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Oberösterreich

Mord in Steyr: Gutachter prüfen Unfallversion

WIEN/STEYR/LINZ. Nach der Bluttat an einer 16-Jährigen am Sonntag in Steyrgehen die Ermittler nun der Frage nach, ob die Unfall-Version, die ihnen der tatverdächtige 17-Jährige aufgetischt hat, plausibel ist.

Michelle und Saber führten einen On-Off-Beziehung Bild: privat

Der Leiter des Landeskriminalamts Oberösterreich, Gottfried Mitterlehner, bezweifelte das am Donnerstag. Offen ist, ob es Fluchthelfer gegeben hat.

Derzeit werden die medizinischen Gutachter mit der Version des in U-Haft befindlichen Afghanen, der der Freund des Opfers war, konfrontiert. Sie sollen feststellen, ob diese mit den objektiven Spuren zusammenpasst, erklärte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Steyr, Andreas Pechatschek, der APA. Laut Mitterlehner sei ein Unfallgeschehen aber "nur schwer mit den tatsächlichen Erhebungen in Einklang zu bringen". Die Ermittlungen würden das klären müssen.

Ob es mögliche Fluchthelfer gegeben haben könnte, ließ Pechatschek noch offen. Der Bursche habe ausgesagt, er sei nach der Tat mit dem Auto von Steyr weggekommen - ob per Autostopp oder mit jemandem, den er kannte, ist aber unklar. Die Staatsanwaltschaft will diesen Aspekt daher "nicht überbewerten". Eine Kontaktperson des 17-Jährigen, die zwischenzeitlich in den Fokus geraten war, dürfte eher auf den Burschen eingewirkt haben, sich zu stellen. Man wolle nun zuerst den eigentlichen Fall abschließen, dann werde man sich die Frage eventueller Fluchthelfer natürlich noch genau ansehen, betonte Pechatschek.

Seltsam: Der Bursch gibt an, dieser „Unfall“ sei bereits am Samstagabend passiert. Dabei war die Leiche erst Sonntagabend entdeckt worden: von der Mutter und einer Schwester des Mädchens, die sich ihren Weg ins Zimmer bahnten, dessen Tür durch einen Kasten verbarrikadiert war. Vom mutmaßlichen Täter fehlte da schon jede Spur. Vermutlich war er durch das offene Fenster im Hochparterre geflüchtet.

Wie berichtet, floh der Afghane nach Wien, wo er in Floridsdorf festgenommen wurde. „Der Verdächtige sagte, er habe sein Foto in zahlreichen Zeitungen gesehen. Daraufhin war ihm die Ausweglosigkeit seiner Situation bewusst“, sagt Polizeisprecher David Furtner. Klar sei mittlerweile auch, dass der 17-jährige Afghane keinen Fluchthelfer gehabt habe.

Video: Das sagte Saber A. in seiner Einvernahme

 

Laut Obduktion starb das Mädchen durch einen einzigen, von hinten ausgeführten Stich in die Lunge, was zur inneren Verblutung führte. Am Tatort selbst fanden die Spurensicherer der Kripo kaum Blut. Fix ist, dass das im Kinderzimmer gefundene Messer die Tatwaffe war. Dies hätten u.a. DNA-Analysen ergeben.

„Versuch, sich zu distanzieren“

Makabres Detail: Körper und Gesicht des toten Mädchens wurden mit Kleidungsstücken und Decken verhüllt. Dies könnte laut der Wiener Gerichtspsychiaterin Sigrun Roßmanith Symbolcharakter haben: „Täter, die so etwas tun, wollen sich bereits am Tatort vom Geschehenen distanzieren. Sie wollen die Tat nicht wahrhaben und versuchen, sie dadurch ungeschehen zu machen.“ Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Steyr wurde gestern die U-Haft wegen dringenden Tatverdachts über Saber A. verhängt. Weil es im Gefängnis in Steyr keine eigene Jugendabteilung gibt, wird die U-Haft in der Justizanstalt Linz vollzogen.

Verdächtiger bekam kein Asyl, erhielt aber subsidiären Schutz bis 2020

Wer ist Saber A., der mutmaßliche Mörder der 16-jährigen Berufsschülerin Michelle F. aus Steyr? Laut Asyl-Akt, der auf den Eigenangaben des heute 17-jährigen Asylantragstellers beruht, kommt der junge Mann aus einer Provinz im Osten von Afghanistan, nahe der Stadt Jalalabad.

Demnach reiste er „vermutlich“ im April 2016 illegal nach Österreich ein, nachdem er für die Schlepper-Reise nach Europa rund 4500 US-Dollar bezahlt hatte. Zuvor hatte er im Februar 2016 einen Asylantrag in Bulgarien gestellt, einen Monat später tauchte er in Ungarn auf, wo er „erkennungsdienstlich erfasst“ wurde. Allerdings landete er bereits 14 Tage später in Österreich, wo er um Asyl ansuchte und in einem Flüchtlingsheim in Lanzendorf in Niederösterreich unterkam.

Als Fluchtgrund gab er gegenüber der Asylbehörde an, er bzw. seine Familie, die sich inzwischen im Iran befinden soll, seien von den Taliban bedroht worden. Als sein Geburtsdatum in afghanischer Zeitrechnung gab er den 24. März 1380 an. Laut dem gregorianischen Kalender, der bei uns gilt, ergibt dies den 12. Juni 2001 als Geburtstag. Zudem gab er zum Zeitpunkt der Antragstellung auf Asyl im April 2016 an, bereits seit zwei Jahren mit der Tochter eines Onkels verlobt zu sein. Seine Cousine halte sich immer noch in Afghanistan auf.
Strafrechtlich ist Saber A. bisher noch nicht in Erscheinung getreten. Laut oberösterreichischer Polizei gilt er als unbescholten. Er selbst gab bei der Asylbehörde an, er sei von einem Security-Mitarbeiter aufgegriffen worden, nachdem sein Freund beim Stehlen erwischt worden sei.

