Lade Inhalte...

Gesundheit

Was Gretas Krankheit bedeutet

30. Oktober 2019 06:56 Uhr

Was Gretas Krankheit bedeutet
Klima-Aktivistin mit Asperger: Greta Thunberg bei ihrer Wutrede in New York

Asperger-Autisten haben eingeschränkte soziale Fähigkeiten und neigen zur Monotonie, sie werden häufig als hochintelligent dargestellt.

Als Greta Thunberg auf dem UN-Klimagipfel in New York eine Wutrede hielt, waren manche Zuschauer überrascht. Ist sie nicht Autistin? Und haben die überhaupt Gefühle? Auf Twitter beschreibt sich Thunberg selbst als "16-jährige Klima- und Umweltaktivistin mit Asperger". Tatsächlich wirkte sie zuvor fast immer rational kühl. Um Autismus und das Asperger-Syndrom ranken sich einige Mythen. In manchen Aspekten sind sich sogar Wissenschafter noch nicht einig.

Autismus bedeutet laut den diagnostischen Kriterien zum einen, dass Betroffene in sozialen und kommunikativen Fähigkeiten eingeschränkt sind. Ihnen fällt es beispielsweise schwer, Gesichtsausdrücke zu deuten oder Ironie zu verstehen. Thunberg nennt auf Facebook ihre mangelnden Fähigkeiten im "Socializing" als Grund dafür, anfangs alleine protestieren gegangen zu sein. "Wenn ich normal und gesellig gewesen wäre, hätte ich mich einer Organisation angeschlossen oder selbst eine gegründet."

Das zweite entscheidende Merkmal für Autismus ist, dass Betroffene zur Monotonie neigen. Sie haben etwa den Wunsch nach Ritualen, den immer gleichen Speisen oder Themen. Meist leiden sie auch unter starken Sinneseindrücken: Licht und Geräusche erscheinen ihnen extrem hell beziehungsweise laut.

Empathie ist da

Autisten wird nachgesagt, sich nicht in andere Menschen hineinfühlen zu können. "Dass autistische Menschen keine Empathie haben, ist nicht der Fall", widerspricht der Autismusforscher Simon Baron-Cohen von der Universität Cambridge. Viele hätten zwar Schwierigkeiten, sich gedanklich in Mitmenschen hineinzuversetzen. Aber Empathie habe – neben dem kognitiven – auch einen affektiven Teil, also eine emotionale Reaktion auf andere Menschen.

Während Autisten in sozialen Bereichen meist Probleme haben, gelten sie in anderen manchmal als Genies. Speziell Asperger-Autisten werden häufig als hochintelligent porträtiert. Manche Unternehmen beschäftigen sogar speziell Autisten, weil sie als besonders detailorientiert gelten. Das kann etwa bei Fehleranalysen im IT-Bereich hilfreich sein.

Doch Menschen mit Autismus sind längst nicht immer hochbegabt – auch nicht alle Asperger-Autisten. Mittlerweile ist sogar umstritten, ob es das Asperger-Syndrom überhaupt gibt. Im aktuellen Diagnostikkatalog, nach dem Psychiater Erkrankungen einteilen, taucht das Syndrom nicht mehr auf. Seit 2013 sind die bisher getrennten Krankheitsbilder (Asperger- und Kanner-Autismus) zur sogenannten Autismusspektrumsstörung zusammengefasst.

Wissenschafter untersuchen dennoch weiter, ob Unterschiede zwischen Autisten nur Nuancen sind oder auf separate Krankheiten hinweisen. Auch Betroffene sind sich nicht einig. Manche sehen Autismus als Behinderung. Andere sprechen sich unter dem Stichwort Neurodiversität dafür aus, dass sie nur eine andere Art der Wahrnehmung hätten.

Teil der Identität

Wo Autismus anfängt, ist in der Tat unklar. Nach den neuen Diagnose-Kriterien würden viele Asperger-Autisten gar nicht mehr als Autisten gelten – laut einer Meta-Analyse träfe das auf jeden Vierten zu. Für viele Autisten ist die Diagnose Teil ihrer Identität. Auch Greta Thunberg schrieb auf Twitter: "Ich habe Asperger, und das bedeutet, dass ich manchmal ein bisschen anders als die Norm bin. Und – unter den richtigen Umständen – kann Anderssein eine Superkraft sein."

Schockdiagnose Autismus: Wie man damit umgeht

Opernstar Anna Netrebko ist wohl eine der bekanntesten Mütter, die mit der Diagnose konfrontiert wurden. Ihr mittlerweile zehnjähriger Sohn leidet an Autismus. Der Befund war zunächst ein Schock. Ein Schicksal, das sie mit rund 48.500 Müttern in Österreich teilt.

Hilfe erhalten Betroffene am Institut für Sinnes- und Sprachneurologie der Barmherzigen Brüder Linz. In der neurolinguistischen Ambulanz können Diagnosen erstellt werden, es gibt hier allerdings längere Wartezeiten.

Je früher die Anzeichen auf eine Autismusspektrumsstörung richtig gedeutet werden, umso früher kann mit einer Therapie begonnen werden, die den Betroffenen hilft, mit der Umwelt adäquat umzugehen. Wichtig ist die Bewusstmachung und Förderung von Stärken und Schwächen, es geht um Annahme und um Trauerarbeit.

Wie erkennt man Autismus?

Frühe Zeichen sind starkes Weinen, häufiges Schreien oder Schlafprobleme. Die Kinder kommen auch nicht zur Ruhe und reagieren auf Reize nicht so wie andere Kinder. In diesem Fall ist es ratsam, mit einem Kinderarzt über die Probleme zu sprechen.

Der Pädagoge und Autismustrainer Werner Holmes-Ulrich arbeitet seit sieben Jahren mit betroffenen Jugendlichen und Eltern und weiß: „Es ist leichter damit umzugehen, wenn man darüber ins Gespräch kommt, sich diesem Thema nicht alleine stellen muss und man sich im Klaren ist, was Autismus ist und was nicht. Falsche Schuldgefühle sind eine Last, die niemand tragen sollte.“

 

 

Interessieren Sie sich für dieses Thema?

Mit einem Klick auf das “Merken”-Symbol fügen Sie ein Thema zu Ihrer Merkliste hinzu. Klicken Sie auf den Begriff, um alle Artikel zu einem Thema zu sehen.

Lädt
turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon fügen Sie das Schlagwort zu Ihren Themen hinzu.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon öffnen Sie Ihre "meine Themen" Seite. Sie haben von 15 Schlagworten gespeichert und müssten Schlagworte entfernen.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon entfernen Sie das Schlagwort aus Ihren Themen.

turned_in

Fügen Sie das Thema zu Ihren Themen hinzu.

mehr aus Gesundheit

205  Kommentare expand_more 205  Kommentare expand_less