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Ausgebuht: Dieser "Freischütz" ist kläglich gescheitert

Von Michael Wruss, 13. Juni 2018, 00:04 Uhr
Ausgebuht: Dieser "Freischütz" ist kläglich gescheitert
Andreas Schager als „Max“ und Alan Held als „Caspar“ Bild: APA

Musikalisch und inszenatorisch missglückte Staatsopern-Premiere von Carl Maria von Webers moralisierender Oper.

Das passiert selten, dass noch im Fallen des Vorhangs ein Buh-Orkan die Staatsoper durchweht und schon während der Premiere von Carl Maria von Webers "Freischütz" am Montag dieses akustische Mittel des Missfallens zum Einsatz gekommen ist. Schuld daran sind die Zweifel, die bei dieser Oper immer kommen, ob man Jungfräulichkeit, Mannbarkeitsprobe, Teufelspakt und pseudoreligiöses Erlösungsdenken so wie 1821 auf die Bühne bringen darf. Der einzige wirkliche Grund, der auch Regisseur Christian Räth eingefallen ist, ist die Bedeutung und Qualität der Musik. Weber beschreitet hier neue Wege und ist ein Vorreiter für die Romantik und das Musikdrama Wagners. Dass es aber darin auch Nummern gibt, die heute fast nicht ernsthaft realisierbar sind, nimmt man ebenso wie den ethisch moralisierenden Plot einer biedermeierlichen Gesellschaft in Kauf. Oder man krempelt das Ganze wie Christian Räth zur Unkenntlichkeit um.

So wird aus dem Jägerburschen Max, der sich durch einen Treffer seine Braut erschießen kann, ein Komponist, der in einer Schaffenskrise steckt und bei dem statt Ladehemmung eine Schreibblockade diagnostiziert wird. Und zwar von Dr. Caspar, der das rechte Mittelchen dagegen weiß. Und so verteilt das Böse in der Wolfsschlucht keine Freikugeln, sondern schwarze Notenblätter, die die fehlende Inspiration beseitigen sollen.

Allerdings war an diesem Konzept kein Mehrwert zu erkennen. Gary McCann hat zwar eine riesige Bühne zusammengezimmert, und doch passiert damit genauso wenig, wie der Regisseur ein Konzept für die Personenführung erkennen lässt. Dass der Eremit zum Schluss als Deus ex machina in einem Kristallluster vom Bühnenhimmel schwebt, mag der Tropfen gewesen sein, der für das Publikum das Fass zum Überlaufen brachte.

Buhs auch für das Ensemble

Das allerdings nicht nur für die szenische Umsetzung, sondern auch für die musikalische, für die Tomás Netopil verantwortlich war. Seine Lesart der Partitur übersieht die zahlreichen lyrischen Stellen beziehungsweise gibt diesen keinen Charakter und keine Klangfarbe. Aber auch das Ensemble musste ein paar Buhs einstecken, so Hans Peter Kammerer als wenig dämonischer Samiel und Alan Held als szenisch im Stich gelassener und stimmlich nicht begeisternder Caspar. Clemens Unterreiner (Cuno) und Adrian Eröd (Ottokar) waren eine Luxusbesetzung und doch irgendwie fehl am Platz. Daniela Fally fand als ergrautes Ännchen im schwarzen Hausanzug nicht ihren Platz und war auch stimmlich nicht die richtige Besetzung. So auch Camilla Nylund, die teilweise unter dem uninspirierten Dirigat zu leiden hatte. Albert Dohmen war ein feiner Eremit, während Gabriel Bermúdez als Kilian enttäuschte. Einzig Andreas Schager (Max) wurde vom Publikum mit Beifallsstürmen bedacht.

Die Frage nach der heutigen Bühnentauglichkeit des "Freischütz" hat die offensichtliche inszenatorische Unmöglichkeit weiter zementiert. Vielleicht doch nur mehr eine Oper fürs Klangmuseum.

Wiener Staatsoper: Premiere von Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz", 11. Juni

OÖN Bewertung:

 

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6  Kommentare
6  Kommentare
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kamip (57 Kommentare)
am 15.06.2018 22:28

Danke für diese Hinweise, dann brauche ich die Aufführung in der TV-Thek wohl nicht ansehen.

Ich schätze Hr. Wruss als Kritiker ganz besonders, aber seine aus dieser Vorstellung gezogenen Schlüsse über die Aufführbarkeit des Freischütz kann ich wirklich nicht nachvollziehen.
Wie steht es dann mit "Hänsel und Gretel"??

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observer (22.313 Kommentare)
am 14.06.2018 09:19

Es gibt Regisseure, die wollen nicht das Werk so aufführen, wie es gedacht war, sondern es modernisieren, weil sie sich selbst verwirklichen wollen und nicht imstande sínd von Grund auf was Neues zu schaffen. Und dann gibt es noch einen zweiten Grund. Oft kommen derartige Neuinterpretationen mit einem sehr reduzierten Bühnenbild aus, was die Kosten dafür immens reduziert. Das ist in Zeiten wie diesen auch ein Argument und auf diese Weise bleibt mehr Geld für andere Dinge, etwa wie für die Gagen der SängerInnen etc. etc. und vielleicht auch für die des Regisseurs.

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Freischuetz (3.154 Kommentare)
am 13.06.2018 23:14

Wer weiß, wer weiß -vielleicht wird aus dieser Freischütz Produktion noch ein Kult?

Beim Inszenieren vom "Freischütz" gibt es die Grundsatzüberlegung - "Abgrund hinter der Wald - und- Biedermeier Idylle im Jägerkostüm" oder "tiefenpsychologische Deutung im Hier und Jetzt"
Schön ist jedenfalls, dass man einen tollen österreichischen Tenor als Max hatte.

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mitreden (28.669 Kommentare)
am 14.06.2018 09:09

dann sollte es aber auch ein Psychologe inszenieren und kein Dilettant.

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mitreden (28.669 Kommentare)
am 13.06.2018 09:11

Seltsam. Warum sollte man den Freischütz nicht aufführen - wegen Verstaubung oder wie?
Ich habe schon sehr gute Inszenierungen gesehen.
Genau so gut könnte man sagen, dass die Zauberflöte oder der fliegende Holländer nicht mehr aufführbar sind.
Aber das kommt davon, wenn Märchen unbedingt in die "Neuzeit" vermodernisiert werden müssen.

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scansafatiche (709 Kommentare)
am 13.06.2018 14:09

Auch ich stelle mir die vielleicht etwas naive Frage: warum darf eine Oper nicht ein meisterhaft vertontes Märchen sein? warum muss die Handlung unbedingt in die heutige Zeit transportiert werden und sozialkritisch sein und irgendwelche Missstände anprangern?
Es scheint, der schlimmste Vorwurf, den man einer Inszenierung heutzutage machen kann, ist "gefällig" zu sein. Um Gottes Willen, man darf sich bei einer Opernaufführung doch nicht einfach unterhalten, nein, das Publikum muss kritisches Bewusstsein lernen, muss "erzogen" werden-so scheinen manche Regisseure zu denken.

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