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"Es ist derzeit alles andere als lustig"

Von Reinhold Pühringer  01. Dezember 2021 00:04 Uhr

"Es ist derzeit alles andere als lustig"
Andrea Mayr ist im Ausdauerbereich sportartenübergreifend eine Ausnahmeerscheinung.

Eine Dauerläuferin an der Covid-Front: Ärztin Andrea Mayr gibt einen Einblick, wie ernst die Lage im Salzkammergut Klinikum Gmunden ist und wie ihr der Sport hilft, nach anstrengenden Tagen zur Ruhe zu kommen.

Mit der Titulierung "Ausdauerwunder" wird oft großzügig hantiert, doch selten ist diese so treffend wie bei Andrea Mayr. Die 42-Jährige ist mit sechs WM-Titeln die erfolgreichste Sportlerin in der Geschichte des Berglaufs, hält im Flachen Österreichs Marathonrekord und startet im Weltcup der Skibergsteiger. In der Pandemie spielt der Sport für die Ärztin allerdings nur eine Nebenrolle:

OÖNachrichten: Der Advent gilt als die stillste Zeit des Jahres. Sehen Sie das auch so?

Andrea Mayr: Eher die irrste. Momentan ist wenig mit still.

Sie beziehen sich auf Ihre Arbeit als Ärztin im Klinikum Gmunden.

Auf der Orthopädie hatten wir normalerweise sieben oder acht Operationen pro Tag – jetzt ist es nur noch eine, weil Corona so viele Kapazitäten bindet. Neben meinen Aufgaben auf der Orthopädie und Unfallchirurgie helfe ich auf der Coronastation. Es ist derzeit alles andere als lustig.

Wie darf man sich das vorstellen?

Heute (das Gespräch wurde in der Vorwoche geführt; Anm.) habe ich mir gedacht, das gibt es doch gar nicht. Es hat jemand angerufen, ob sie ihre an Covid erkrankte Mama zu uns schicken können. Eigentlich haben wir aber kein Bett mehr frei, wir sind voll. Sie bekommt aber keine Luft mehr, und wir sind schon das dritte Krankenhaus, bei dem sie anrufen: "Wir können sie ja nicht sterben lassen." Wir haben ihnen gesagt, dass sie kommen sollen, irgendwie muss sich das ausgehen.

Wie wirkt sich der mittlerweile vierte Lockdown auf Ihre Moral und jene Ihrer Kollegen aus?

Auf meine überhaupt nicht. Ich merke aber, dass die Fronten härter werden und die Aggressivität steigt. Natürlich ist es anstrengend, speziell für die Anästhesisten, die sind derzeit die Helden in unserem Krankenhaus. Der Job, den der Primar auf der Anästhesie verrichtet, ist unglaublich. Ich weiß nicht, wann der zuletzt einen Tag nicht im Krankenhaus war.

Was machen Sie, um nach harten Tagen zur Ruhe zu kommen?

Laufen, weil ich da ich runterkomme. Wenn es sich ausgeht, schaue ich, dass ich noch auf einen Berg in der Gegend rauflaufe. Wegen der Jahreszeit mache ich das mit Stirnlampe. Das nervt. Ich falle immer etwas in ein Novembertief, wenn es schon so früh finster wird. Wenn Schnee liegt, der von unten das bisschen Licht reflektiert, macht es das besser.

Bringt Ihnen der Sport etwas für Ihren Job als Ärztin?

Dass man nicht so schnell aufgibt, wenn es zach wird. Obwohl (überlegt): Ich habe viele Kollegen, die keinen Sport machen, aber genauso durchbeißen. Dann ist es für mich wohl ein gutes Mittel, um den Berufsalltag zu verarbeiten.

Hat Sport derzeit überhaupt Platz in Ihrem Leben?

Natürlich richtet sich der Sport nach dem Beruf. Man hört nicht mitten in einer Operation auf, nur weil es halb vier ist.

Während Sie versuchen, Leben zu retten, trainiert die Skibergsteiger-Konkurrenz. Verschwenden Sie manchmal Gedanken an Chancengleichheit?

Da spüre ich schon etwas Druck. Beim Laufen kann ich nämlich machen, was ich will. Im Skiverband ist aber alles strukturierter und deshalb strenger. Die wollen, dass ich Testwettkämpfe mache und andere Termine wahrnehme. Das geht sich bei mir nicht aus. Ich mache Skibergsteigen sehr gerne, aber ich mag das Nebenprogramm nicht. In zwei Wochen beginnt der Weltcup, und ich bin jetzt erst das erste Mal auf Ski gestanden. Ich trainiere es erst, wenn bei mir daheim Schnee liegt.

Wie werden Sie Weihnachten feiern?

Im engsten Kreis mit meinem Bruder, meiner Mama und meinem Freund. Das ist die kleinstmögliche Gruppe für ein Familienfest für mich.

Gibt es einen Wunsch ans Christkind?

Dass sich die Fronten in der Gesellschaft wieder aufweichen.

Artikel von

Reinhold Pühringer

Redakteur Sport

Reinhold Pühringer

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