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Kultur

Die Sexualität erwacht – und die Folgen sind verheerend

Von Lukas Luger   25. September 2017 00:04 Uhr

Die Sexualität erwacht – und die Folgen sind verheerend
Melchior (Lukas Watzl) und Wendla (Anna Rieser) erkunden ihre Sexualität.

Premiere von Wedekinds "Frühlings Erwachen" im Schauspielhaus.

Minderjähriger verführt Minderjährige, das Mädchen stirbt bei einer erzwungenen Abtreibung, der Bursch landet in der Erziehungsanstalt, weil er seinen besten Freund in die Geheimnisse der Sexualität einweiht und dieser kurz darauf wegen Schulproblemen Selbstmord verübt – bei seiner Uraufführung im Jahr 1891 verstörte Frank Wedekinds düsteres Adoleszenzdrama "Frühlings Erwachen" als zeitkritischer Aufschrei gegen repressive Moralvorstellungen. Und heute? Die Schockwirkung ist dem Stück weitgehend abhandengekommen, wie die Premiere der Inszenierung von Evgeny Titov am Samstag im Linzer Schauspielhaus demonstrierte.

Der Hauptgrund: Die Prämisse der sexuell unreifen Jugendlichen, die an der Heuchelei der Erwachsenen zerbrechen, funktioniert in Zeiten von Playboy und YouPorn kaum noch. Wenn Moritz (der einfühlsam spielende Markus Pendzialek) seinem Freund Melchior (blass in der Hauptrolle: Lukas Watzl) unter Tränen des Schams "männliche Regungen" beichtet, ein Klassenkollege sich geniert, weil er am Klo masturbiert, oder die von Melchior verführte Wendla (fantastisch: Anna Rieser als aufgeweckte Naive) von ihrer Mutter (Katharina Hofmann) einfordert, sie möge sie über den Beischlaf aufklären, dann provoziert dies beim Betrachter nicht Befremden über die fatalen Auswirkungen der verlogenen Einstellung einer Gesellschaft zu Sex und Erotik, sondern unfreiwillige Lacher.

Nicht ohne Reiz

Und doch ist Evgeny Titovs Inszenierung von "Frühlings Erwachen" nicht ohne Reiz. Der gebürtige Russe bringt den Dreiakter als rasantes, an eine flott geschnittene TV-Serie erinnerndes Drama auf die von Christian Schmidt minimalistisch gestaltete, zeitlich nicht eindeutig im Hier und Jetzt verortbare Bühne. Der Versuch, die bei Wedekind verhandelten Fragen nach Schuld, Sühne und Verantwortung aus ihrer Entstehungszeit, der Jahrhundertwende, herauszulösen, ist zwar evident, gelingt vor der Pause aber leider viel zu selten. Eine furios montierte Szenenfolge beherrscht den zweiten Teil. Wie besessen wandert der gebrochene Melchior alle Schauplätze noch einmal ab, während ihn Moritz in Form einer verstörenden Projektion aus dem Jenseits zum Suizid verführen will. Andere Charaktere haben diesen bereits gewählt, der Tod ist allenthalben. Und doch entscheidet er sich nach der Begegnung mit dem das Leben selbst repräsentierenden "vermummten Herrn" (Vasilij Sotke) für das Weitermachen. Eine leicht surreale, versöhnliche Gesangseinlage bleibt als beeindruckendes Schlussbild in Erinnerung.

Theater: "Frühlings Erwachen" von Frank Wedekind, Regie: Evgeny Titov, Premiere am 23.9., Schauspielhaus Linz

OÖN Bewertung:

 

Termine: 26./28./30.9., 5./16./17.10., 7./15./22.11.

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