Köhler und fühlte sich seit einem sozialen Jahr hier der Stadt verbunden. Er engagierte sich in der Antikorruptionsbewegung und gewann 2020 als Spitzenkandidat seiner Bürgerrechtspartei die Kommunalwahlen mit 53 Prozent. Ein mittleres politisches Erdbeben, das bewies, wie offen man hier denkt.

Festungs- und Vorzeigestadt

Dabei war Temeswar einst eine geopolitisch heiße Zone, im Mittelalter ungarische Königsburg, als Kastell ausgebaut und dann doch ab 1552, von den Türken erobert, eineinhalb Jahrhunderte ein Stützpunkt des Osmanischen Reichs. Das heute am Rand der Innenstadt gelegene Schloss Hunyadi, ein Backsteinbau eines italienischen Architekten, diente auch dem Pascha als Residenz bis zur nächsten Zeitenwende. "1716 begann bei uns die Moderne", sagt Touristenbegleiterin Ramona Lambing. Damals eroberte Prinz Eugen von Savoyen im dritten Türkenkrieg die Stadt, wenig später fiel das Temeswarer Banat zur Gänze an das Habsburgerreich. Land und Stadt waren zerstört, das Banat wurde zum ehrgeizigen Agrarprojekt, Temeswar zur Festungsstadt an der Militärgrenze, aufgebaut nach dem Reißbrett, die Sümpfe des Umlands wurden entwässert und trockengelegt. Der Bega-Kanal ist das Ergebnis, er durchzieht die Stadt. Befahren von Ausflugsbooten, die an die italienischen Vaporetti erinnern, begleitet von Grünanlagen und Gartenrestaurants, die im Sommer südliches Flair verbreiten.

Von der Pionierzeit und ihren Plagen erzählen nur noch die Pestheiligen Rochus, Sebastian und Rosalia, die einem an der Mariensäule am Paradeplatz und in Altarbildern im Dom begegnen, wenn man sie als solche erkennt. Der Dom, eine der wichtigen Wallfahrtskirchen Südosteuropas, wurde nach Plänen Fischer von Erlachs errichtet, gleich vis-à-vis steht die serbisch-orthodoxe Kirche. Schon in der Ernennungsurkunde des ersten katholischen Bischofs von Temeswar ist erwähnt, dass hier orthodoxe Gläubige leben und man ihre Sitten respektieren möge. Ein Charakteristikum, das das Banat beibehalten sollte. In drei "Schwabenzügen" holte man deutsche Siedler ins Land. Sie bewährten sich in Landwirtschaft und Gewerbe. Das Gebiet wurde zu einer Musterregion, Temeswar zu einem habsburgischen Verwaltungszentrum, in das, je nach Bedarf, auch italienische oder spanische Fachleute übersiedelten.

Das heutige Bild der Innenstadt wird bestimmt von zwei-, dreistöckigen historischen Häuserzeilen – menschliche Dimensionen –, dazwischen weite Plätze, vom Autoverkehr befreit, gesäumt von Straßencafés. Der alte Festungsring wurde, wie in vielen anderen Städten auch, schon im 19. Jahrhundert geschleift und durch Parkanlagen ersetzt. Auch hier, 550 Kilometer von Wien entfernt, gibt es einen an Kaiser Franz Joseph erinnernden Bezirk "Josefstadt" und eine "Elisabethstadt", auch hier, in der Dreiländerecke Rumänien-Serbien-Ungarn baute das viel beschäftigte Architekturbüro Fellner & Helmer bis 1875 die Oper, deren Fassade 1920 byzantinisch stilisiert wurde, dem nach 1918 neu erstandenen Nationalstaat Rumänien geschuldet.

Das Deutsche Theater auf dem Victoriei-Platz Bild: urlaub-in-rumänien.de (APA/DPA/Maurizio Gambarini)

Temeswars berühmte Söhne

Bruno Walter hatte hier seine Dirigentenkarriere begonnen, in Johann Strauss’ Operette "Der Zigeunerbaron" wurde Temeswar Schauplatz; nicht nur Jonny Weissmüller, der erste "Tarzan", stammt aus Temeswar, auch Ioan Holender. Die Oper teilt sich das große Gebäude mit dem Deutschen und Ungarischen Staatstheater, die Spielpläne werden subtil abgestimmt, "wir leihen auch die Künstler voneinander aus", sagt Intendant Lucian Varsandan vom Deutschen Staatstheater und setzt selbstbewusst hinzu: "Wo gibt es das, dass man in einer Stadt in das gleiche Stück gehen und man es in zwei unterschiedlichen Inszenierungen und zwei unterschiedlichen Sprachen anschauen kann?" 10.000 Besucherinnen und Besucher nutzen jährlich das Angebot. Zwischen Oper und der rumänisch-orthodoxen Kathedrale, der zweitgrößten orthodoxen Kirche weltweit, erstreckt sich der "Siegesplatz", eine großzügige Flaniermeile mit um 1900 entstandenen Palais, Geschäftspalästen im historistischen Stil, wie das Palais Lloyd, in dessen "Café Wien", das authentisch erhalten ist, Egon Erwin Kisch Gast war. Viele Fassaden dieses Boulevards werden derzeit renoviert, "urspät" befindet Operndirektor Cristian Rudik. In seinem Haus soll das Kulturhauptstadtjahr eröffnet werden. Von hier überblicken wir, symbolisiert in Bauten und Monumenten, das 20. Jahrhundert. Kurz vor dessen Beginn hat sich Temeswar nicht nur seines Festungscharakters entledigt, die Stadt hat hier am Siegesplatz architektonisch einen neuen, großbürgerlichen Akzent gesetzt, immerhin erlebte Temeswar 1884 die erste elektrische Straßenbeleuchtung Europas.

