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Côte d’Azur: Wo das Mittelmeer heftig zu brodeln beginnt

Von Von Sabine Blöchl, 24. Juli 2010, 00:04 Uhr
Wo das Mittelmeer heftig zu brodeln beginnt
Die Organisation „OceanCare“ veranstaltet „Forschungsreisen“ für interessierte Laien. Dabei kommt es zu faszinierenden Begegnungen mit Delfinen.

FRANKREICH. Als Spielwiese der Reichen ist die Côte d’Azur weit über ihre Grenzen hinaus bekannt. Doch abseits der Schickimicki-Szenerie kann man hier auch Wale und Delfine beobachten und so zum Schutz der Meeressäuger beitragen.

Sanft schaukelt die Johya im Wind. Unser Expeditionsschiff ist den zweiten Tag auf offener See. Drei Wachposten liegen seit sieben Uhr auf der Lauer und blicken konzentriert in die Ferne. Einer rechts, einer vorne und einer links. Sie wechseln sich im 45-Minuten-Takt mit den anderen drei Forschungsreisenden ab. Bei ruhigem Seegang kann man mit freiem Auge etwa zehn Seemeilen, also umgerechnet rund 18 Kilometer weit sehen. Wale und Delfine bleiben bis 500 Meter mit freiem Auge erkennbar.

Für die Suche nach den imposanten Geschöpfen haben die Wildlife-Touristen wasserfeste und extralichtstarke Feldstecher mit 7-facher Vergrößerung und einem eingebauten Kompass zur Hand. Anhand der Strichmuster im Sichtglas und einem GPS kann man die Entfernung der Meerestiere zum Zeitpunkt einer Sichtung ziemlich genau bestimmen.

„Momentan ist alles eintönig und ruhig“, sagt der Skipper. „Innerhalb von Sekunden kann sich die Situation jedoch völlig ändern.“ Und das tut sie auch. Während der Fahrt in die Bucht Taillat, hinter den Stränden von Saint-Tropez, entdeckt der Meeresbiologe Michael Casanova plötzlich einen Pottwal.

Der Schweizer ruft: „I hau an Blas gsie. Da isch a Blas!“ Und tatsächlich, etwa hundertfünfzig Meter vom Schiff entfernt, bläst ein Pottwal. Mehr als fünf Meter schießt seine Fontäne in die Luft. Die Teilnehmer stürzen zur Reling und zücken ihre Kameras. Das Tier ist etwa zwölf bis vierzehn Meter lang. Zügig gleitet es neben dem Motorsegelboot durch das Wasser. Sein schräger Blas und seine kurze Finne, die Markenzeichen des Pottwals, sind jetzt eindeutig zu erkennen. Der Skipper drosselt die Geschwindigkeit. Alle starren gebannt aufs Wasser und beobachten den dunkelgrauen Tiefseejäger. Nach einer Weile macht er einen Buckel, taucht ab und wirft die Fluke in die Luft. Die Teilnehmer sind begeistert. Keiner rechnete damit, dass wir bereits am zweiten Tag so eine tolle Sichtung machen würden.

Dabei ist das gar nicht so ungewöhnlich vor der französischen Mittelmeerküste. „Hier im Pelagos, dem einzigartigen Meeresschutzgebiet im Mittelmeer, finden wir besonders reiche Nahrungsgründe“, erklärt der Meeresbiologe am Abend in der Bucht von Taillat, während die Forschungsreisenden mit französischem Rotwein auf die Sichtung anstoßen.

„Einerseits versorgt der Atlantik das Mittelmeer laufend mit frischem Oberflächenwasser. Andererseits strömt nährstoffreiches Wasser aus der Tiefsee in höher gelegene Zonen, was die Nahrungskette sehr gut mit entsprechenden Nährstoffen versorgt.“ Aufgrund der Entstehungsgeschichte des Mittelmeeres ist es hier außerdem an gewissen Stellen mehr als 2000 Meter tief und von Tiefseegräben zerklüftet. Ein Paradies für Pottwale also, die sich hauptsächlich von Tintenfischen und Riesenkalmaren ernähren.

Laue Nächte an Deck

Selbst in der Bucht Taillat, in der wir die zweite Nacht vor Anker liegen, gibt es kleine Unterwassercanyons. Sie sind allerdings nur fünf Meter tief. Dennoch fühlen sich Sepien, Seegurken und kleine bunte Fischchen hier wohl und lassen sich von uns beim Schnorcheln beobachten.

Nach dem Abendessen, das übrigens jeden Tag von zwei anderen Teilnehmern zubereitet wird, sind alle vom Sichtungsfieber gepackt und voll motiviert für den nächsten Tag. Trotzdem gehen alle zeitig ins Bett. Wem die Kojen zu eng und bedrückend sind, der kann den Kapitän fragen, ob er an Deck übernachten und die lauen Nächte im Freien unter strahlendem Sternenhimmel oder im Mondschein verbringen kann.

