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Kultur

Auch Erwachsene brauchen Märchen mit Happy End

Von Claudia Riedler   23. Dezember 2017 00:04 Uhr

Auch Erwachsene brauchen Märchen mit Happy End
Sich gegenseitig Märchen vorzulesen, hat eine besondere Qualität.

In den Raunächten sind die Menschen besonders offen für die alten Geschichten. Plus: Ein Weihnachtsmärchen zum Vorlesen.

"Märchen waren ursprünglich gar nicht für Kinder gedacht. Sie waren ein Mittel, um Legenden weiterzutragen. Erst später – mit den Gebrüdern Grimm – wurden sie zum Erziehungsinstrument", sagt Isabella Farkasch, Märchenautorin aus Klosterneuburg. Auch heute bräuchten Erwachsene Geschichten, die zuversichtlich stimmen. Vor allem in schwierigen Zeiten. "Mit den Märchen kommt man zur Ruhe, das Herz wird erfüllt."

"Das Leben ist ein Märchen, unser Happy End schreiben wir uns selbst", lautet Nina Stögmüllers Leitspruch. Die selbsternannte "Märchenfee" aus Linz weiß, wie offen auch Erwachsene für Märchen sind. "Im Märchen ist alles möglich und im Märchen gibt es ein Happy End. Das lieben nicht nur Kinder, sondern auch die Erwachsenen."

Denn: Märchen würden viel Lebensweisheit enthalten, "die ganz subtil daherkommt und uns berührt, ohne dass wir wissen, warum das so ist", sagt Märchenerzählerin Helga Graef aus Unterach. "Da kann man sich auch viele Lösungen für das eigene Leben herausholen." Wichtig sei aber, dass man Zeit habe und sich darauf einlasse, sonst wirken die Geschichten nicht.

"Besonders zur Zeit der Raunächte sind wir offener für die alten Geschichten", sagt Graef. Die Raunächte stehen für eine Zeit, die vielen von uns heilig ist. Es ist die Weihnachtszeit, die Zeit zwischen 24. Dezember und 6. Jänner.

"Es heißt, dass in den Raunächten die Türen zwischen Himmel und Erde weiter offen stehen als sonst und es nun leichter möglich ist, einen Blick in die Zukunft zu werfen, oder man könnte auch sagen, hinter den Schleier zu blicken. Diese Zeit galt schon immer als magisch. Es heißt auch, dass zu Weihnachten die Tiere um Mitternacht sprechen", sagt Stögmüller. "Die Geschichten der Raunächte haben eine besondere Kraft, weil in ihnen etwas Ursprüngliches steckt."

Egal ob Erzählen, Vorlesen oder Selberlesen – jede Art, Märchen zu konsumieren, ist wertvoll. "Die Märchen haben den Vorteil, dass sie nicht so lang sind, das schafft man auch zwischendurch", sagt Farkasch. Ihre Empfehlung: Lesen sie sich gegenseitig die Geschichten vor, am besten vor dem Einschlafen.

Nina Stögmüller

Nina Stögmüller
Nina Stögmüller

Die Linzer Autorin hat viele Lieblingsmärchen „und ständig kommen neue dazu“. Nina Stögmüller (45) liest aber nicht nur Märchen. Seit mehr als 20 Jahren schreibt sie märchenhafte Geschichten. Ihre Bücher „Raunächte erzählen“, Mein Raunächtetagebuch“ und „Adventkalender erzählen“ sind allesamt im Anton-Pustet-Verlag erschienen. Ihre besten Geschichten zum Einschlafen hat Stögmüller in dem Buch „Schäfchen (er)zählen“ zusammengefasst. Vorlesetermine: www.diemaerchenfee.at

 

Isabella Farkasch

Isabella Farkasch
Isabella Farkasch

 

„Traumhaft schöne Märchen für Erwachsene“ erzählt Isabella Farkasch aus Klosterneuburg in ihrem aktuellen Buch „Zur Nacht“ (Goldegg-Verlag). Dabei geht es um Geschichten, die beim Einschlafen helfen sollen. Die Künstlerin und Bühnenbildnerin beschäftigt sich schon lange mit Märchen und schreibt diese auch selbst. „Dabei entdeckt man Dinge, die in einem wohnen. Ich bin selbst immer wieder überrascht von den Geschichten“, sagt sie. Wer mehr erfahren möchte, schaut auf creativelife.at

 

Helga Graef

Helga Graef
Helga Graef

„Um die Weihnachtszeit, wenn es draußen kalt und dunkel ist, haben Menschen sich schon immer Geschichten erzählt“, sagt Märchenerzählerin Helga Graef aus Unterach. Sie lädt am 27. Dezember, 19 Uhr, zu einem Märchenabend für Erwachsene, in der Bandlkramerey (Tostmann) in Seewalchen. Besonders die Raunächte spielen hier eine Rolle, etwa wenn sie vom „Ausgeblasenen Licht“ erzählt. Zu den Geschichten gibt’s Harfenbegleitung von Rafael Berger. Anmeldung: www.brot-und-leben.at

 

Weihnachtsmärchen zum Vorlesen:

Wichtel Edeke und das Weihnachtswunder

Warum gibt es eigentlich immer weniger Weihnachtswunder?", fragte der kleine Wichtel Edeke im Wichtelunterricht. Die Wichtelklasse nahm nämlich gerade die Geschichte der Weihnachtswunder durch.

