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Kultur

Ringlspü fahrn und dann sche schdeam

13. Juni 2015 00:04 Uhr

Ringlspü fahrn und dann sche schdeam
Agnes Palmisano

Agnes Palmisano, Österreichs führende Dudlerin, tritt beim Aspacher Gstanzlsingen als Exotin an. Doch sie wird das Innviertel locker erobern, prognostiziert Klaus Buttinger.

Das Publikum im Welser Stadttheater am vergangenen Dienstag zeigte sich reserviert. Da betritt eine junge Dame in schwarzen Leggins und Lederjacke die Bühne und – ja, verzaubert es. Gemeinsam mit Gitarrist Daniel Fuchsberger und Akkordeonist Roland Sulzer verwandelt die Dudlerin das Frühjahrskonzert des Kiwanisclubs Wels-Maximilian in einen heiter-morbiden Kopfausflug nach Wien, zum Heurigen, zum Wein, zur Liebe, zum Zentralfriedhof.

Mit ein wenig Wien-Kritik – "Ohne Wein wär’s in Wien nicht auszuhalten" – gewinnt die Winzersgattin die Herzen, die gleich ob eines Wienerlieds voll Schmalz und Gedudel wacklert werden. Fulminante, teils eigene Texte, entführen in die Welt der Emotionen, in der das Lachen häufig neben dem Weinen wohnt, das Leben neben dem Tod. Und dort, wo die Sprache an ihre Ausdrucksgrenze stößt, da setzt sie mit dem Dudeln fort.

Der Dudler ist der Wiener Salon- oder Koloraturjodler. Er kann als Liebeskummerdudler ebenso zu Tränen rühren wie als Lebensfreudejodler. Wenn Palmisano in lichten Tonhöhen jubiliert, dann purzelt es in der Gefühlslandschaft wie beim Kegelscheiben. Beim Aspacher Gstanzlsingen (siehe Kasten) wird sie als Exotin aus Wien die Bühne erklimmen, aber als Königin der Herzen und Hirne heruntersteigen. Sie wird eine Lagune aus Wein sein im Meer des Bieres.

 

OÖN: Ihre Begegnung mit dem Dudeln war schicksalshaft, liest man in ihrer Biografie. Wie kam das?

Palmisano: Ich habe ausschließlich schicksalshafte Begegnungen (lacht). Das Dudeln habe ich lange nicht gekannt, aber ein Hang zum Jodeln war immer da. Schon als Kind habe ich die Heidi nachgesungen. Meine Söhne haben das lustigerweise auch. Aber ich habe klassischen Gesang studiert mit Schwerpunkt Oper. Dann musste ich wählen zwischen einem Seminar über Volksmusik und einem über Musiktheorie. Ich habe mich für die Praxis entschieden, und wie es der Zufall wollte, hat Roland Neuwirth dieses Seminar gehalten. Ich habe diese Wienerlieder nett gefunden. Nach der Workshop-Präsentation bin ich sofort vom Wiener Volksliedwerk für das "Wean Hearn"-Festival engagiert worden.

Der Nachwuchsbedarf war wohl enorm, oder?

Da war ein richtiger Sog. Ich habe nichts forciert, aber der Gerhard Bronner hat mich gleich mitgenommen auf die Bühne. Dann habe ich Trude Mally kennengelernt, die quasi letzte alte Dudlerin. Ihr Begleiter, der Roland Sulzer, der auch in Aspach mit mir spielt, hat mich unter die Fittiche genommen. Es waren einfach viele Leute so freundlich, mich teilhaben zu lassen und mir etwas beibringen zu wollen. Die Trude hat etwa gesagt: "Das musst schon üben, sonst wird das nix!" Das stimmte natürlich, der Dudler hat – wie jede Art der Musik – eine Stilistik, mit der man sich entweder wirklich auseinandersetzt oder man spielt’s halt bloß ein bisserl.

Trude Mally, die große Dudlerin, starb 2009. Sie haben sieben Jahre mit ihr arbeiten können. Wie hat sich das dargestellt?

Gelegentlich haben wir uns im Kaffeehaus getroffen, sie hat ein bisserl was gesungen und ich habe ein bisserl was gesungen. Die Trude war keine Didaktikerin, die gesagt hat, wie etwas zu singen sei. Aber ich habe erlebt, wie sie gesungen hat, ebenso wie den Bronner oder den alten Wienerliedsänger Kurt Girk. Es macht einen Unterschied, ob man jemanden auch als Mensch und Person hautnah erlebt.

Was ist denn nun der Unterschied zwischen dem Jodeln und dem Dudeln?

Es unterscheidet sich wie das Tirolerische vom Wienerischen. Beides sind Dialekte. Die Wiener Musik ist in ihrer Stilistik aber grundlegend anders als die Tiroler Volksmusik. Sie ist komplexer, hat mehr Harmonien, verschleift sich mehr. Sie hat viele Einflüsse aufgenommen. Auch bei den Dudlern merkt man: Der eine kommt vielleicht aus dem alpenländischen Raum, der andere wurde in Wien komponiert.

Das Jodeln diente ursprünglich der Kommunikation in den Bergen, man schrie Informationen von Alm zu Alm. Hat auch der Dudler eine solche Funktion?

