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Josef Ackerl: „Ich war schon ein vorlautes Kind“

LINZ. 40 Jahre in der Politik: Im Abschiedsinterview mit den OÖNachrichten spricht Landeshauptmann-Stellvertreter Josef Ackerl (SP) über seinen Drang nach Aufmerksamkeit, seine "meisterhafte" Gabe, Aufregung zu verursachen, und darüber, warum er studieren würde, wenn er nochmals zwanzig wäre.

"Ich war schon ein vorlautes, schwieriges Kind"

»Ich bin mit meinen Leben eh zufrieden« - Josef Ackerl (67) zieht sich am Mittwoch nach mehr als 40 Jahren in der Politik in den Ruhestand zurück. Bild: Weihbold

OÖNachrichten: Sie halten sich in den letzten Wochen mit Wortmeldungen schon auffallend zurück. Fällt Ihnen das schwer?

Josef Ackerl: Zum einen ja. Zum anderen ist es auch eine Erleichterung, nicht mehr zu allem etwas sagen zu müssen.

Beim Verursachen von Aufregung waren Sie ja bisweilen...

... meisterhaft. Bis ins hohe Alter.

Wenn Sie heute zwanzig wären, würden Sie nochmals in die Politik gehen?

Wenn ich noch einmal von vorne anfangen könnte, würde ich zwar einiges anders machen, ich würde aber wieder in die Politik gehen.

Was würden Sie anders machen?

Ich würde studieren. In Österreich gibt es einen solchen Akademikerfimmel, dass du von vornherein einmal als nicht gescheit genug gesehen wirst, wenn du nicht studiert hast. Für mich wäre es gut gewesen, wenn es in meiner Kindheit schon eine Gesamtschule mit Ganztagesbetreuung gegeben hätte. Da wäre einiges anders gelaufen.

Das müssen Sie erklären.

Na, ich war schon ein vorlautes, schwieriges Kind. Zuerst war ich sechs Jahre Einzelkind, dann ist meine Schwester gekommen – und ich habe das Gefühl entwickelt, ich bin nicht mehr wichtig. Ich habe auffallen müssen, habe nur noch dort gut gelernt, wo ich die Lehrer gemocht habe. Ich glaube eine ganzheitlichere Betreuung, wie das in einer Gesamtschule der Fall ist, hätte mir gut getan.

Geworden ist aus Ihnen ja trotzdem was, wie man so schön sagt.

Ich bin mit meinem Leben eh zufrieden. Ich bin das lebendige Beispiel, wie einer, der ein ziemlich auffälliges Kind war, aus seinem Leben was machen kann. Ich glaube ja auch, dass sich dieser Drang nach Aufmerksamkeit bei mir fortgesetzt hat. In der Politik war das dann gar nicht so schlecht, wenn ich auf etwas hinweisen wollte.

Als Sie vor 40 Jahren in die Politik gegangen sind, hatte die SPÖ eine absolute Mehrheit. Jetzt sind es 26 Prozent. Was ist passiert?

Zukunftsforscher haben schon Anfang der 80er prognostiziert, dass die Verbesserung der Bildungschancen und der sozialen und wirtschaftlichen Situation breiterer Schichten zu einer stärkeren Segmentierung der Gesellschaft führen werden und dass das vor allem die beiden großen Parteien spüren werden. Zudem haben neoliberale Denkmodelle Fuß gefasst.

Auch in der SPÖ?

Viel stärker in anderen Parteien wie der ÖVP. Aber auch bei uns war das zeitweise der Fall. In der Sozialdemokratie ist der Ausflug in neoliberale Politikmodelle jedenfalls kläglich gescheitert – und hat zu nicht unerheblichen Verlusten geführt.

Wann war das? Unter Vranitzky, unter Klima?

Bei Vranitzky hat der stärkere Einfluss der Geldwirtschaft begonnen. Wobei ich nicht einmal sicher bin, ob Vranitzky und Klima das, was gekommen ist, auch so gewollt haben. Das ist ihnen passiert, das ist das Drama. Man hat neoliberale Denkmodelle übernommen statt sozialdemokratische Antworten zu finden. Das betrifft nicht nur Österreich. Auf EU-Ebene haben wir im Umgang mit der Krise nach wie vor dieses Problem.

Also hat die Sozialdemokratie auch selbst zu ihrer Erosion beigetragen?

Man kann zweifelsohne sagen: Dass die Sozialdemokratie in den meisten Ländern mit zu vielen Pragmatikern und Machttechnikern durchsetzt war – und zu wenig mit inhaltlich stärker orientierten Personen – ist das zentrale Problem für diese Entwicklung gewesen.

Pragmatiker und Machttechniker – so würden viele auch Werner Faymann beschreiben.

Das stimmt. Aber er hat sich weiterentwickelt.

Wo ordnen Sie sich ein?

