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Reisen

Donau mal anders: Flussaufwärts nach Donaueschingen

Von Josef Lehner  18. September 2022 17:00 Uhr

Donau mal anders: Flussaufwärts nach Donaueschingen
Schloss Sigmaringen liegt an der Weltenburger Enge vor bis zu 80 Meter hohen Granitfelsen.

70.000 Urlauber befahren jedes Jahr den Donauradweg zwischen Passau und Wien. In der Gegenrichtung ist es nur ein Bruchteil. Wie wäre es einmal mit der Route stromaufwärts bis zur Quelle, rund 700 Kilometer von Linz bis Donaueschingen?

Gleich vorweg: Aus einigen Gründen ist dieses Unterfangen schwieriger, jedoch mindestens so reizvoll. Donauabwärts gibt es ja kaum Gegenanstiege. Es geht von 312 Metern Seehöhe in Passau auf 190 in Wien, und es sind nur rund 330 Kilometer. Donaueschingen liegt dagegen auf knapp 700 Metern, und es ist Tag für Tag manche Anhöhe zu erobern.

Erstens: Die Herausforderer

Dies auch deshalb, weil, anders als mit den Treppelwegen in Österreich, in Bayern viele Umwege zu machen sind. Es ist de facto zu 80 Prozent kein Donauradweg, sondern ein Radeln durch die weite Donauebene, erst Niederbayerns, dann Schwabens. Das heißt landschaftlich, dass es weniger durch Wälder beziehungsweise Auwälder geht, sondern meist entlang von Getreide-, Rüben- und vor allem Erdäpfelfeldern.

Zwischen Kelheim und Ingolstadt mehren sich die Hopfenkulturen, denn das ist der Nordrand der Hallertau, mit rund 240.000 Hektar das weltweit größte Anbaugebiet für den wichtigsten Rohstoff der Bierbrauer (zum Vergleich: Mühlviertel mit 135 Hektar).

Ausgerechnet die schönen Strecken entlang der Laufkraftwerke werden meist von ruppigen Schotterwegen erschlossen. Staubfreie Ausweichrouten führen mitunter kilometerweit ins Hinterland. Es muss immer wieder zwischen mehreren Radwegen gewechselt werden, einmal links-, dann wieder rechtsseitig, auch deswegen, weil die Einmündungen der vielen stürmischen Flüsse aus den Alpen (von Ost nach West: Vils, Isar, Laaber, Ilm, Paar, Lech, Günz, Iller etc.) die stromnahe Routenführung erschweren.

Mit dem Tourenrad oder Mountainbike geht es direkter, also weniger Kilometer, bei geringerer Geschwindigkeit und weniger Komfort. Das bedeutet: gute Vorbereitung bei der Routenführung.

Donau mal anders: Flussaufwärts nach Donaueschingen
Die Radlergruppe am Donauradweg

Zweitens: Die Freunde

Doch es gibt ein überragendes Plus: Radfahrer genießen, anders als in Österreich, auch im Straßenverkehr Wertschätzung. Entlang der meisten Überlandstraßen gibt es mit Grünstreifen abgetrennte, ausreichend breite Radwege, die obendrein in gutem Zustand sind. Durch die vielen Orte und Städte führen häufig Radfahrstreifen, auf denen Vorrang wie für den motorisierten Durchzugsverkehr besteht (rote Schraffierungen mahnen einbiegende Autofahrer). Die Motorisierten nehmen Rücksicht auf die Zweiradler, geradezu fürsorglich.

Das ist dann ein Sicherheitsfaktor, wenn die Fahrbahn gewechselt werden muss. Und das zweite dicke Plus: Es gibt überall nette Gastgeber, die nicht nur gute Quartiere und feines regionales Essen anbieten, sondern auch Verständnis für die Gäste. Nach zwei Stunden Kurbeln durch Regen und Dreck holt der Neuwirt in Neuburg an der Donau den Gartenschlauch, zum Waschen der Räder, zudem Putzlappen und Kettenöl, um die Maschine wieder in Schwung zu bringen. Dazu serviert er köstliches Weißbier für die durch und durch verdreckten Pedalisten und lässt dann gleich die Trikots und Hosen waschen.

Drittens: Die Begleiter

Neuburg ist einer der vielen Augenöffner für die große Geschichte und Baukultur in Süddeutschland. Wir Österreicher finden unsere Historie und Kultur überragend, bewundern auch jene in Italien, Griechenland oder Frankreich. Unsere bayerischen Nachbarn strafen wir mit Missachtung, obwohl hier große und österreichische Geschichte geschrieben worden ist, vor allem jene der Habsburger.

