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Oberösterreich

"Wir sind Kirche"-Sprecher: „Wir fragen nicht mehr, wir tun einfach“

Von Helmut Atteneder   17. September 2011 00:04 Uhr

Franz Salcher
Franz Salcher, Pfarrer der Linzer Pfarre »Guter Hirte« ist neuer Sprecher von »Wir sind Kirche« Oberösterreich.

LINZ. Seit Mittwoch ist Franz Salcher (55), Pfarrer der Pfarre Guter Hirte in Linz, Sprecher von „Wir sind Kirche“ in Oberösterreich. Gegenüber der Amtskirche will er jedenfalls nicht als guter Hirte auftreten. Vielmehr ruft er Gläubige zum zivilen Ungehorsam auf.

OÖN: Herr Salcher, auf der Homepage Ihrer Pfarre steht, dass geschiedene Wiederverheiratete und aus der Kirche Ausgetretene willkommen sind. Damit verstoßen Sie öffentlich gegen geltendes Kirchenrecht.

Salcher: Dazu stehe ich. Wir sind eine katholische Pfarre, das heißt, allumfassend. Dazu gehören auch Menschen, die gescheitert sind oder in ihrem Leben einen Bruch hatten. Diese Menschen sind bei uns willkommen und auch zu den Sakramenten eingeladen. Das ist die Linie Jesu. Geschiedene lassen sich ja nicht zur Gaudi scheiden.

OÖN: Wenn jemand, der geschieden ist und wieder geheiratet hat zu Ihnen in die Kirche kommt und zur Kommunion geht, wird er nicht abgewiesen?

Salcher: Da nehme ich meine Aufgabe als Seelsorger wahr und will die Tür aufmachen. Jesus hat auch nicht immer gefragt: Woher kommst du, wer bist du? Er hat den Menschen grundsätzlich seine Zuneigung spüren lassen.

OÖN: In Ihrem Kollegenkreis gibt es dazu Auffassungsunterschiede. Der Windischgarstener Pfarrer sagt: Wer die klaren Aussagen der Kirche nicht mittragen will, soll sich eine andere Glaubensgemeinschaft suchen.

Salcher: Ich lasse mich nicht von irgendjemandem, der anderer Meinung ist, aus meiner Kirche ausschließen. Ich zähle mich zu dieser Kirche, weil ich glaube, dass ich vom Grund her richtig liege. Wagner bemüht sich sehr, ich glaube aber, dass ein Großteil seiner Gemeinde nicht mit seinem strengen Gottesbild gemein geht.

OÖN: Was stört Sie persönlich an der Amtskirche?

Salcher: Mich stört, dass die Anliegen des Kirchenvolkes von der obersten Leitung nicht gehört worden sind. Da passierte bei den Bischöfen, aber auch bei der römischen Kurie ein Reformstau. Das spitzt sich immer mehr zu.

OÖN: Werden Sie aktiv Änderungen fordern?

Salcher: Wir werden uns als Plattform immer wieder zu Wort melden.

OÖN: Persönliche Konsequenzen fürchten Sie nicht?

Salcher: Alle Ängstlichkeit ist unnötig. Wir wollen ja nicht gegen jemanden arbeiten. Wir und auch die Bischöfe wollen ja miteinander das Beste für das Volk Gottes. Wir haben nur verschiedene Ansichten. Wir glauben, dass wir die Mehrheit des Kirchenvolkes auf unserer Seite haben.

OÖN: Das hat Ihnen bisher aber wenig gebracht.

Salcher: Durch die Pfarrer-Initiative schon. Bisher haben wir immer die Bischöfe um Reformen ersucht – kein Entgegenkommen. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen: Wir fragen nicht mehr, wir tun einfach.

OÖN: Tut das weh, wenn man den Gläubigen Gutes tun will, sich dabei aber nicht „erwischen“ lassen darf?

Salcher: Wir tun das ja schon lange so. Hostien für Geschiedene, Predigten von Laien. Sachen, die eigentlich von oben nicht abgesegnet sind, passieren.

OÖN: Welche der Forderungen der Pfarrer-Initiative werden realistischerweise umgesetzt? Die Aufhebung des Pflichtzölibats wohl nicht.

Salcher: In vielen Pfarren ist am Sonntag wegen des Priestermangels kein Pfarrer mehr da. Das Volk wünscht sich aber eine vollständige Eucharistie. Deshalb wird das Kirchenvolk selber Menschen bitten, diesen Dienst in den Gemeinden zu tun. Das haben die Bischöfe selber zu verantworten. Ich spüre, dass da nichts weitergeht. Oder beim Thema Frauen: Wir fordern als Kirche Menschenrechte auf Weltebene ein und in der eigenen Kirche tun wir das nicht: Frauen zu allen Ämtern zulassen und sie wirklich gleich behandeln.

OÖN: Wie wichtig ist Ihnen persönlich der Pflichtzölibat?

Salcher: Es ist grundsätzlich eine Lebensform, die Sinn machen kann. Wenn man es freiwillig auf sich nimmt. Es mit dem Priesteramt zu koppeln, ist fatal. Da tut sich die Kirche nichts Gutes. Viele, die wirklich Priester werden möchten, scheiden deswegen aus.

OÖN: Wer oder was ist Kirche heute eigentlich?

Salcher: Kirche sind für mich noch immer alle, die getauft sind. Egal, ob sie jetzt aus der Kirche ausgetreten sind oder nicht. Wer getauft ist und als ehrlicher Christ leben will, ist der Kirche zugehörig. Dazu gehören auch jene, die mit manchen Vorschriften nicht konform gehen oder mancher Ordnung in der Kirche kritisch gegenüberstehen. Diese vielen Ordnungen sind zum Ballast geworden und für die Menschen oft nicht hilfreich.

OÖN: Was wird am Ende dieser Reformbewegung stehen? Viele glauben, Rom wird sich – wieder einmal – durchsetzen.

Salcher: Ich würde mir von Rom Schritte zu einer Kirchenöffnung erwarten. Ich traue es Rom aber nicht zu. Von oben her wird es keine Bewegung geben. Daher wird das Kirchenvolk selber seine Wege gehen. Wir sagen den Gläubigen: Geht den Weg des zivilen Ungehorsams weiter.

Zur Person: Franz Salcher

Franz Salcher wurde 1956 in Kleinreifling geboren, studierte Theologie in Linz und Luzern. 1983 wurde er zum Priester geweiht. Er betreute acht Jahre lang die Pfarre in Gaflenz, seit 1994 ist er Pfarrer in Linz-Guter Hirte. Salcher unterstützt die „Pfarrer-Initiative“ von Helmut Schüller. Die Initiative fordert Reformen in der römisch-katholischen Kirche. Seit Mittwoch ist Salcher Sprecher der Plattform „Wir sind Kirche“ in Oberösterreich. Diese entstand 1995 nach der Affäre Groer. Eine dritte Reformbewegung ist die Laieninitiative. Alle drei Plattformen wollen künftig enger zusammenarbeiten.

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