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"V13": Emmanuel Carrère gibt den Opfern der Pariser Terroranschläge eine Stimme

Von Roswitha Fitzinger, 17. November 2023, 18:37 Uhr
Terror Anschläge Paris Bataclan
2:38:47 vergingen vom Eindringen der Attentäter in die Konzerthalle von Bataclan bis zur Erstürmung der Polizei. Allein in den ersten 32 Minuten fielen 258 Schüsse. Bild: APA/EPA/MARIUS BECKER

Knapp zehn Monate lang beleuchtete der Prozess um die Terroranschläge von Paris vom 13. November 2015 die Blickwinkel aller Beteiligten. Emmanuel Carrère war von Anfang bis Ende dabei.

Bataclan. Ein Name wie Charlie Hebdo oder 9/11 – ein Trauma, eingebrannt in die DNA einer ganzen Nation.

Am Freitag, dem 13. November 2015 ( Vendredi 13), hatten sich in der Konzerthalle des Musikclubs Bataclan in Paris, auf den Terrassen mehrerer Cafés und vor dem Stade de France sieben IS-Kämpfer in die Luft gesprengt, dabei 130 Menschen in den Tod gerissen und fast 700 verletzt. Sechs Jahre dauerten die Ermittlungen, bis am 8. September 2021 20 Angeklagten in Paris der Prozess gemacht wurde, in einem eigens gebauten Gerichtssaal.

Über einen Zeitraum von zehn Monaten war der französische Schriftsteller und Filmregisseur Emmanuel Carrère jeden Tag bei Frankreichs "Jahrhundertprozess". Sein daraus entstandenes und nun auf Deutsch erschienenes Buch ruft nicht nur das Grauen jenes Freitags, des 13., bis zur Grenze des Erträglichen in Erinnerung, sondern beleuchtet auch das Davor und Danach, die Hintergründe. Dass Carrère auch persönliche Eindrücke und Befindlichkeiten nicht ausklammert, verstärkt den Lesesog zusätzlich. Am Ende ist man nicht nur betroffen und berührt, sondern erhält auch Einblick in Phänomene wie IS oder Dschihadismus. Die große Stärke des Buches liegt jedoch in seiner Vielstimmigkeit. Emmanuel Carrère hat ihnen allen eine Stimme gegeben, …

… den Überlebenden unter den 1000 Zuschauern in Bataclan, wie Thibault, der während des Anschlags dachte "das ist mein letzter Atemzug" und später meinte, "der einzige Gedanke, der mich beruhigt hat, war, dass ich keine Kinder habe", oder Lydia, die zuerst die Panik der Musiker auf der Bühne sah, und als ihr Bein später im Gedränge eingeklemmt wurde, herumfragt, "ob jemand ein Messer dabeihat, um mir das Bein abzuschneiden". Pierre wiederum beschreibt die Vorgangsweise der Attentäter folgendermaßen: "Sie haben eine Pause gemacht um nachzuladen, danach ging es nicht mehr so wahllos, sondern gezielt weiter: Kugel für Kugel, ganz gezielt. Ein Schrei, ein Schuss, ein Weinen, ein Schuss, ein Telefonklingeln, ein Schuss."

… den Polizisten des Einsatzkommandos, die durch Leichen waten, die ineinander verkeilt sind, die durch Blutlachen schlittern, die Opfer mit 30 Schusslöchern bergen, teilweise zu viert, weil sie so vollgesogen sind mit Blut. Auch der ehemalige Chef des französischen Auslandsgeheimdienstes kommt zu Wort. Er räumt ein, dass seine Dienste "Mist gebaut" hätten, weil im August 2015 niemand den Aussagen eines "kleinen" Dschihadisten Glauben schenkte, der erklärte, was einer der Hauptdrahtzieher vorhat – nämlich "ein leichtes Ziel an einem Ort zu finden, wo sich viele Leute aufhalten. Eine Konzerthalle. Ein Rockkonzert. Und ich kann Ihnen versichern, dass das sehr bald passiert."

… den Angeklagten wie Salah Abdeslam, dem einzigen überlebenden Mitglied des neunköpfigen Terrorkommandos, dessen Sprengstoffgürtel nicht gezündet hat/wurde und der während der sechsjährigen Ermittlungen stets die Aussage verweigert, oder IS-Kämpfer Sofien Ayari, der "ausnahmsweise" redet, sechs Stunden lang, weil er es dieser Frau schulde, wie er sagt, die ihre Tochter auf einer der Terrassen verloren hat und die ihn an seine Mutter erinnere.

… den Helden wie Sonia, die zur Verhandlung kommt, obwohl sie für tot erklärt wurde und nun mit neuer Identität leben muss, weil sie einen der Drahtzieher der Anschläge identifizierte und der Polizei meldete.

… den Hinterbliebenen wie Patrick, Vater der ermordeten Lola, der den Polizisten gratuliert, einen der Attentäter "abgeknallt" zu haben und zugibt, "voller Hass" zu sein, oder George, der ebenfalls ein Kind verloren und errechnet hat, dass die Chance, in Frankreich Opfer eines Terroranschlages zu werden, bei zwei zu einer Million liegt, und der dennoch dafür kämpft, Opfer und Täter in einen Dialog zu bringen. In Erinnerung an seine Tochter hat er ein Buch über Liebe und Trauer geschrieben und ein weiteres über einen Dialog mit einem Vater eines der Attentäter, das auf viel Kritik stieß.

… den Experten wie der belgischen Ermittlungsrichterin Isabelle Panou, die erklärt, wie in der Heimat der Attentäter, dem Brüsseler Stadtteil Molenbeek und in Belgien der radikale Islam Fuß fassen konnte. Der Arabist Hugo Micheron, der mehr als 100 Dschihadisten interviewt hat, erläutert beim Prozess, dass sich Dschihadisten selbst keinesfalls als Sozialfälle oder Opfers sehen, sondern als Helden, als Vorhut einer weltweiten Eroberungsbewegung, weshalb auch Deradikalisierungsprogramme meist zum Scheitern verurteilt sind.

… den einzigen Auserwählten, wie Guillaume, der einem der Selbstmordattentäter Auge in Auge gegenübersteht und verschont wird, weil der in ihm angeblich einen von ihnen erkennt.

… den Berühmtheiten, wie dem ehemaligen Präsidenten Francois Hollande, der ebenso aussagte wie der Sänger der Eagles oft Death Metal, jener Band, die am 13. November im Bataclan spielte. Überlebende des Terroranschlags bilden ein Spalier, als der Frontmann den Gerichtssaal betritt, der wiederum jeden von ihnen nach seiner Aussage umarmt.

… den Vergessenen, wie Guillaume, dem zwischen hypochondrischem Wahn und Depression schwebenden Überlebenden, der zwei Jahre und sechs Tage braucht, um zum 131. Opfer zu werden …

Emmanuel Carrère: "V13 – Die Terroranschläge in Paris", aus dem Französischen von Claudia Hamm, Verlag Matthes & Seitz Berlin, 275 Seiten, 26,50 Euro

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Autorin
Roswitha Fitzinger
Roswita Fitzinger
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