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Leitartikel

Ende mit Waldorf

Von Gerald Mandlbauer  20. November 2021 00:04 Uhr

Lockdown und Impfpflicht: Der Staat holt sich seine Autorität zurück, es war Zeit.

Hilflos steht die Gesellschaft dem irrationalen Verhalten eines Teils der Bevölkerung gegenüber. Offenen Auges ist ein ganzes Land entgleist. Was ist schiefgelaufen in diesem Sommer der Sorglosigkeit? Wir haben das erste Axiom der Pandemiebekämpfung nicht kapiert: Geschwindigkeit ist alles.

Vor allem hat der Staat seine exekutiven Möglichkeiten aus Angst vor den Corona-Kritikern nicht wahrgenommen. Die Politik hat den Leuten im Stile von Waldorf-Pädagogen gut zugeredet, das ist es gewesen. So sind wir zum Orchester der Vielstimmigen und Ängstlichen verkommen, Zwölfton ohne einen Dirigenten, bis gestern zumindest. Die Bürger haben ein klares Bild von diesem Arnold-Schönberg-Chor und seinem Krisenverhalten, wie eine heute in den OÖN veröffentlichte Spectra-Studie zeigt: je höher die Bildung, desto kritischer die Beurteilung des Krisenmanagements. Ganz oben bei den Versagensgründen steht jedoch jener Teil der Bevölkerung, der sich rationalen Argumenten verschlossen hat.

Wenn es mit Zureden und Argumentieren nicht klappt, dann muss der Staat eben seine Autorität ausspielen. Dieser Erkenntnis wird endlich und viel zu spät gefolgt. Zum Lockdown soll die Impfplicht für alle kommen – anders wäre den Geimpften als dem solidarisch handelnden Teil die neuerliche Zumutung der Abschottung nicht erklärbar gewesen, und anders wird sich die Pandemie wohl auch nicht besiegen lassen. Eine solche Impfpflicht ist ethisch und gesetzlich gerechtfertigt, der Schutz der Allgemeinheit erlaubt es. Aber machen wir uns nichts vor, Druck wird Gegendruck bewirken, es wird nicht einfach angesichts der hohen Temperatur im Kessel Demokratie, der Ängste vieler Impfskeptiker und der Irrationalität der Argumente der radikalen Gegner dieser Maßnahmen. Es wird dabei auf die Standfestigkeit der Vernunft ankommen.

Die Stimmung wird sich weiter aufschaukeln, bereits jetzt spürbar weit hinein ins Private. Zum Beispiel der Filmemacher und Freund aus Jugendtagen, der schreibt: „Deine Mitwirkung an der Spaltung und deine evidenzlose Berichterstattung sind unfassbar, kannst du dich noch in den Spiegel schauen.“ Seine Quellen sind Servus TV, Report 24 und eine als fehlerbehaftet zerlegte Stanford-Studie. Zur Lage auf den Intensivstationen kein Wort, da bleibt sein Handy stumm, Verschuldensumkehr, wie sie viele Ungeimpfte betreiben. Ein Zweiter, Managementcoach, verortet die Medien auf einer Achse mit ihrer Haltung zu Corona – und findet nichts dabei, das Weltblatt NZZ und das Propagandablatt Wochenblick in dieser Grafik zu vergleichen.

Auch die Kirche als Autorität schweigt sich aus, derweil fluten Naturreligionen die Mailordner. Eine Leseprobe: „Eine gute Nachricht zum Virus. Die Entscheidung, ins Loch zu fallen, oder durch die Pforte zu schreiten, liegt an euch. Ihr werdet in das Loch fallen, wenn ihr Nachrichten konsumiert. Verbindet euch spirituell, das Allerwichtigste. Singt, tanzt, zeigt Widerstand.“

Die Antiwissenschaftlichkeit, in Österreich eine sehr verbreitete Seuche parallel zur digitalen Unmündigkeit, äußert sich in dieser Schamanen-Prosa. Vergessen wird dabei alles, was die Wissenschaft in den vergangenen beiden Jahren zu Corona dazugelernt hat. Corona lässt sich nicht wegtrommeln oder von „Liebe zu sich selbst“ beeindrucken.

Wie geht man damit im Verwandten- und Bekanntenkreis um? Mit Toleranz? Mit Ignoranz? Mit Widerrede? Akzeptieren wir die Energieplatten achselzuckend, müsste die Physik umgeschrieben werden. Tolerieren wir sie, würde es bedeuten, der andere könnte doch ein wenig recht haben.

Corona ist ein Drama in vielen Akten, mit Leuten, deren Impfängste wir respektieren und sachlich abbauen müssen. Diese Minderheit gilt es zu überzeugen, ohne dass sie dabei das Gesicht verlieren muss.

Aber daneben gibt es eben einen Bodensatz solcher, die ihre Impfblockade auf größeren Widerstandserzählungen aufgebaut haben und die nicht belehrbar sind. Sie verursachen das aufgeheizte Klima, gegen den Staat, wider die Eliten, contra die Wissenschaft. Reichsbürger, Rechtsaußen und radikale Esoteriker haben ein gemeinsames Feindbild entwickelt. Sie werden die Impfpflicht als Turbo für ihre Bemühungen verstehen.

Und dann existieren noch jene, die sich dieser verqueren Denkart politisch bemächtigen, weil sie sich daraus Profit erhoffen. Sie sind die berechnendste Kategorie. In Oberösterreich ist diese Handlungsweise durch Hereinnahme der FPÖ in die Koalition legitimiert worden. Auch diese Konstellation verträgt sich rein gar nicht mit dem Kampf des Staates um seine Autorität in einer nationalen Notlage.

Artikel von

Gerald Mandlbauer

Chefkommentator und Mitglied der Chefredaktion

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