Ich bin auf Landesebene schon Ende der 80er Jahre für eine Parteireform eingetreten – und damit nicht durchgekommen. Letztlich bin ich ja 1992 beim Ringen um den Landesparteivorsitz gescheitert – auch weil ich vielen damit unbequem war. Und während die ÖVP im Land ihre Hausaufgaben gemacht hat, hat die Sozialdemokratie von positiven Entwicklungen nur geträumt.

Wie lange hat man aus Ihrer Sicht verschlafen?

Im Endeffekt bis 2009. Wir haben 20 Jahre zu spät mit der Parteireform morgen.rot begonnen. Dazwischen war der scheinbare Erfolg von 2003. Damals hatten Teile der Bevölkerung blanken Hass auf die schwarz-blaue Bundesregierung. In Wirklichkeit hat Wolfgang Schüssel damals für uns mit voest-Privatisierung und Pensionsreform die Wahl inhaltlich bestimmt. Wir haben die Chance ergriffen und genutzt, aber eine Reform ersetzt das nicht.

Mit Verlaub: Sie sind zwar nach dem Absturz 2009 ein schweres Erbe angetreten. Ihrem Nachfolger Entholzer hinterlassen Sie jetzt aber kein minder schweres Erbe. Die Landes-SPÖ liegt in Umfragen nach wie vor unter 25 Prozent.

Man muss sich schon auch anschauen, wie sich die Dinge intern durch unseren Erneuerungsprozess verändert haben. Und an der Verbesserung von Umfragen müssen die arbeiten, denen die Zukunft gehört. Von mir haben alle gewusst, dass ich nicht bis zur Wahl bleibe. Daher war auch die Frage, wer soll denn in Zukunft eine stärkere Rolle spielen, nicht mit dem Namen Ackerl zu besetzen. Im Übrigen waren wir bei der Nationalratswahl in Oberösterreich erneut stärker als die ÖVP.

Ist Ihr Nachfolger Entholzer zu bescheiden, wenn er sagt, 30 Prozent werden für die SPÖ bei der Landtagswahl schwierig?

Es wäre ein Fehler, eine übertriebene Ansage zu machen. Entholzer hat eine Art, die ihn mir sehr sympathisch macht. Er hat Frische und Volksnähe, ist einer, der auf die Leute zugeht. Er sagt, was er denkt, ist authentisch und damit sehr gut geeignet für eine offene Auseinandersetzung. Und je reaktionärer sich die ÖVP gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen verhält, desto schwieriger wird es für sie.

Gegen wen wird er auf VP-Seite antreten? Glauben Sie, dass Landeshauptmann Pühringer bleibt?

Ja. Es gibt Meinungsumfragen, in denen zwischen ÖVP mit Pühringer und ÖVP ohne Pühringer bis zu zehn Prozent Unterschied liegen – solche Umfragen hat die ÖVP sicher auch. Pühringer macht auch nicht den Eindruck eines Menschen, der am Ende der Laufbahn steht. Er agiert wie ein Hans-Dampf in allen Gassen – auch bundespolitisch. Was Pühringer in den letzten zwanzig Jahren geschafft hat, ist, wie kein anderer Politiker ein Bild von Engagement und Einsatzbereitschaft zu vermitteln.

Das klingt auch nach Wertschätzung.

Die habe ich auch – insbesondere wenn ich ihn mit Erwin Pröll oder anderen VP-Politikern vergleiche.

In einem Satz: Woran soll man sich vor allem erinnern, wenn man sich an den Politiker Josef Ackerl erinnert?

Dass ich im Sozialbereich massive Reformen für die Menschen in Oberösterreich durchgeführt habe.

 

20 Jahre Soziallandesrat

Der Vater war Gewerkschaftssekretär, die Mutter Hausfrau: Josef Ackerl wurde 1946 in Vöcklabruck geboren, wuchs in Linz auf. Nach Volksschule und Hauptschule absolvierte Ackerl eine kaufmännische Lehre. Ab 1966 war er in der Pensionsversicherungsanstalt beschäftigt, war Abteilungsleiter und Betriebsrat. Von 1976 bis 1978 war Ackerl Bundesvorsitzender der Sozialistischen Jugend, ab 1980 Mitglied des Linzer Gemeinderats. 1985 wurde er Linzer Sozial- und Umweltstadtrat. Seit 1993 ist er Landesrat, zuständig für Soziales.

Nach der SP-Wahlniederlage 2009 löste Ackerl Erich Haider als SP-Landesvorsitzender und LH-Stellvertreter ab. Den Parteivorsitz übergab er im November 2013 an Reinhold Entholzer. Am 22. Jänner scheidet Ackerl auch aus der Landesregierung aus. Tags darauf, am 23. Jänner, wird Gertraud Jahn zur neuen SP-Soziallandesrätin und Reinhold Entholzer zum neuen LH-Stellvertreter gewählt.

 

 

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Artikel Markus Staudinger 18. Januar 2014 - 00:05 Uhr
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