Gedudelt wurde immer schon, um Kunst zu machen, um sich zu produzieren, um zu zeigen, dass man etwas ganz besonders gut kann. Jodeln hat eine starke soziale Komponente. Man trifft sich im Wirtshaus und jodelt miteinander. Beim Dudeln trifft man sich auch im Wirtshaus, aber der, der es besonders gut kann, singt, und die anderen hören zu. Es geht darum zu zeigen, was man mit der Stimme alles kann. Auch die Schrammeln haben im Wirtshaus gespielt. Da war es mucksmäuschenstill. Die Trude Mally hätte niemals einen Ton gesungen, wenn die Leute redeten. Es ist eine Unsitte, die sich in den letzten paar Jahrzehnten eingebürgert hat, dass Musiker von Tisch zu Tisch gehen und man sich daneben unterhält.

Beim Dudeln geht es aber auch immer um Emotionen, oder?

Man merkt sehr stark, dass es beim Dudeln immer um einen emotionalen Subtext geht; um Lust, Leid, Freude, Trauer. Lieder ohne Worte. Da, wo die Worte fehlen, wo die Fantasie Raum greift, da fängt der Dudler an.

Gibt’s auch Männer, die dudeln?

Die gibt’s, doch werden sie oft nicht so wahrgenommen. Die Stars des Dudelns waren immer die Frauen. Die bekanntesten Männer, die das heute machen, sind wahrscheinlich Rudi Koschelu, Helmut Stippich oder Daniel Fuchsberger.

Zusammen sind Sie die Hüter des immateriellen Kulturerbes, zu dem ja das Dudeln laut UNESCO zählt …

Ja, und jeder, der einen Dudelkurs besucht, wird das auch.

Erbe heißt aber nicht, dass sich beim Dudeln nichts mehr verändern darf, oder?

Wir Dudler in den verschiedenen Formationen schauen schon, dass wir nicht immer nur die alten Hadern spielen, sondern auch neue Sachen schreiben – einfach weil es Spaß macht und auch wichtig ist für die künstlerische Entwicklung. Aber mir ist das Alte schon sehr wichtig. Solange man Schubert-Lieder singt, soll man auch die alten Wienerlieder spielen, weil sie denselben Untergrund haben. Auf meiner neuen CD haben wir zur Hälfte neue, eigene Sachen drauf.

Sie sagen, Sie fühlen sich als Exotin in der Klassik ebenso wie in der Volksmusik. Wo sehen Sie sich denn beheimatet?

Für mich ist der klassische Gesang eine Perfektion des Natürlichen. Singen ist eine Art Hochleistungssport auf Basis natürlicher Anlagen. Mit der Klassik habe ich noch sehr viel am Hut, das mache ich sehr, sehr gerne. Ich mag aber auch die Abwechslung. Das Aspacher Gstanzlsingen, das ist schon auch für mich etwas Exotisches, eine Welt, in der ich mich normalerweise nicht bewege. Ich komme nicht wirklich aus der Volksmusikszene, schätze die Musikanten aber sehr und bin gerne bei ihnen zu Gast. Für die Klassik bin ich andererseits vielleicht ein bisserl zu unsteif. Aber die Grenzen sind immer fließend gewesen. Letztlich geht es nur darum: Fasziniert mich eine Musik oder nicht.

Übt die volkstümliche Musik auch eine Faszination auf Sie aus?

Es fasziniert mich, wie sie funktioniert. Sie ist mir ein bisserl ein Rätsel.

Was löst der Name Andreas Gabalier in Ihnen aus?

Nicht viel. Ich zolle meinen Respekt jedem, der es in dem Business schafft, Fuß zu fassen und sich zu halten, auch wenn es mir manchmal unbegreiflich ist.

Wo kann man in Wien noch echte Wienerlieder hören?

Da muss man suchen. Aber natürlich beim Heurigen meines Mannes, Hengl-Haselbrunner, weil dort jeden Dienstag sehr authentische Wiener Musik gemacht wird. Dann gibt es ein paar Festivals, die man nicht versäumen sollte, etwa "Wean Hean" oder "Wien im Rosenstolz".

Was ist Ihr Lieblingswein?

Rotwein; Pinot noir.

 

Agnes Palmisanos neue CD "Wean & Schdeam" ist soeben erschienen. Bezug: www.palmisano.at

 

Musi in Aspach

Präsentiert von den OÖNachrichten, findet das Aspacher Gstanzlsingen heuer an acht Terminen zwischen 18. und 27. Juni im Veranstaltungszentrum Danzer in Aspach statt. Auf der Bühne: Philipp Meikl, Bast Scho, „Bäff“ Josef Piendl, Bratl in der Rein – 3xaung, Renate Maier, Maultasch und Tiroler Kas, Agnes Palmisano, Solinger Landler Musi, Weber Bene.
Moderation: Philipp Meikl

Ebenfalls in Aspach findet von 26. bis 28. Juni das Fest der Volksmusik statt (VZ Danzer und Pfarrkirche Aspach). Auftreten werden Susanne Brückner, die Alpenlandler Musikanten, das Dumfart-Trio, die Kerschbam Zithermusi und die Perlseer Dirndln.

Nähere Informationen unter: aspacher-gstanzlsingen.at

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