Die Herzöge von Pfalz-Neuburg hatten mit ihnen eine innige Bindung, regierten auf einem prächtigen Schlossberg, mit Blick auf die Donau und eine Insel im Strom. Wir wissen natürlich um Passau, die schönste Stadt an der Donau (vor Budapest und Linz, vor allem vor Wien, das ja nur am Donaukanal liegt). Die meisten kennen Regensburg mit der bunten Altstadt und der Steinernen Brücke. Ulm mit dem höchsten Kirchturm der Welt und seinem netten Fischerviertel sind Höhepunkte einer Kultur-Radtour. Die Innenstädte von Deggendorf, Straubing oder Donauwörth sind beeindruckend und dokumentieren die gemeinsame Geschichte mit Oberösterreich.

Beim Radeln übers Land sehen wir viele Kirchtürme, deren Konturen wir aus dem Innviertel kennen. Es gibt einige unverzichtbare Abstecher: Trotz der paar Höhenmeter empfiehlt sich von Straubing nach Regensburg die Nordroute mit Auffahrt zur Walhalla. In der Kopie eines griechischen Tempels hat Bayerns großer König Ludwig I. die Helden geehrt; wir erfreuen uns am prächtigen Ausblick über den Gäuboden, eine der fruchtbarsten Regionen Mitteleuropas.

Das alte Griechenland, die germanischen Helden, das bayerische Königtum, und rund 30 Kilometer südlich sieht man den Dampfpilz des Atomkraftwerks Ohu an der Isar in den Himmel aufsteigen; mit Jahresende wird es wohl abgeschaltet werden. Der "Kini", Großvater des legendären Ludwig II., hatte auch bei der mächtigen Befreiungshalle auf dem Felsvorsprung zwischen Donau und Altmühl bei Kelheim seine Finger im Spiel. Sie sollte wie die Walhalla den deutschen Gemeinschaftsgeist fördern. Statuen stammen aus der Bildhauerdynastie der Schwanthaler, die auch in Oberösterreich kräftige Spuren hinterlassen hat.

Viertens: Überraschungen

Ein verwunschen schöner Fleck ist das Kloster Weltenburg, das von Kelheim aus nur über eine Bergstrecke erreicht werden kann. Die Benediktiner wollten, wo die Donau in einer großen Schlinge wie in Schlögen ihren Weg durch ein Gesteinsmassiv gebrochen hat, auf alle Zeiten ihr Glaubensstatement abgeben. Die Römer haben hier mit einer Bastion des Limes-Grenzwalls die eindringenden Germanen abgewehrt.

Bei strahlender Sonne geht es entlang goldgelber Getreidefelder, als an der Landesgrenze zu Baden-Württemberg, vor Ulm, zwei große Kühltürme auftauchen. Sie gehören zum einst leistungsstärksten Kernkraftwerk Deutschlands, Gundremmingen. Seit Jahresende 2021 ist der letzte Block stillgelegt.

Nach den ersten Anstiegen in die Schwäbische Alb schießen wir hinunter in das ebenso schmächtige (15.000 Einwohner) wie prächtige Sigmaringen. Über der Donau thront die Burg der Hohenzollern, deren Abkömmlinge als Könige von Preußen und deutsche Kaiser (1871–1918) mächtig Geschichte geschrieben haben. Ein spektakulärer Nebenstrang: Die Vichy-Regierung des Nazi-Verbündeten Marechal Pétain flüchtete 1944 nach Sigmaringen und unterhielt hier bis zur Befreiung im Frühjahr 1945 einen riesigen Stab der (noch) offiziellen französische Regierung.

Überraschend auch die letzte Passage nach Donaueschingen: Der junge Fluss windet sich durch ein enges Tal, in dem die Radler erstmals über eine lange Strecke von 90 Kilometern ganz nah an ihrer Leitlinie sind. Es wirkt wie ein Wunder, dass der durch Zusammenfluss der Flüsschen Brigach und Breg entstandene Strom erst (bei Tuttlingen) im Untergrund versickern und danach die Kraft entwickeln kann, bis Sigmaringen eine Felsbarriere zu durchbrechen.

Wir stehen schließlich zufrieden an der berühmten Donau

Donau mal anders: Flussaufwärts nach Donaueschingen
Die künstlich angelegte „Quelle“ in Donaueschingen

 zwischen Stadtkirche und Fürstenbergischem Schloss. Sie ist künstlich angelegt; die Bregquelle läge noch ein paar Hundert Meter höher im Tal. Doch wir sind mit dem symbolischen Akt zufrieden. Trotzdem empfiehlt sich von hier, weiter in den Schwarzwald hinauf zu kurbeln, zum Titisee oder auf den Feldberg. Jetzt geht’s aufwärts.

Artikel von

Josef Lehner

Redakteur Wirtschaft

Josef Lehner

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