Frühmorgens, während die meisten Teilnehmer noch schlafen, ist der Skipper schon unterwegs zum Startpunkt des nächsten Linien-Transekt. Das ist die Forschungsmethode, mit der ein Bootsführer und ein Meeresbiologe von OceanCare, der Schweizer Organisation, die diese Forschungsreisen organisiert, das Meer gemeinsam mit den Forschungstouristen sechs Tage lang „abgrasen“. Zwischen Monaco und den Îles d‘Hyères suchen sie nach Pottwalen, Finnwalen, Pilotwalen, Gewöhnlichen Delfinen, Großen Tümmlern, Rundkopfdelfinen, Blau-Weißen Delfinen und Cuvier-Schnabelwalen.

Dabei fährt die Forschungsgruppe nicht wahllos durch die Gegend, sondern sucht die Tiere entlang von Linien. Bei guten Wetterbedingungen geht es mitunter bis zu 35 Kilometer raus aufs Meer. Mit dem Weg, den man danach wieder zur Küste zurücklegt, ist man also bisweilen zehn bis zwölf Stunden auf hoher See und deckt eine Sichtungsfläche von bis zu 420 Quadratkilometern pro Tag ab.

Jede einzelne Sichtung wird genau protokolliert und von OceanCare an die Meeresschutz-Organisation ACCOBAMS weitergegeben. Ziel der Forschungsreisen von OceanCare ist es nämlich, mit interessierten Reisenden möglichst viele Daten über Anzahl und Verbreitung von Walen und Delfinen zu sammeln, damit die Meeresschutzorganisationen möglichst gute Populationskarten erstellen können. Außerdem soll herausgefunden werden, wie sich die Verbreitung der entsprechenden Arten im Mittelmeer darstellt und was man zur Verbesserung ihres Schutzes tun kann.

Gifte im Wasser

Die Erforschung dieser Grundlagen steckt immer noch in den Kinderschuhen. So sind zum Beispiel weite Teile des östlichen Mittelmeeres gänzlich unerforscht. Genauso wie Vielfalt und Nährstoffgehalt von Phyto- und Zooplankton und die Umweltverschmutzungen, mit denen die Meeressäuger zu kämpfen haben.

„Organische Giftstoffe aus der Industrie, wie polychlorierte Biphenyle (PCBs) und Dichlordiphenyltrichlorethane (DDTs), aber auch Insektizide und Pestizide aus der Landwirtschaft machen den Tieren gehörig zu schaffen“, sagt Michael Casanova. „Sie lagern sich in der Nahrungskette an und konzentrieren sich von Stufe zu Stufe hoch.“

Jedes größere Meerestier, das von Zahnwalen und Delfinen erbeutet wird, hat also schon zahlreiche andere Fische gefressen und damit auch jedes Mal die Gifte, die im Gewebe dieser Tiere lagern, aufgenommen. Das hat teilweise schwerwiegende Auswirkungen auf die Fortpflanzungseigenschaften oder auf das Immunsystem der Tiere. Deshalb nehmen die „Forschungsreisenden“ immer wieder unter Anleitung des Meeresbiologen Wasser- und Planktonproben, messen Sichttiefe, Salzgehalt und Temperatur des Wassers. Untersucht und ausgewertet werden die Proben später von OceanCare in einem Labor in der Schweiz.

Damit der Spaß nicht zu kurz kommt, dürfen die Reisenden zwischendurch auf hoher See schwimmen. Obwohl es fast windstill ist, haben die Wellen und die Strömung eine enorme Kraft. Man muss sich schon gehörig anstrengen, wenn man ohne fremde Hilfe wieder zurück an Bord will. Eine Leine mit einer Boje bietet Halt. Sogar Manuela, sie ist im vierten Monat schwanger, lässt sich dieses Erlebnis nicht entgehen und entlang dem Seil über dem 2500 Meter tiefen Meeresgrund treiben.

„Flipper“ ist eine Rarität

In den darauffolgenden Tagen häufen sich die Delfinsichtungen. Leider ist kein einziger Großer Tümmler, besser bekannt als „Flipper“ aus der gleichnamigen Fernsehserie, dabei. Die neugierigen Meeressäuger sind relativ selten geworden und gehören zu den am meisten durch menschliche Aktivitäten bedrohten Delfinarten. 2009 wurden auf den sieben Forschungsreisen von OceanCare nur zwei Exemplare gesichtet. Dafür werden die Blau-Weißen Delfine zu ständigen Wegbegleitern. Von ihnen gibt es Schätzungen zufolge etwa 120.000 Exemplare im westlichen Mittelmeerbecken.

