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Immobilien

Lunzerstraße: Lieb’ mich (doch)

Von Lorenz Potocnik   04. Januar 2014 00:04 Uhr

Lunzerstraße: Lieb’ mich (doch)
Blick von der Traun: Die Lage ist ambivalent zwischen Naturraum und Industrie.

LINZ. Weitgehend unbemerkt verschwinden gerade vier Hochhäuser am Rande von Linz.

Gebaut wurden die vier Hochhäuser in der Lunzerstraße in Linz Anfang der 1970er Jahre – 1972 um genau zu sein. Übrigens zur gleichen Zeit wie die "Voest-Brücke" oder die zwei Wohntürme am Harter Plateau in Leonding, die bereits 2003 gesprengt wurden.

In unmittelbarer Nähe zum Arbeits- und Ausbildungsplatz waren die Lunzerstraßen-Hochhäuser als Wohnheim für Lehrlinge und Arbeiter der VÖEST gedacht. Als solche wurden sie aber lediglich 15 Jahre lang genutzt. An demselben Standort war von Oktober 1944 bis Mai 1945 das Außenlager des KZ Mauthausen, Linz III, angesiedelt. Ab 1988 (bis 2005) dienten die Hochhäuser als Asylheim.

Die Kombination aus der isolierten Lage und einer Belegung mit bis zu 1000 Bewohnern führten zu einer sehr problematischen Ghetto-Situation.

Bauen mit System und Schlacke

Die VÖEST erlebte Anfang der 1970er eine gigantische Boomphase. Alles stand auf Wachstumskurs und Investition. Als fusionierte VÖEST-Alpine stellte sie einen gewaltigen, weltweit tätigen Mischkonzern dar. Allein in Österreich gab es 80.000 Mitarbeiter!

Neben dem Stahlbau und dem Industrieanlagenbau wurde am Standort Linz gerade die Sparte Systembau etabliert. Dabei lag der Fokus auf der möglichst rationalen Errichtung von Hochbauten als Generalunternehmer mit Einsatz eigener Produkte.

Ein solches war der sogenannte Schüttbeton, aus dem auch die Hochhäuser in der Lunzerstraße und hunderte andere Bauwerke in Österreich (beispielsweise das Lenau-Hochhaus, die Siedlung am Damm und das Lentia-Hochhaus in Linz-Urfahr sowie die Wohnanlage Alt Erlaa in Wien) errichtet wurden. Dafür wird aus der Schlacke (Hütten)Bims erzeugt, um diesen als druckfesten und dämmenden Zuschlag für einen Leichtbetonbaustoff zu verwenden. Erhöhte bauphysikalische Anforderungen und gesetzliche Auflagen führten zum Ende des Schüttbetons (Produktion in Linz bis 1990). Konventioneller Beton kombiniert mit einer außenliegenden Wärmedämmung setzte sich durch.

In der Lunzerstraße ist der Abriss auf Schiene. Dagegen ist wenig einzuwenden. Die rigide Struktur und die Lage der Hochhäuser macht sie dem stetigen Wandel der Stadt und Industrie gegenüber nicht robust genug. Eine Adaptierung scheint fast unmöglich. Trotzdem erfordert beides nochmalige Untersuchung. Gerade die Qualität der Lage ist nicht eindeutig und widersprüchlich. Zwar "ab vom Schuss" und neben dem lauten Industriegebiet, sind die Häuser auch umgeben von Natur und Wasser. Die Traun und der Mühlbach als zusammenhängender Natur- und Naherholungsraum sind einzigartig. Hier leben Eisvögel, Biber und Krebse. Die Solarcity liegt Luftlinie nur etwas über einen Kilometer entfernt.

Neue Szenarien

Allein die Vorstellung, dass die Schwerindustrie an diesem Standort in den nächsten Jahrzehnten rückläufig wäre, eröffnet andere Perspektiven. Ein Nach- bzw. Vordenken für eine zukünftige Nutzung des Gebiets und hypothetischen Erhalt der Häuser scheinen also gerechtfertigt und notwendig. Genau das haben elf Architekturstudenten der Kunstuniversität Linz gemacht.

Unter dem Titel "Zum Abriss freigegeben" bzw. "Lunz in Linz" wurde seit Oktober an verschiedenen Strategien gearbeitet. Obwohl und vielleicht gerade weil von Anfang an klar war, dass die Bauwerke verschwinden, wurde über Wahrscheinlichkeiten hinaus gedacht.

Vergleichbar mit der Entwicklung im Ruhrgebiet könnten die Industrieflächen Teil des Naturraums und der Stadt Linz werden. Linz würde in diesem Fall zusammenwachsen. Die Hallen, Halden und Öfen werden ein Park ähnlich den Landschaftsparks Duisburg Nord oder dem Emscher Landschaftspark.

In Anlehnung an die Entwicklungen in der ehemaligen DDR (Stichwort Schrumpfungs- und Rückbauprozesse) könnte die Lunzerstraße ein Ort der Pioniere und alternativer Lebensformen werden. In dieser Vorstellung stellen die Hochhäuser eine gigantische Ressource an billigem Raum und Fläche. Die Hochhäuser wären Rohmaterial zum Experimentieren.

Nahe am Arbeitsplatz

Leicht vorstellbar wäre aber auch, die ursprüngliche Motivation für den Bau der Hochhäuser weiterzudenken: Anstatt weiterhin Arbeitsplatz und Wohnort weit auseinander zu bauen und dementsprechend lange und für alle teure Pendlerströme zu erzeugen, könnte sich das Areal im Süden der voestalpine, in der Nähe von Kleinmünchen und der Solarcity zu einem attraktiven Wohngebiet entwickeln.

Architekturstudenten präsentieren und führen vor Ort am 31. Jänner und 1. Februar 2014 Nähere Infos unter www.ufg.ac.at

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