Stammt aus gefährlicher Region

Die Behörde wies den Antrag auf Asyl ab, weil kein individueller Fluchtgrund zu erkennen gewesen sei. Allerdings wurde subsidiärer Schutz gewährleistet, weil der Jugendliche aus einer gefährlichen Region stamme. Der Schutz wurde in zwei Etappen bis zum Jahr 2020 befristet. Inzwischen sei von der Asylbehörde aber ein Verfahren auf Aberkennung des Schutzstatus eingeleitet worden.

Heuer im Mai übersiedelte Saber A. schließlich von Niederösterreich in eine Asylunterkunft der Volkshilfe in Steyr. Gerüchte, wonach der Bursch bereits in Afghanistan einen Mord begangen haben soll, seien nicht bekannt gewesen, hieß es aus der Volkshilfe: „Sonst wäre wohl der subsidiäre Schutz nicht bis zum Jahr 2020 verlängert worden.“ Im Heim in Steyr sei Saber A. „unauffällig“ gewesen.

Psychologische Hilfe für die ehemaligen Mitschüler

Psychologische Hilfe für die ehemaligen Mitschüler

Besonders groß ist die Betroffenheit nach dem mutmaßlichen Mord an der 16-jährigen Michelle F. an der HLW in Steyr. Das Mädchen besuchte dort, wie berichtet, die dreijährige Fachschule bis zum Sommer, brach die Schule ab und begann dann eine Lehre in einem Supermarkt. Für die dritte Klasse der dreijährigen Fachschule der HLW gibt es seit Dienstag eine psychologische Betreuung.

„Wir haben ein Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes um Unterstützung gebeten“, sagte gestern der Direktor der HLW, Ewald Staltner, im OÖN-Gespräch. Denn die ums Leben gekommene Ex-Schülerin sei mit vielen Schülern der Fachschule befreundet gewesen. Die vergangenen Tage waren für die Schule eine bewegte Zeit. Eine Abordnung von Schülern, die die fünfjährige HLW absolvieren, besuchte am Montag gemeinsam mit der HTL Steyr das Europäische Parlament und das Rathaus in Straßburg, um dort bei feierlichen Zeremonien das Friedenslicht aus Bethlehem zu überbringen (zum Bericht).

Aufarbeitung im Unterricht

Am Dienstagvormittag reisten die Schüler der HLW wieder nachhause, am Abend passierte in der Straßburger Altstadt dann ein mutmaßlicher Terroranschlag mit zwei Toten und zahlreichen Verletzten. Die Themen Gewalt und Terrorismus sollen nun im Unterricht verstärkt aufgearbeitet werden, sagte Direktor Staltner.

Vor der Flüchtlingsunterkunft in Steyr, wo Saber A. wohnte, kam es am Dienstag zu einem Polizeieinsatz. „Eine kleine Gruppe Rechtsextremer hat vor dem Haus eine Art Mahnwache abgehalten“, berichtet Christian Schörkhuber von der Volkshilfe, die das Wohnheim betreibt. Die Exekutive habe das Haus allerdings „gut bewacht“, sodass es zu keinen Zwischenfällen gekommen sei.

„Keine Sippenhaftung“

„Es ist ein entsetzliches Drama, unser ganzes Mitgefühl gilt der Familie des Opfers“, sagt Josef Landerl, Leiter des Bewährungshilfevereins „Neustart“. Die 14 Bewährungshelfer in Steyr würden die Folgen zu spüren bekommen: „Gerade was unsere afghanischen Klienten betrifft, sind wir jetzt mit mehr Ablehnung von der Bevölkerung konfrontiert“, ergänzt Wolfgang Pühringer von „Neustart“ Steyr.

Das Verbrechen müsse streng geahndet werden. „Gleichzeitig müssen wir uns aber vor ,Sippenhaftung‘ hüten und uns überlegen, wie es mit den jungen Afghanen weitergehen soll, denn wir können jetzt nicht so tun, als ob es sie nicht gäbe“, gibt Landerl zu bedenken. Schärfere Gesetze seien eine Option, Integrationsmaßnahmen blieben aber unverzichtbar. 

 

Video: 

Öffentliche Fahndung:

Die Redaktion erreichten gestern mehrere Leser-Anfragen, warum der volle Name des Verdächtigen Saber A. nicht mehr veröffentlicht wird und seine Bilder seit gestern Nachmittag in der Online-Ausgabe der OÖN unkenntlich gemacht werden:

Bis zur Festnahme gestern um 12.58 Uhr bestand gegen den 17-jährigen Verdächtigen eine Öffentlichkeitsfahndung. Die Öffentlichkeitsfahndung ist ein Fahndungshilfsmittel für die Suche nach Personen durch Strafverfolgungsbehörden. Mit Hilfe von Medien wird versucht, einen großen Personenkreis anzusprechen und zur Mithilfe aufzufordern. Sie wird in der Regel nur in Fällen angewandt, bei denen ein großes öffentliches Interesse an der Strafverfolgung besteht.

Mit der Festnahme endete diese Fahndungsmaßnahme. Die Persönlichkeitsrechte des Verdächtigen schützen ihn nun davor, dass über ihn mit seinem vollen Namen berichtet wird.

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Artikel Gabriel Egger und Robert Stammler 13. Dezember 2018 - 14:13 Uhr
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