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Kultur

Buch über radikale Denker - Interview mit dem Autor Philipp Blom

Von Lukas Luger   14. Oktober 2011 00:04 Uhr

Philipp Blom
Am Samstag diskutiert Historiker Philipp Blom in Gmunden.

Paris, wenige Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution: Im Salon des Barons d’Holbach treffen sich die größten Denker Europas, um ihre radikalen Ideen zu diskutieren. Der Historiker Philipp Blom hat in seinem Buch „Böse Philosophen“ ihre Geschichte niedergeschrieben. Am Samstag ist Blom bei den „Kulturvermerken“ in Gmunden zu Gast.

OÖN: Was machte große Denker wie Diderot, d’Alembert oder David Hume, die sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Salon von Baron d’Holbach trafen, in den Augen ihrer Zeitgenossen zu „bösen“ Philosophen?

Blom: Die Tatsache, dass sie explizite Atheisten waren. Das war damals etwas Böses, das sogar unter Todesstrafe stand. Der Titel geht aber natürlich darüber hinaus, weil er eine gewisse Ironie beinhaltet. Die eigentlich Bösen sind nämlich andere – und zwar Rousseau und Voltaire.

OÖN: In Ihrem Buch setzen Sie sich für eine Wiederentdeckung der radikalen Strömung der Aufklärung ein. Warum verdient ein Philosoph wie Denis Diderot im 21. Jahrhundert eine Rehabilitierung?

Blom: Was wir in der Schule gelernt haben, als Aufklärung zu sehen, ist einerseits der Kampf gegen den schlimmsten religiösen Obskurantismus und die absolutistische Willkür, andererseits ein gewisser Kult der Vernunft. Die Aufklärung, die wir als Aufklärung kennen, geht aber eigentlich nur die Hälfte des Weges.

OÖN: Inwiefern?

Blom: Wenn ich die Vernunft als Lebensziel sehe, stehe ich irgendwann vor dem Problem, dass ich an einem Körper hänge, der überhaupt nicht vernünftig ist. Ein Körper, der Impulse hat, der sich verliebt, der Schmerzen hat. Und dieser Körper passt nicht in die Vision des vernünftigen Menschen hinein. Radikale Denker wie Holbach oder Diderot haben argumentiert, dass es ein gottloses und sinnloses Universum sei, in dem wir leben. Aber dass wir diesem Leben eine Menge Schönheit und Sinn abgewinnen können. Und zwar, wenn wir solidarisch mit anderen Menschen leben. Ein Universum ohne Gott ist ein Universum ohne Sünde, ohne das Böse. Dann fällt auch die christliche Verdammung von Freude und Genuss weg. Den Gedanken, dass man nur fürs Jenseits lebt, haben diese Philosophen für pervers gehalten. Ihr Zugang zu Genuss, Lust und Eros ist nicht von christlichen Sündengedanken geprägt, sondern etwas Gutes. Wir sind nicht auf der Welt für die Vernunft.

OÖN: Warum haben aber dann, anstelle von Holbach und Diderot, Voltaire und Rousseau unser Bild der Aufklärung entscheidend geprägt und auf dem Aktienmarkt der historischen Reputation gesiegt?

Blom: Rousseau und Voltaire sind zwei vollkommen verschiedene Patienten. Voltaire hat die deistische, aber rationalistische Aufklärung geprägt, die sehr stark für eine soziale Hierarchie eintrat. Es durfte für ihn nicht zu weit mit dem Aberglauben gehen, aber ein bisschen Aberglauben ist nötig, um die Menschen dort zu halten, wo sie sind. Rousseau ist ein Vordenker der totalitären Diktatur, die im Namen der Güte des Menschen Geheimpolizei, Zensur und die Hinrichtung von Dissidenten fordert. Das waren zwei Denkmodelle, die hierarchische Gesellschaft der Oligarchen bei Voltaire, und Rousseaus vom Naturrecht geprägte Gesellschaft, die direkt in die Diktatur führt, mit denen das 19. und 20. Jahrhundert sehr gut leben konnten. Der Kapitalismus und die Diktaturen dieser Zeit brauchten Vordenker – und fanden Voltaire und Rousseau. Damals zementierten sich diese philosophischen Reputationen ein. Diderot forderte eine kompromisslose Neugründung unserer Gesellschaft, die viel stärker auf Solidarität baute und nicht auf Macht von oben nach unten.

