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Ein Friedhof für Milliarden und falsche Hoffnungen

Das Atomkraftwerk Zwentendorf ging nie in Betrieb. Bild: Volker Weihbold

Ein Friedhof für Milliarden und falsche Hoffnungen

Ein Lokalaugenschein im nie in Betrieb gegangenen Atomkraftwerk Zwentendorf. Vor 40 Jahren entschieden die Österreicher gegen die Atomkraft. Ein Rückblick.

Von Dietmar Mascher, 20. Oktober 2018 - 00:05 Uhr

Die "Brennelementewechselbühne" von Waagner-Biro und der 60 Tonnen schwere "Reaktordruckbehälterdeckel" aus der VÖEST-Alpine schauen noch aus wie neu. Und in wenigen Minuten sollen wir den "Steuerstabantriebsraum" betreten, vorher begutachten wir noch das "Grubenwählscheibentelefon". Etwas, das die handyaffine Jugend angeblich stets ungläubig beäugt.

Nicht nur die Begriffe erscheinen hier wie völlig aus der Zeit gefallen. Sie sind groß und lang und ungebräuchlich. Ein Besuch im einzigen österreichischen Atomkraftwerk Zwentendorf ist eine Zeitreise ins Jahr 1978. Damals entschieden die Österreicher mit einer knappen Mehrheit von 50,47 Prozent gegen die Inbetriebnahme. Wohlgemerkt, nachdem das Kraftwerk praktisch fertig war, um Atomkerne zu spalten und dabei Strom zu erzeugen. Eine Milliarde Euro hat die Republik bis zum Jahr 1985 dafür ausgegeben, dass hier keine einzige Kilowattstunde erzeugt und in das österreichische Stromnetz eingespeist wurde.

Der Jahrestag der Volksabstimmung jährt sich am 5. November zum 40. Mal. Was ist Zwentendorf heute? Der Kasten aus Stahlbeton mit bis zu 1,5 Meter dicken Wänden ist umgeben von idyllischer Flusslandschaft. Die Donau und ein Radweg führen vorbei. Auf der Terrasse der benachbarten, im Vergleich zum AKW winzigen Raststation genießen die Radler die letzten Sonnenstrahlen und preiswerten Veltliner. Es gibt eine schöne Laufstrecke rund um das Kraftwerk.

Die Ruhe in 1050 Räumen

Drinnen selbst ist es noch ruhiger. 1050 Räume gibt es, dafür keine Fenster. Im Eingangsbereich hängen Schutzoveralls und hellgelbe Unterwäsche. Besucher eines funktionierenden Kernkraftwerks hätten dies anziehen sollen. Mit einem Ansturm auf das Renommierprojekt der Energiepolitik der 1970er-Jahre war fix gerechnet worden.

Die Kleidung wurde nie getragen, die Strahlendetektoren gingen nie in Betrieb. Der Reaktor blieb kalt. Das war Anfang der siebziger Jahre undenkbar gewesen. Schon in den fünfziger und sechziger Jahren hatte die Gemeinschaftskraftwerk Tullnerfeld GmbH (GKT) im Auftrag der Bundesregierung nach Standorten für Siede- und Druckwasserkraftwerke in ganz Österreich gesucht. 1976 lag ein Plan mit Atomkraftwerken samt 3300 Megawatt vor, die fünf bis sechs Millionen Haushalte versorgen sollten. Drei Standorte waren konkret. Neben Zwentendorf waren das St. Pantaleon an der nieder-oberösterreichischen Grenze und St. Andrä in Kärnten.

An Zwentendorf hatte man 1972 zu bauen begonnen. 1976 war das Kraftwerk fix und fertig. Mit Ausnahme der Brennelemente war alles da. 1,8 Millionen Haushalte hätten aus dem Tullnerfeld mit Strom versorgt werden sollen. Allein der Betriebsbescheid fehlte noch.

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40 Meter in den Abgrund: Ein Blick in den Reaktorbereich eines Atomkraftwerks, das nun als Muster für jene dient, die alte, bauähnliche Atomkraftwerke abreißen sollen.  
Bild: Volker Weihbold

Kohle, Kernkraft und Kreisky

Bundeskanzler Bruno Kreisky, dessen SPÖ die Atomkraft damals ebenso befürwortete wie die ÖVP (nur die kleine FPÖ war im Nationalrat dagegen), spürte Widerstand in der Bevölkerung und wollte mit einer Volksabstimmung die Diskussion beenden. Kaum jemand zweifelte, dass dann das AKW den Betrieb aufnehmen würde. Von Unfällen wie später in Harrisburg oder Tschernobyl war damals noch keine Rede.

Kohle und Kernkraft lautete Kreiskys Devise. Er knüpfte sein politisches Schicksal an die Zustimmung zu Zwentendorf. "Ich sage nicht Nein, dass ich nicht zurücktrete", sagte Kreisky kryptisch, was ÖVP-Obmann Josef Taus die Chance wittern ließ, Kreisky eine Niederlage zuzufügen.

"Das hatte zur Folge, dass ökoaffine Kreisky-Fans für das AKW stimmten und bürgerliche Kernkraftbefürworter dagegen", erinnert sich Stefan Zach an seine Kindheit. Der Niederösterreicher ist heute Pressesprecher des Energieversorgers EVN, dem Zwentendorf heute zu 100 Prozent gehört.

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Schutzkleidung inklusive Unterwäsche für die (dann nie aufgetauchten) Besucher des Atomkraftwerks. Die Unterwäsche war knallgelb, damit sie durch die Schutzanzüge schimmerte. Niemand sollte die eigene Unterhose anlassen.  
Bild: Volker Weihbold

Kreisky und das AKW verloren knapp. Aber nur das AKW kam zu Schaden. Der "Sonnenkönig" hatte genug Energie, die folgenden Wahlen zu gewinnen.

