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Wirtschaft

Spieler klagen Online-Casinos in Österreich auf 100 Millionen Euro

Von Sigrid Brandstätter  21. Oktober 2021 00:04 Uhr

Spieler klagen Online-Casinos in Österreich auf 100 Millionen Euro
Online-Wettanbieter sind wichtige Sportsponsoren, ihr Glücksspiel-Angebot ist dagegen in Österreich verboten.

LINZ / WIEN. Vertrackte Lage: Anwälte gewinnen Prozesse, weil laut Gesetz Online-Glücksspiele illegal sind – dennoch kassiert Staat Steuern von den Anbietern

Mit Bet-at-home hat ein großer Anbieter im heimischen Online-Glücksspielgeschäft angekündigt, Teile des Geschäfts in Österreich vorläufig ruhend zu stellen. Wir erklären die Hintergründe und warum derzeit die Chancen für Spieler gut sind, mit Klagen gegen Anbieter durchzukommen.

  • Wieso zieht sich Bet-at-home vom Online-Glücksspiel in Österreich zurück?

Das Unternehmen mit oberösterreichischen Wurzeln hat einen Fall bis zum Obersten Gerichtshof (OGH) gebracht und diesen im September verloren. Der OGH hat bestätigt, dass die von den Online-Glücksspielanbietern reklamierte Dienstleistungsfreiheit am heimischen Glücksspiel-Monopol seine Grenzen hat. Mehrere ähnlich lautende Verfahren wurden von diversen Anbietern angestrengt, alle gingen gleich aus – auch unter Einbindung des EuGH. Seit zwei Jahren häufen sich Klagen, die das Österreich-Geschäft in die Verlustzone gedrückt haben. Darum zieht Bet-at-home die Notbremse.

  • Was genau ist verboten?

Die Anbieter dürfen zwar Sportwetten anbieten, aber Glücksspiel ist nicht durch eine Lizenz gedeckt. Und das Finanzministerium lässt keinen Zweifel daran, dass es auch in Zukunft keine solchen Lizenzen vergeben wird. Damit kassiert der Staat Steuern von Einnahmen, die es gar nicht geben dürfte. Und zwar zuletzt 50 bis 60 Millionen Euro pro Jahr.

  • Wieso kann ich meine Spielverluste plötzlich einklagen?

Weil findige Rechtsanwälte ein Geschäftsmodell entdeckt haben. Sie werben (online) damit, dass man Spielverluste bei Online-Casinos rückfordern kann. "Die Fälle sind alle zu gewinnen. Die Anwälte müssen nur zu den Klienten kommen", heißt es von Kennern. Die Anbieter verlieren, weil sie zwar eine EU-Lizenz haben (womöglich aus Malta oder Gibraltar), aber keine österreichische. Derzeit dürften hunderte Klagen mit einem Klagswert von mehr als 100 Millionen Euro anhängig sein. Die hohe Summe ist plausibel: Allein Bet-at-home hat aktuell Rückstellungen von 24,6 Millionen Euro aus diesem Grund angekündigt.

  • Welchen Teil des Marktes treffen die Klagen?

Der einzige Anbieter mit Lizenz ist die Casinos Austria-Tochter Win2day. Nur gegen dieses Unternehmen wird nicht geklagt. Win2day dürfte einen Marktanteil von gut einem Drittel haben. Der Rest teilt sich auf mehr als 200 Anbieter, wobei die großen Bwin, Bet-at-home, Mr. Green und Interwetten sind. Sie alle bewerben ihr erlaubtes Sportwettengeschäft, bieten aber bisher auch Online-Poker, Casino und Slots (vergleichbar mit einarmigen Banditen) an.

  • Was könnte die angekündigte Änderung des Glücksspielgesetzes bringen?

Auf jeden Fall keine Liberalisierung. Dagegen treten die Grünen ein, die sich sogar ein Werbeverbot auch für Sportwetten vorstellen könnten. So weit will die VP nicht gehen, weil viele Sportvereine damit Bandenwerbung verlieren könnten. Geplant ist eine weisungsfreie Glücksspielbehörde, in die Aufsicht und Konzessionsvergabe ausgelagert würden – und die oftmals kritisierte Mehrfachzuständigkeit des Finanzministeriums (BMF) auflösen würde. Laut BMF sind die Gespräche zur Behörde abgeschlossen. Weil der Rest des Pakets nicht fertig verhandelt ist, hängt auch das in der Luft.

  • In vielen Ländern gibt es Internet-Sperren damit nicht online illegal gespielt werden kann. Ist das angedacht?

Ja, Geo-Blocking soll Aufgabe der Behörde werden.

  • Können jetzt illegale Anbieter auf Legalisierung hoffen?

Nicht wirklich. Sie fordern ein Lizenzmodell, wie es in 24 der 27 EU-Mitgliedsländern vorhanden ist. Für sie ist das Monopol "aus der Zeit gefallen". Sie sehen sich als seriöse Anbieter, die "höchste Spielerschutz-Standards" einhielten. Sie warnen, wegen undifferenziertem Geo-Blocking würde das Geschäft Richtung asiatischer oder karibischer Anbieter abwandern – ohne Spielerschutz und Rückforderungsmöglichkeit von Spielverlusten.

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Artikel von

Sigrid Brandstätter

Redakteurin Wirtschaft

Sigrid Brandstätter
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