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Kultur

Bernhards in Form gebrachte Wut

Von Peter Grubmüller   11. August 2011 00:04 Uhr

Bernhards in Form gebrachte Wut
Der 1989 verstorbene Thomas Bernhard wäre heuer 80 Jahre alt geworden, die »Salzkammergut Festwochen« ehren ihn.

Die „Salzkammergut Festwochen Gmunden“ ehren Thomas Bernhard mit einem bemerkenswerten Lesezyklus (12. bis 15. August). Die OÖNachrichten sprachen mit Raimund Fellinger, Bernhards Lektor beim Suhrkamp-Verlag, der in Gmunden über den großen Literaten sprechen wird.

OÖN: Wofür ist ein Lektor bei einem Literatur-Verlag zuständig?

Fellinger: Der Lektor macht nur zum Teil, was der Name nahelegt. Er ist nicht nur ein Leser. Lesen muss er natürlich auch, aber Lektoren müssen beurteilen, ob ein Manuskript auch zu dem Verlag, bei dem sie arbeiten, passt. Wenn man bei Suhrkamp Trivialliteratur machen würde, wäre der Lektor verkehrt. Lektoren urteilen demnach nie nach objektiven Kriterien. Sie müssen wissen, was Literatur ist, sie müssen Unterscheidungen treffen können, aber sie beurteilen ein Manuskript danach, ob es zu einem Verlagsprofil passt. Das ist das eine.

OÖN: Und das andere?

Fellinger: Dann beginnt die Arbeit am Manuskript, die Arbeit mit dem Autor. Man muss in der Lage sein, das Manuskript innerhalb des Verlages zu vertreten, Sie müssen die anderen überzeugen. Sie müssen außerhalb des Hauses überzeugen, etwa damit: „Wer das nicht bespricht, der ist ganz dumm. Der hat das wichtigste Buch der Saison verpasst.“ Sie müssen Korrektur lesen, Sie müssen mit Buchhändlern kommunizieren, Sie müssen in der Lage sein, bei Lesungen Einführungen zu geben. Sie müssen sich bei Buchherstellung und Druck auskennen, im Internet sowieso.

OÖN: War es ein dankbarer Job, Lektor von Bernhard zu sein?

Fellinger: Das war ganz leicht. Bei ihm musste man aufpassen, dass man ihm nicht selber den Gefallen tat und in seine Falle tappte, die er aufgestellt hatte. Er tat so und gab sich so, als sei er der Berserker und Misanthrop. Das war er überhaupt nicht. Er war ein Mann, der eine heute schon verschollene Freundlichkeit hatte und höflich war. Natürlich konnte er explodieren, aber mit Bernhard zu arbeiten, war schon damals etwas Wunderbares. Und ich, der Bernhard als junger Student für gottähnlich hielt, ich meinte, ich sei im Paradies.

OÖN: Wie bewerten Sie die Entwicklung Bernhards in Österreich – vom Gehassten zum Verehrten?

Fellinger: In der Nachbetrachtung stellt jeder Österreicher Bernhard in den Herrgottswinkel, oder besser: in den Bernhardswinkel. Das ist schon erstaunlich. Es war jedenfalls nie vorhersehbar, dass Bernhard diese Wirkung haben würde und diese Zustimmung findet. Wenn man heute schaut, wer die meisten deutschsprachigen Übersetzungen in anderen Ländern hat, dann kommt man auf Hermann Hesse, er hat Übersetzungen in knapp 80 Sprachen. Bernhard ist nur ganz knapp dahinter. Es ist wunderbar, dass seine Texte über das schöne, glückliche Österreich und über das bornierte Deutschland hinausreichen.

OÖN: War es schwierig, Thomas Bernhard mit Änderungen im Text zu konfrontieren?

Fellinger: Da zählte die Kraft des Argumentes. Natürlich hat im Endeffekt der Autor das letzte Wort, weil ja oben drüber der Name Thomas Bernhard steht und nicht so ein blöder Lektor. Er hörte sich Einwände an, sagte aber umgekehrt, warum es für ihn die beste Lösung sei. Dann haben wir die Gründe ausgetauscht, und am Ende kamen wir zu einer Entscheidung.

OÖN: Erinnern Sie sich an ein Werk, bei dem viel geändert wurde?

Fellinger: Bei Heldenplatz haben wir viel geändert. Da gab es Seiten, die übersät waren mit Korrekturen. Sie erinnern sich sicher an den Theaterskandal. Aus der Garderobe der Schauspieler wurde damals sogar Text gestohlen und in Zeitungen veröffentlicht.

OÖN: Sie haben diesen Briefwechsel von Thomas Bernhard mit Siegfried Unseld herausgegeben. Glauben Sie, dass die beiden schon beim Schreiben damit spekuliert haben, diese Briefe würden einmal veröffentlicht werden?

Fellinger: Ja, eindeutig. Es gibt einen Brief von Unseld, da steht drinnen: „Lieber Herr Bernhard, was werden denn uns nachfolgende Generationen, die die Entwicklung der Verlage studieren, sagen, wenn in unseren Briefen immer nur Geld vorkommt.“ Damit hat er Bernhard schon angekündigt, dass alles, was er schreibt, nach seinem Tod an die Öffentlichkeit kommt. Das war Bernhard aber egal.

OÖN: Hat Bernhard seine Emotionen in den Briefen unkontrolliert entladen?

Fellinger: Nein, niemals, bei Bernhard gab es oft drei, vier oder mehr Entwürfe für seine Briefe. Das war Wut nach dem x-ten Entwurf. Er hat seine Wut in Form gebracht. Das ist Kunst.

 

„Thomas Bernhard“-Reihe in Gmunden

12. August, Stadttheater, 19.30 Uhr: Sibylle Canonica und Johannes Terne lesen aus Thomas Bernhards erstem Roman „Frost“. Einführung: Raimund Fellinger.

13. August, Landschloss Ort, 19.30 Uhr: Sunnyi Melles liest aus Thomas Bernhards „Auslöschung“.

15. August, Hipphalle, 19.30 Uhr: Wolfram Koch liest aus „Meine Preise“ von Thomas Bernhard. Einführung: Raimund Fellinger.

Karten und Information: www.festwochen-gmunden.at


 

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