Was in Zwentendorf folgte, war absurd. Weil die SPÖ überzeugt davon war, dass sich die Kernkraft doch irgendwann durchsetzen würde, wurde ein Scheinbetrieb mit 200 teils hochbezahlten Kernphysikern aufrecht erhalten, die so taten, als würde Strom erzeugt. "Das war ausgeprägte Fadesse, mit einer unüberschaubaren Menge an Aktenvermerken", sagt Zach.

Wer trug die Kosten?

Die Instandhaltung kostete bis 1985 etwa so viel wie der Bau des Kraftwerks. Die Eigentümer der Gesellschaft, vom Verbund über Nevag (heute EVN), OKA (heute Energie AG) bis Tiwag mussten sich damals intensiv mit dem Thema "stranded investment" auseinandersetzen. Was letztlich der Steuerzahler als Eigentümer der Eigentümer bezahlte. Auch über die Stromrechnung. Dass es niemals einen ausgereiften Plan zur Entsorgung des Atommülls gab und bei keinem Kraftwerk heute gibt, wurde damals gar nicht kalkuliert.

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Der Steuerungsraum des Kraftwerks fast in Originalausstattung. Die Uhr mit der Uhrzeit „Fünf vor 12“ stammt von späteren Filmaufnahmen  
Bild: Volker Weihbold

Als Ersatzteillager ein Flop

Zwentendorf sollte nach 1978 zunächst als Ersatzteillager für baugleiche Atomkraftwerke dienen. Was allerdings kein gutes Geschäft war, weil auch diese Kraftwerke allesamt neu waren und keine Ersatzteile brauchten.

1985 versank Zwentendorf endgültig in einen Dornröschenschlaf. Hausmeister Hansi Fleischer und sein Hund Leonie führten dort ein beschauliches Leben. "Zwentendorf wurde auch nachher seinem Ruf als Symbol für permanentes Scheitern gerecht", sagt Stefan Zach. Friedensreich Hundertwasser wollte ein Museum der gescheiterten Technologien daraus machen, Baumeister Rogner ein Abenteuerland, der schillernde Lebemann und später verurteilte Udo Proksch plante sein Projekt "Friedhof der Senkrechtbestattung". Dies scheiterte ebenso wie der Versuch,

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Über dieses „Rote Telefon“ war das Kraftwerk mit dem Bundeskanzleramt verbunden.  
Bild: Volker Weihbold

Zwentendorf als Kulisse für den Hollywood-Film "Meltdown" mit Dolph Lundgren zu etablieren. Alles war schon vorbereitet.

Heute ist das Kraftwerk ein Schulungszentrum für Teams, die alte Kraftwerke abwracken. Der Abriss eines AKW à la Zwentendorf kostet noch einmal zwischen 0,7 und einer Milliarde Euro. Ein Projekt für 20 bis 25 Jahre.

Heute wieder abrissreif

Auch Zwentendorf wäre mittlerweile in einem Alter für einen Abriss. Stattdessen bleibt es ein Mahnmal für eine Technologie, die einst als fortschrittlich galt, in Wahrheit aber weder nachhaltig noch kostengünstig ist.

Die EVN nützt Zwentendorf als Marketinginstrument. Neben dem Kraftwerk steht eine Photovoltaikanlage, die wirklich Strom erzeugt. Zwei Tage vor dem Jahrestag der Abstimmung sendet Radio Niederösterreich von dort. Das Motto lautet "Radioaktivtag".

Gleichsam eine Feier für einen, um es im alten AKW-Spruch zu sagen, "Antiatomkraftwerksabstimmungserfolg".

 

Zwentendorfer Zahlen

  • 50,47 Prozent der Österreicher entschieden sich am 5. November 1978 gegen die Nutzung der Kernkraft und damit des Atomkraftwerks Zwentendorf.
  • 29.469 Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 64,1 Prozent machten den Unterschied zwischen Zustimmung und Ablehnung aus.
  • Null Kilowattstunden Strom wurden in Zwentendorf mit dem Atomkraftwerk erzeugt. Heute befindet sich auf dem Gelände eine Photovoltaikanlage, die schon wesentlich mehr ins Stromnetz eingespeist hat.
  • 14 Milliarden Schilling, also etwa eine Milliarde Euro, kostete Zwentendorf bis zur Stilllegung im Jahr 1985. Wäre Zwentendorf in Betrieb gegangen, würde der Abriss noch einmal eine Milliarde Euro kosten.
  • Keine Ahnung hatten Politik und Kraftwerksbesitzer damals, wo der radioaktive Atommüll später entsorgt werden sollte und was das letztlich kosten würde.
  • 2,5 Millionen Euro ließ es sich die niederösterreichische EVN kosten, als sie 2005 die restlichen 50 Prozent an Zwentendorf vom Verbund übernahm.

Weitere Bilder aus dem AKH sehen Sie in unserer Galerie!

Kommentare

„Im Gegensatz zu der heutigen Regierung wurde doch, wenn auch zu spät, ein Volks Begehren gestartet.“ ossi42 Im Gegensatz zu der heutigen Regierung w...
„Auch damals hat sich schon gezeigt, wie regierungshörig gepolt die Menschen geworden sind ...“ jago Auch damals hat sich schon gezeigt, wie ...
„2 Fliegen auf einem Schlag.Weil Kreisky ein Nein zu Zwentendorfmit seinem Rücktritt junktimiert ...“ weyermark 2 Fliegen auf einem Schlag.Weil Kreisk...

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