OÖN: In welche Richtung zielte die gesellschaftspolitische Vision der Philosophen, die in Holbachs Salon diskutierten?

Blom: Das Ziel war ein säkularer Staat. Da sind sie sehr aktuell. Unsere Länder sind längst Integrationsländer geworden, ob wir das gut finden oder nicht. Ein Zusammenleben kann nur funktionieren, wenn wir uns auf gemeinsame Werte einigen können. Und das müssen säkulare Werte sein, weil man sich über religiöse Werte niemals verständigen kann. Insofern sind diese Vordenker einer radikal diesseitigen Gesellschaft, die ihre Prinzipien nur danach ausrichtet, wie man sich einander nicht schaden, sondern helfen kann, unglaublich modern. Das Ziel ist, eine Moral zu gründen, die nicht mehr von einem christlichen Körperbild, das Schmerz verherrlicht und die Lust verteufelt, ausgeht, und uns ermöglicht, erfüllte und solidarischere Leben zu leben. Es geht darum, nach der eigenen Kultur zu leben und nicht wider die eigene Natur. Und das haben aufregende Denker, die uns heute noch viel zu erzählen haben, schon vor 200 Jahren gemacht.

OÖN: Wo stecken die Denis Diderots von heute?

Blom: Gute Frage. Es gibt genug Menschen, die provokante Fragen stellen und die Welt auf eine andere Weise sehen. Aber denen hört man nicht immer zu. Die Ökonomie unseres Wissens hat sich verschoben. Damals war es möglich, in einem Salon eine Gruppe von Menschen, die kulturell einen großen Einfluss hatten, zusammenzubringen. Der Austausch des Wissens ist heute global und sehr von kommerziellen Gesichtspunkten geprägt. Grundlegende Debatten sind kaum noch möglich, das System ist heute viel diffuser. Es gibt viel mehr kleine Stimmen, die sich in bestimmten Gebieten zu Einzelfragen unterhalten. Aber eine große revolutionäre Stimme, die unser aller Leben verändert, gibt es nicht mehr.

OÖN: Was haben Sie für sich ganz persönlich aus der Beschäftigung mit den Aufklärungsphilosophen mitgenommen?

Blom: Ich finde ihr Denken wahnsinnig befreiend. Diderot zum Beispiel hätte gerne an Gott geglaubt. Er war in seiner Jugend sehr fromm, wollte Jesuit werden. Irgendwann hat er aber begriffen, dass sein Bedürfnis zu glauben etwas ist, dem er nicht nachgeben darf, weil es rational falsch ist. In jeder Philosophiestunde lernt man, wie wichtig es ist, die richtigen Fragen zu stellen. Aber niemand sagt einem, wie schwierig es ist, mit den Antworten, die man sich erarbeitet, zu leben. Vielleicht kommen sie auf Ergebnisse, die ihren ureigensten Instinkten, ihren Lebenseinstellungen gar nicht entsprechen. Den Mut zu finden, gegen sein Bauchgefühl anzudenken – das habe ich von Diderot mitgenommen.

 

Zum Buch:

Die Religion, die Macht der Politik, das Wesen des Menschen – die Fragen, die vor 200 Jahren im Pariser Salon von Baron d’Holbach von Denkern wie Diderot, Hume oder Rousseau diskutiert wurden, beschäftigen uns noch heute. Philipp Bloms Buch lässt das vorrevolutionäre Paris neu auferstehen, spannend wie ein Krimi. Ein faszinierendes Sittengemälde einer Zeit im Umbruch.

Philipp Blom: „Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung“ (Hanser, 400 Seiten, 24,90 Euro)
 

Kulturvermerke

Unter dem Titel „Mehr Licht“ widmen sich die „Oberösterreichischen Kulturvermerke“ im Stadttheater Gmunden noch bis Sonntag der immerwährenden Notwendigkeit der Aufklärung. Rainer Krispel etwa deutet heute um 17.30 Uhr „Punk als Aufklärung“. Philipp Blom gastiert morgen um 18 Uhr mit „Böse Philosophen“. Am Sonntag kümmert sich Franz Schuh um 17.30 Uhr um die Aufklärung über die Aufklärung. Info: www.kulturvermerke.at
 

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