"Wichtel Edeke, hast du in der letzten Stunde nicht aufgepasst? Da haben wir doch gelernt, warum das so ist", entgegnete Frau Smörre die Wichtellehrerin. Edeke dachte nach. "Nein, Frau Smörre, da habe ich gefehlt, da hatte mein Elch Karl die Weihnachtsgrippe."

"Nun gut, dann wiederhole ich für dich noch einmal, wie ein Weihnachtswunder entstehen kann und warum es heutzutage nur noch so wenige davon gibt auf der Erde, oder noch besser, jemand von euch Wichtelkindern erzählt Edeke etwas darüber."

Viele kleine Wichtelkinderhände streckten sich Frau Smörre entgegen. "Ich, ich, ich…", riefen die Wichtelkinder. Frau Smörre entschied sich für das Wichtelmädchen WullaWulla. Es fuchtelte besonders heftig beim Aufzeigen herum und platzte schon fast vor Erzähldrang.

WullaWulla drehte sich zu Edeke um und begann: "Also Edeke, das ist so, ein Weihnachtswunder ist nur dann ein echtes Weihnachtswunder, wenn ein Mensch es auch erkennt. Die Wunder fangen immer ganz klein an und können dann mit der Zeit – wenn sie erkannt werden – immer größer werden. Und noch etwas, die Menschen müssen die Wunder selbst erkennen, wir Wichtel dürfen da nicht nachhelfen."

"Ja und warum erkennen die Menschen die Weihnachtswunder nicht?", fragte Edeke.

Frau Smörre versuchte zu erklären: "Weil viele Menschen auf der Erde blind geworden sind für die kleinen Dinge und Wunder des Lebens und ihre Herzen dafür verschlossen haben, ohne es zu wissen."

Wichtel Edeke rutschte unruhig auf seinem Holzsessel herum, er wollte unbedingt etwas für die Verbesserung der Weihnachtswunder tun.

"Frau Smörre, wir fliegen ja morgen auf die Erde zu den Menschen, darf ich es versuchen, mit einem kleinen, einfachen Weihnachtswunder?"

"Aber natürlich!" Frau Smörre lächelte. "Dafür sind wir Wichtel ja da!"

Am nächsten Tag flog die Wichtelklasse mit dem großen Schulschlitten zur Erde. Jedes Wichtelkind durfte sich zum Weihnachtswunder-Üben ein Menschenkind aussuchen. Bei den Kindern geht es grundsätzlich noch einfacher, sie glauben noch eher an ein Wunder als die Erwachsenen.

Edeke entschied sich für den kleinen Florian. Der mühte sich gerade damit ab, einen Schneemann zu bauen. Da es jedoch nicht besonders viel Schnee gab, sah der Schneemann, den er gebaut hatte, ziemlich armselig aus. Traurig stand der Junge in seinem Garten und murmelte vor sich hin: "Ach wenn es doch mehr Schnee gäbe diesen Winter, dann könnte ich einen viel schöneren und viel größeren Schneemann bauen!"

Als Wichtel Edeke das hörte, kam ihm eine Idee für sein erstes Weihnachtswunder. Edeke nahm sein kleines Wunderbuch zur Hand, schlug unter "Schnee" nach und fing gleich damit an, eine dicke, fette Schneewolke zu basteln. Als er damit fertig war, hing die Wolke genau über dem Garten von Florians Haus.

Edeke klatschte drei Mal in die Hände und schon fing es an zu schneien. Nach ungefähr drei Stunden war die Wolke leer geschneit und der Garten mit einem halben Meter Schnee bedeckt.

Alle Kinder der Straße kamen nun gelaufen und bestaunten die ungewöhnliche Schneepracht in Florians Garten. Gemeinsam bauten sie einen großen Iglu und jede Menge Schneemänner. Eine wilde Schneeballschlacht ging sich schließlich auch noch aus.

Florian war überglücklich, sein Garten glich einem Schnee-Skulpturen-Park. Ganz laut und deutlich sagte der Junge nun etwas, was unseren Wichtel Edeke sehr, sehr freute: "Das muss ein Weihnachtswunder sein! So viel Schnee hatten wir zu Weihnachten ja noch nie!"

Florian hatte das "kleine" Weihnachtswunder erkannt. Und jetzt stand einem noch größeren Wunder nichts mehr im Wege.

Ein Märchen von Nina Stögmüller aus dem Buch "Adventkalender erzählen", erschienen im Verlag Anton Pustet.

 

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