Von Diktatoren umschmeichelt

Eigentlich wollte das Banat nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie eine eigene Republik werden, aber dieser Wunsch der Ungarn und deutschen Donauschwaben verhallte. Im Friedensvertrag von Trianon wurden Siebenbürgen und das Banat dem neu entstandenen Rumänien zugeteilt. Die kapitolinische Wölfin, samt Romulus und Remus als Standbild mitten am Platz, beweist, wie Rumänien in der Zwischenkriegszeit sich als Nachfolge der antiken römischen Provinz wiederentdeckte und von Benito Mussolini umschmeichelt wurde. Weniger der italienische Faschist als der nationalsozialistische Partner bestimmte dann ab den 30er-Jahren das Schicksal der deutschen Bevölkerung im Banat. Rumäniens schwache Parteiendemokratie glitt zunächst in eine rechtsextreme Diktatur und wurde bald von Hitler vereinnahmt, wegen der Erdölquellen im Land und als Helfer im Aufmarsch gegen die Sowjetunion.

Für die „Volksdeutschen“ (ein Nazi-Begriff) war eine Behörde unter Aufsicht der SS zuständig. Auf diese Weise wurden auch die Banater Schwaben zur missbrauchten Minderheit und nach dem Krieg wie alle anderen Rumäniendeutschen zehn Jahre rechtlos. Es fand hier zwar keine Vertreibung wie in der Tschechoslowakei statt, aber 80.000 Deutsche aus Rumänien wurden zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt. Generell blieben sie als Minderheit neben 17 anderen im kommunistischen Staat akzeptiert.

Das Haus Brück – denkmalgeschützter Blickfang

Eine „germanophile Gegend“

Carmen Lidia Vidu bringt im heurigen Spielplan des Staatstheaters Temeswar ihr Dokumentarstück „Menschen. Zu verkaufen“ auf die Bühne. Es dreht sich um die vertrauliche Vereinbarung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Ceausescu-Regime, der zufolge gegen „Kopfgeld“ vom rumänischen Geheimdienst bis 1989 die Ausreise von 220.000 Deutschen organisiert wurde. „Der Bürger war Geisel“ sagt Vidu, die das tabuisierte Thema recherchierte. Nach der Ostöffnung folgte ein letzter Auswanderungsschub. Und das wird öffentlich bedauert.
„Sie sind hier in einer sehr germanophilen Gegend“ sagt Elena Wolf, Direktorin der Lenau-Schule. Heute leben höchstens noch 36.000 Deutsche in Rumänien, aber das Land hat 60 Schulen, die Deutsch als Muttersprache unterrichten. Es sind rumänische Familien, die ihre Kinder an diese Schulen schicken, die nahtlos auch in Vereinen der deutschen Minderheit nachrücken. Und die Nachfrage ist groß. Das staatliche Lenau-Gymnasium in Temeswar ist ein Prestigemodell: Hier haben schon zwei Nobelpreisträger maturiert: Herta Müller, die Schriftstellerin, und der Chemiker Stefan Hell. Die Direktorin sagt: „Wir wollen Schülerinnen und Schüler, die hinterfragen, was angeboten wird.“ So wird etwa ab der 5.Klasse „Kritisches Denken“ als Fach angeboten.
Nach zwei Tagen und vielen Gesprächen findet man im Alltag bestätigt, was der Abgeordnete Ovidiu Gant betont: „Temesvar bedeutet 300 Jahre Toleranz, Verständigung, Zusammenleben zwischen Ethnien, Kulturen und Glaubensgemeinschaften. Wir sind eine kosmopolitische Stadt.“ In der, will man hinzufügen, die Sicherheit der Minderheiten gewährleistet ist. Wie sonst wäre in der Innenstadt-Synagoge akkreditierungsfrei die spontane Teilnahme an einer großen jüdischen Feier möglich.

Der Bega-Kanal, einst wichtiger Transportweg, heute Freizeitgebiet.

Was lange währt …

Dieses Klima hat die Stadt veranlasst, sich schon vor zehn Jahren für den Titel „Kulturhauptstadt“ zu bewerben. Aber auch die Tatsache, dass hier die Revolution im Dezember 1989 ihren Ausgang genommen hat, sollte mit dem Titel gewürdigt werden. Die angedrohte Versetzung des ungarischen, evangelischen Pfarrers Tökes wurde am 17. Dezember 1989 Anlass der Bürgerproteste, die zunächst blutig niedergehalten wurden, dann aber Ceausescu, den „Conducator“ stürzten. In der Gedenkstätte ist ein beklemmender Dokumentarfilm aus jenem Winter zu sehen. Die ökumenisch gestaltete Kapelle erinnert an jene Todesopfer der ersten Stunden, die das kommunistische Regime noch nach Bukarest transportierte, um sie einzuäschern und den Verwandten vorzutäuschen, sie hätten sich abgesetzt.
Temeswar als Kulturhauptstadt 2023 hat einen langen Weg hinter sich. Erst hat Corona den Anlauf gestoppt, dann wurde das Team gewechselt. Aber das Motto ist geblieben: „Shine your light – Light up your city!“ Dass hier ein Schmelztiegel europäischer Kulturen über viele Generationen entstanden ist, zeigt, dass Nationalismen überwunden werden können, ohne ideologische Imperative, sondern durch gelebte Praxis.

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