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Kultur

Martin Klingst: Trump ist nicht vom Himmel gefallen, 63 Millionen haben ihn gewählt

Von Thomas Spang   10. November 2018 00:04 Uhr

Trump ist nicht vom Himmel gefallen, 63 Millionen haben ihn gewählt
Seine Unterstützer lieben Trump aus unterschiedlichsten Beweggründen.

Martin Klingst zeichnet in "Trumps Amerika" ein intimes Bild der Wählerschaft des US-Präsidenten.

Der langjährige US-Korrespondent der "Zeit" gesteht, er habe wie viele andere die Wahl Trumps nicht kommen sehen oder für möglich gehalten. "Ich habe mich gewaltig geirrt", legt Klingst im Vorwort des Büchleins ein sympathisches "mea culpa" ab. Dabei gehört er nicht zu den Kollegen, die ihr Wissen über die USA vorrangig aus den Echokammern der Denkfabriken bezogen.

Klingst verließ während seiner Zeit als Korrespondent (2007 bis 2014) regelmäßig die Washingtoner Blase, um das Land besser zu verstehen. Daher schmerzt es ihn, diese Entwicklung nicht vorher erkannt zu haben. Dabei hatte er schon ein frühes Vorbild in dem Patriarchen seiner Gastfamilie in Colorado, bei der er während eines Austauschjahrs lebte.

Ein kluges, wichtiges Buch

Nach der Wahl des Rechtspopulisten durchforstete Klingst sein Archiv, schaute sich das Material seiner Recherche-Reisen noch einmal an und vereinbarte zusätzliche Ortstermine. Dabei heraus kam ein kluges, wichtiges Buch, das auf 158 Seiten zu verstehen hilft, wie Trumps Wähler ticken.

Gewiss ist Klingst nicht der erste, der über das Phänomen der Trump-Wähler schreibt. Aber er tut es nicht vom Schreibtisch aus oder von oben herab, sondern einfühlsam und mit der Tiefenschärfe eines Reporters, der mit Dutzenden Anhängern des Präsidenten persönlich gesprochen hat. Elegant verknüpft der Autor zum Verständnis notwendige Rahmeninformationen mit den Begegnungen, die er auf seinen Reisen durch die USA machte.

Er nimmt seine Leser mit nach Marshalltown, eine kleine Stadt in Iowa, die seit dem Inkrafttreten der NAFTA-Verträge große Veränderungen erlebte. Dort besuchte er Mona Kilborn, deren Mutter bei einem Autounfall ums Leben kam, den eine Mexikanerin ohne Papiere verschuldet hatte. Die Mischung aus persönlicher Wut und Unbehagen über die Veränderungen in ihrer Stadt machte sie zu einer rabiaten Befürworterin von Mauer und Ausweisungen Illegaler.

Während Trumps Positionen Kilborn motivierten, ihm ihre Stimme zu geben, geht es für Schulleiterin Nancy Anderson aus dem Bundesstaat Arkansas um das Recht, eine Waffe tragen zu dürfen. Genauer gesagt, findet sie Trumps Idee richtig, ihre Schüler gegen einen Amokläufer verteidigen zu können.

Kampf gegen die Abtreibung

Richtig gruselig wird es, wenn Klingst seine Leser in den sumpfigen Süden von Kentucky entführt, wo er den Neonazi Ron Edwards auf seinem entlegenen Anwesen trifft. Dieser steht für den in Charlottesville in den Blick gerückten Teil der Unterstützer Trumps, die eine angebliche Überlegenheit der weißen Rasse behaupten.

In Wisconsin stellt Klingst die Beweggründe des frommen Pastors Mike Breininger vor, dem andere Dinge wichtig sind: das Verbot von Abtreibung und Homoehe, die Berufung konservativer Richter, ein starkes Militär und Privilegien für die Kirchen.

Differenziertes Bild

Klingst vermittelt ein differenziertes Bild der Trump-Wähler, das gewissermaßen die Typologie Emily Ekins’ vom libertären CATO-Institut mit Leben erfüllt, die so etwas wie der Goldstandard der Trump-Wählerforschung ist. Jeder, der besser verstehen möchte, warum der Präsident auch nach zwei Jahren noch fest im Sattel sitzt, sollte das kurzweilige Büchlein des ausgewiesenen USA-Kenners zur Hand nehmen. Es schließt eine wichtige Lücke in der deutschen Trump-Rezeption.

 

Trump ist nicht vom Himmel gefallen, 63 Millionen haben ihn gewählt
Seine Unterstützer lieben Trump aus unterschiedlichsten Beweggründen. (AFP)

Martin Klingst: "Trumps Amerika", Reclam Verlag, 158 Seiten, 13,40 Euro

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