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Oberösterreich

Wo ist denn nur die Zeit geblieben?

Von Michael Schäfl und Markus Staudinger  25. Oktober 2019 00:04 Uhr

Wo ist denn nur die Zeit geblieben?
Tick tack: Warum scheint die Zeit mit zunehmendem Alter schneller zu vergehen? Und lässt sich das ändern?

LINZ. In der Nacht auf Sonntag wechseln wir wieder einmal auf Winterzeit. Eine gute Gelegenheit, sich mit dem "Temposophen" Franz J. Schweifer über ein paar grundsätzliche Zeit-Fragen zu unterhalten

Wieso empfinden wir manche Stunden als halbe Ewigkeit, andere wiederum vergehen wie im Flug? Wieso vergeht die Zeit mit zunehmendem Alter scheinbar immer schneller? Und lässt sich das auch wieder verzögern? Ein OÖN-Interview mit dem Temposophen Franz J. Schweifer.

OÖN: Herr Schweifer, Sie sind im Vorstand des Vereins zur Verzögerung der Zeit. Wie verzögert man die Zeit?

Schweifer: Es wäre verwegen zu sagen, wir könnten die Zeit objektiv verzögern. Subjektiv geht es aber darum, die Zeit zu vertiefen. Dazu muss man sich auch Stille gönnen. Wir merken ja oft gar nicht mehr, wie schnell wir unterwegs sind in unseren Automatismen und Wiederholungen. Wie oft wir beispielsweise ohne Grund zur Beschleunigungsprothese Handy greifen.

Ruhe und Stille helfen, die Zeit subjektiv langsamer vergehen zu lassen?

Ja, aber zwei Ängste erschweren das oft. Zum einen die Verpassensangst. Zum anderen die Angst vor der Leere, die akkurat erfüllt werden will. Mein Doktorvater Peter Heintel hat einmal gesagt, wir sehnen uns vordergründig nach Stille, Ruhe und Ausgleich. Aber dann, wenn sie da sind, können viele überhaupt nichts damit anfangen. Im Gegenteil: Bevor nichts ist, müssen sie etwas tun. Dabei läge gerade in diesem Nichts der Schlüssel, die Zeit zu verlangsamen. Allerdings sind Stille und Ruhe mitunter auch das Einfallstor für unangenehme Gedanken, die wir gerne verdrängen. Um sie nicht hochkommen zu lassen, tun wir etwas.

Wie gelingt das im Alltag?

Wenn man es zwischendurch auch nur eine Minute oder sieben Atemzüge lang schafft, sich aus dem Zeitfluss zu nehmen, bei sich selbst zu sein, kann das schon immense Qualität bringen. Da muss man gar nicht stundenlang meditieren.

Wieso kommt einem ein Jahr als Teenager unendlich viel länger vor als ein Jahr als Mittvierziger – und kann man das ändern?

Ich bedaure, Sie enttäuschen zu müssen – aber das dürfte schwierig sein. Das Phänomen hat auch einen rein mathematischen Aspekt: Es macht eben einen Unterschied, ob man eines von 16 Jahren oder eines von 45 Jahren verlebt. Und im Kleinen macht man diese Erfahrung ja auch im Urlaub: Da wirken 14 Tage am Anfang noch wie eine lange Zeitspanne, gegen Ende hin vergehen die Tage dann oft viel zu schnell. Je knapper es wird, desto schneller geht es – und wir fragen uns: Wo ist denn die Zeit geblieben?

Trotzdem vergeht die Zeit im Urlaub langsamer als in der Arbeit. Zwei Wochen Urlaub wirken in der Erinnerung länger als zwei Wochen in der Redaktion.

Dann verbringen Sie Ihren Urlaub offenbar richtig – und packen ihn nicht zu sehr mit Aktivitäten voll. Wenn wir aus dem Agieren herauskommen, die Zeit nicht permanent zerteilen, haben wir sie tendenziell auf unserer Seite. Wenn wir uns aber, wie im Beruf, in permanentem Aktivismus befinden, führt das dazu, dass die Zeit wie im Flug vergeht – und es wird immer zu wenig von ihr da sein.

Weniger tun ist in diesem Fall also mehr?

Das ist das Paradoxe. Wenn man es schafft zu sagen, es darf auch mal nichts sein, dann ist in diesem vermeintlichen Nichts die eigentliche Fülle der Zeit. Das bietet einem die Chance, auch wieder neue Optionen wahrzunehmen. In der Geschwindigkeit, in der wir sonst im Berufsleben unterwegs sind, neigen wir zum Wiederholen dessen, was wir kennen – mit allen Vorteilen, aber auch mit allen Fehlern.

Wie stehen Sie zur Zeitumstellung? Sollten wir sie sein lassen und bei einer Zeit bleiben?

Im Vergleich zu anderen Zeitproblematiken sehe ich das gelassen. Ich hielte es aber für sinnvoll, sich auf eine Zeit – ob Sommer- oder Winterzeit – zu einigen und den permanenten Wechsel abzustellen. Zum einen, weil die Umstellung nicht wenigen Menschen in ihrem Biorhythmus Probleme zu bereiten scheint. Zum anderen, weil die ökonomischen Nachteile der Umstellung die ökonomischen Vorteile, wegen derer die Zeitumstellung 1980 in Österreich überhaupt eingeführt wurde, längst überwiegen.

Er schaut auf die Zeit
Franz J. Schweifer, über die „Angst vor der Leere“

Er schaut auf die Zeit

Franz J. Schweifer ist Inhaber und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens „Die ManagementOase – Schweifer & Partner“ in Mödling, Buchautor sowie Lehrbeauftragter an Fachhochschulen in Wien und Wiener Neustadt. Seine Doktorarbeit schrieb er zum Thema „Zeit-Macht & Zeit-Ohnmacht von Top-Managerinnen & Top-Managern“. Sein jüngstes Buch trägt den Titel „Tempo all’arrabbiata“ und ist im Verlag Dr. Kovac erschienen. In Linz referierte Schweifer kürzlich auf Einladung des Rotary-Clubs Linz-Urfahr.

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