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Im Dunkel von Internet und irischer See

Von Johannes Jetschgo, 04. November 2023, 10:28 Uhr
Im Dunkel von Internet und irischer See
Eva-Maria Oberauer alias Ellen Dunne in ihrer Wahlheimat Irland: "Ich möchte ohne Mühe klüger werden." Bild: Jetschgo

Zu Besuch bei Krimiautorin Ellen Dunne und den Schauplätzen ihres Kriminalromans "Unfollow Stella" in Dublin und den unendlichen Weiten der sozialen Medien.

Ellen Dunne öffnet den Abgrund unter unserem digitalen Alltag. Sie leuchtet in die verborgene Arbeitswelt der Content-Moderatoren – jener meist junger Leute, die Social-Media-Plattformen freihalten sollen von Hass- und Gewaltfantasien. "Content-Moderatoren waten durch den Bodensatz menschlicher Natur", lässt Ellen Dunne ihre Hauptfigur im jüngsten Roman "Unfollow Stella" ("Folge Stella nicht mehr") sagen. Diese Figur, Stella Schatz, eine Österreicherin, weiß, wovon sie spricht. Sie macht diesen Job wie Tausende andere. Oder auch nicht, denn er wird ihr zum Verhängnis. Stella Schatz ist abgängig. Kriminalkommissarin Patricia "Patsy" Logan setzt sich in Dublin auf ihre Spur.

Googles Expansion

An der Seite der Autorin wandern wir durch die Docklands von Dublin, das Stadtviertel im Südosten, das die Veränderung der vergangenen Jahrzehnte markant spürbar werden lässt. "Als ich 2004 als Mitarbeiterin von Google hierhergekommen bin", erzählt Ellen Dunne, "waren wir auf zwei Stockwerken eingemietet. Inzwischen hat sich die Fläche vervielfacht, die Gegend heißt jetzt Silicon Docks." Riesige Türme der Tech-Multis steigen in den Himmel, davor ducken sich bescheidene Backsteinhäuschen, die Reste der Arbeitersiedlungen des alten Hafens. Die neuen Bürohäuser überragen auch die durchaus imposanten historischen Getreidespeicher.

Zurück zum Buch: "Die Kandidatin versteht und akzeptiert, dass sie in ihrer Position möglicherweise mit extremen, verstörenden und sensiblen Inhalten konfrontiert wird", liest man im Arbeitsvertrag von Stella Schatz. Die dunkle Seite im Netz, das wir täglich nutzen. Wir lernen sie mit Ellen Dunne kennen. Die Fragen – was soll und darf im Netz geteilt und ausgetauscht werden, was davon muss gelöscht werden und wer entscheidet – ist aktuell und realer Konfliktstoff. "In meinen Büchern sind Täter und Opfer oft eine Person", sagt sie. "Das Interessante ist, wo die Grenzen verschwimmen. Man kann die eigenen Moralvorstellungen hinterfragen, wir sind schließlich alle Nutzer und Teil des Systems, indem wir uns durchscrollen", meint die Autorin, die ihre Charaktere von Buch zu Buch weiterentwickelt. Ihr neuer Roman durchleuchtet die Grauzone zwischen Kontrolle und Kriminalität. Moralischer Anspruch und Verbrechen gehen Hand in Hand. Dunnes Krimis sind immer auch spannende Gesellschaftsporträts.

Die Salzburgerin war 2004 nach beruflichen Stationen in München und Berlin nach Dublin gewechselt. "Ellen Dunne" ist das Pseudonym der gebürtigen Salzburgerin Eva-Maria Oberauer. Sie wählte es einst aus Marketingkalkül. Mit österreichischem Namen über irische Themen zu schreiben, sei nicht glaubwürdig, meint sie. Inzwischen, seit 20 Jahren, ist Irland aber längst ihre Lebensrealität.

Die irische See ist in ihren Kriminalromanen geheimnisvoll, der Vater der Kommissarin wird im Meer vermisst. Dunne lässt dieses Rätsel in jedem Buch auftauchen. Das Meer hat also noch erzählerisches Potenzial.

Eine komplexe Kommissarin

Die freie Autorin versteht es, Recherche-Ergebnisse unaufdringlich in die straff geführte Erzählung einzubauen und damit auch die Glaubwürdigkeit der Fiktion zu stärken. Und sie bringt mit ihrer Titelfigur Patricia "Patsy" Logan keinen weiblichen Klon eines traditionellen Kommissars auf die Bühne, sondern "eine komplexe Frau ab 40, die merkt, dass alte Konzepte nicht mehr funktionieren, die einen Karriereknick erlebt, Beziehungskrisen und das gläserne Labyrinth, nicht nur nach oben". Und die trotzdem in ihrem Polizeiberuf am Ball bleibt.

Der Humor der Erzählerin ist ruppig, gerne auch schwarz. Das sanfte Klischee von Irland, das sich in unseren Breiten zum einnehmenden Stereotyp entwickelt hat, wird bei Ellen Dunne jedenfalls zurechtgerückt und ergänzt. Wir erleben das Irland von heute.

Ellen Dunne meint über ihre Wahlheimat: "Die herzliche Routine beherrschen die Iren besser als die Mitteleuropäer. Und sie sind hilfsbereit." Aber die Republik leidet auch unter Wohnungsnot, hohen Lebenskosten und einer Kriminalität, deren Umtriebe in jüngster Zeit die Geschäftsleute in der City Dublins nervös macht.

Wir haben die Silicon Docks bereits hinter uns gelassen und wandern über die Grafton Street Richtung Stephens Green, alles Schauplätze ihrer Bücher. "Ich möchte ohne Mühe klüger werden", sagt Dunne auch noch von sich als Leserin. Ein Mehrwert, der auf ihre Kriminalromane zutrifft. Im Mai dieses Jahres wurde ihr der deutsche Friedrich-Glauser-Preis zugesprochen.

Im Dunkel von Internet und irischer See
Bild: Verlag
  • Ellen Dunne: "Unfollow Stella", Roman, Haymon-Verlag, 312 Seiten, 13,95 Euro
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