Hundeartige Wesen

Einmal tummelt sich ein Pärchen vorne am Bug. Casanova erkennt die Tiere sofort an ihrer hellgrauen Zeichnung. Flink und behände gleiten sie durchs azurblaue Wasser und schwimmen ein Weilchen mit uns mit. Die typischen Klicklaute der walartigen Tiere dienen zur Orientierung und sind klar und deutlich aus dem Kopfhörer zu hören. Er ist an ein Hydrophon angeschlossen und fängt selbst noch Geräusche ein, die hunderte Meter von uns entstehen.

Andrea, die auf einem der drei Beobachtungsposten sitzt, ruft: „Juhu!“ Plötzlich tauchen die Tiere ab und schießen weiter vorne wieder an die Oberfläche. Dann schwimmen sie zurück und gleiten gegen die Schiffsströmung, so als gäbe es keinen Strömungswiderstand. Immerhin sind wir zu diesem Zeitpunkt mit etwa 5,5 Knoten bzw. zehn Stundenkilometer unterwegs.

Ein anderes Mal sieht es so aus, als ob wir auf eine kleine Gruppe von zwanzig Tieren gestoßen wären. Doch plötzlich springen einzelne Delfine aus dem Wasser, und das Meer beginnt zu brodeln. Ein Delfin nach dem anderen taucht auf. Die vermeintliche Kleingruppe entpuppt sich als Schule von ein- bis zweihundert Tieren. Das Spektakel dauert einige Minuten an. Vor allem die fünf bis sieben Meter hohen Luftsprünge faszinieren uns.

Diese Aktionen sind mit einem enormen Kraftaufwand verbunden. Doch die ehemaligen Landbewohner haben sich perfekt an das Leben im Wasser angepasst. „Wale und Delfine sind eng mit den Paarhufern verwandt“, erklärt Michael Casanova bei einem seiner abendlichen Vorträge an Deck. „Sie stammen höchstwahrscheinlich von den Mesonychiden ab. Hundeartige Wesen, die so ähnlich ausgesehen haben wie Wölfe. Im Laufe der Evolution mussten sie sich an ein Leben im Wasser gewöhnen, und so haben sie zum Beispiel den Galopp, die schnellste Fortbewegungsart an Land, einfach auf das Wasser übertragen.“ Deshalb besitzen Wale und Delfine im Gegensatz zu den Fischen keine fächerartige Rücken- oder Schwanzflosse, sondern eine Fluke, die flach beziehungsweise horizontal im Wasser liegt.

In all den Tagen kann man nicht nur viel über das Meer, seine Funktionsweise und Bewohner lernen, sondern auch über sich selbst. Vor allem in jenen Stunden, in denen das Meer wie ausgestorben wirkt und alle gebannt über den Horizont schauen oder gemütlich vor sich hindösen, entpuppt sich das Meer als hervorragender Ort der Einkehr. Dann, wenn der Wind in den Ohren säuselt, die Wellen den Körper an der Reling hin und her wiegen und sich der bewölkte Himmel und das Wasser gegenseitig in sanftes Pastellblau hüllen, entfaltet das Meer seine entschleunigende und meditative Kraft. In diesem tranceartigen Zustand scheint alles mit allem im Einklang zu sein, sprudeln Gefühle und Gedanken aus den Tiefen des Unterbewussten empor und lassen vieles in einem anderen Blickwinkel erscheinen.

Unheimlich berührt

Gegen Ende des Forschungstörns macht Andrea noch eine Finnwalsichtung. Leider sieht man den Kopf nur ganz kurz aus dem Wasser ragen. Dafür durfte der Skipper 2009 beobachten, wie der zweitgrößte Bartenwal etwa neunzig Minuten um das Schiff herum kreiste. „Er ging mal hundert, zweihundert Meter weg und kam dann wieder ganz nahe auf dreißig, fünfunddreißig Meter an unser Schiff ran. Das Ganze hat in etwa neunzig Minuten gedauert und war schon sehr beeindruckend. Da wird man ganz, ganz klein und unheimlich berührt“, sagt der Skipper.

Termine: wöchentlich bis Mitte September.

Forschungsgebiet: Entlang der Côte d'Azur bis zu den Iles d´Hyères im Westen und nach Monaco im Osten. Meilennachweise für Anwärter des Segelscheines B möglich.

Anreise mit dem Flugzeug: von Wien nach Nizza täglich mit Flyniki ab 234,- Euro hin- und retour. Weiter mit dem Bus zur Zugstation Nice Ville und mit dem SNCF zur Haltestelle Golfe Juan Vallauris (3/4h). Von dort sind es nur noch ein paar hundert Meter in den Hafen. Eine Weiterfahrt mit dem Bus vom Flughafen Nizza ist möglich, jedoch nicht empfehlenswert, weil es regelmäßig staut und die Tickets teurer sind. Gesamtreisezeit von Wien Schwechat inkl. Check In: ca. 4 ½ h.

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