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Stiglitz: „Der US-Dollar hat sich nicht als guter Wertspeicher erwiesen“

Von Von Bernhard Bartsch aus Peking, 19. April 2010, 08:34 Uhr
Nobelpreisträger Joseph Stiglitz
Nobelpreisträger Joseph Stiglitz fordert effektive Reformen der Finanzmärkte ein. Bild: epa

Die Weltwirtschaft stehe zwar „nicht mehr direkt am Abgrund“, aber es gebe noch eine Reihe von Problemen zu lösen. Vor allem bei der Regulierung der Finanzmärkte sei noch nicht allzu viel geschehen, sagt Stiglitz im OÖN-Interview.

OÖN: Professor Stiglitz, ist die Krise vorbei oder nur unter einem Haufen  Geld vergraben?

Joseph Stiglitz: Die Krise ist noch nicht vorbei. Wir stehen zwar nicht mehr  direkt am Abgrund, aber es gibt noch eine Menge Probleme. In den USA haben  wir immer mehr Zwangsvollstreckungen, zunehmende Schwierigkeiten auf dem  Markt für Gewerbeimmobilien und große Finanzsorgen in den Staaten und  Kommunen. In Europa erleben wir gerade die Griechenlandkrise und müssen  befürchten, dass Ähnliches noch in anderen Ländern passieren könnte.

OÖN: Obwohl die Ereignisse der vergangenen anderthalb Jahre oft als  „Jahrhundertkrise“ bezeichnet werden, können wir also nicht davon ausgehen,  dass wir für die nächsten hundert Jahre wieder einigermaßen sicher sind.

Stiglitz: Genau, eine Krise ist nie eine Versicherung gegen die nächste  Krise. Dass wir seit der Großen Depression viele Jahrzehnte lang relative  Stabilität hatten, lag einzig und allein daran, dass die Menschen damals die  richtigen Lehren gezogen und die Wirtschaft effektiv reguliert haben.

OÖN: Ziehen unsere Politiker denn heute die richtigen Lehren?

Stiglitz: Leider ist bei der Reform der Finanzmärkte noch nicht viel  passiert. Dabei hat die Krise eindeutig gezeigt, dass der Finanzsektor seine  volkswirtschaftliche Funktion nicht erfüllt hat: Er soll Risiko  kontrollieren, nicht kreieren. Er soll Kapital an der richtigen Stelle  bereitstellen, nicht damit zocken. Er soll effiziente Zahlungsmechanismen  einrichten, anstatt sich an horrenden Gebühren zu bereichern. Aber obwohl  das Finanzsystem rundherum versagt hat, arbeitet es in den USA im Grunde  noch genau so wie vor der Krise. Die Europäer sind in ihrer Diskussion zwar  schon weiter, aber auch noch weit vom Ziel entfernt.

OÖN: Wie müsste denn eine stabile globale Finanzarchitektur aussehen?

Stiglitz: Es gibt zwei zentrale Reformansätze. Erstens brauchen wir eine  globale Reservewährung. Bisher basiert unsere Finanzarchitektur auf dem  Dollar, aber der hat sich nicht als besonders guter Wertspeicher erwiesen  und wird sicherlich nie wieder die gleiche Rolle spielen wie in der  Vergangenheit. Zweitens müssen wir unsere Märkte wieder besser regulieren.  Vor der Krise war ja viele Jahre Deregulierung in Mode: Man glaubte an  Liberalisierung, ungehinderte Marktkräfte und offene Finanzmärkte. Heute  wissen wir, wie falsch das war. Regulierung spielt für eine gut  funktionierende Wirtschaft eine ganz entscheidende Rolle, und damit sie  wirklich effektiv ist, müssen wir sie global koordinieren.

OÖN: Sie glauben also, dass die ganze Welt sich auf gemeinsame Regeln für  Banken, Versicherungen, Aktienmärkte und Finanzströme einigen kann?

Stiglitz: Natürlich ist das sehr schwierig – und wenn sich heute  ausgerechnet im Finanzsektor viele für eine globale Regelung einsetzen,  liegt das sicher nicht zuletzt daran, dass sie im Stillen darauf hoffen,  dass es ohnehin nie dazu kommen wird. Aber man muss ja nicht gleich alles  gemeinsam beschließen. Praktikabler ist es, wenn jedes Land erst einmal  seine eigenen Regeln verabschiedet, so wie es das zum Schutz seiner  Wirtschaft und Bevölkerung für notwendig hält. Hinterher kann man das dann  international harmonisieren und zu einem einheitlichen Rahmenwerk  zusammenfügen.

OÖN: Bedeutet das nicht einen Rückschritt: mehr nationale Alleingänge,  weniger internationale Zusammenarbeit?

Stiglitz: Nein, das bedeutet, dass sich die Globalisierung verändert:  Natürlich wird der freie Verkehr von Finanzprodukten beeinträchtigt werden  und Länder werden in Zukunft sehr viel vorsichtiger sein, welche  Finanzprodukte aus anderen Ländern sie zulassen. Aber das ist eine gute  Sache – wir haben ja gesehen, wozu es führt, wenn giftige Hypotheken  unkontrolliert über Landesgrenzen hinweg gehandelt werden können.

OÖN: Wie viel Zeit dürfen sich unsere Regierungen für diese Reformen  lassen?

Stiglitz: Wenn es so langsam weitergeht wie derzeit in den USA, werden wir  wahrscheinlich noch eine weitere Krise erleben müssen, bevor wir uns zu  grundlegenden Reformen durchringen. Der nächste Einbruch kann in fünf Jahren  kommen oder in 15 - aber ich hoffe inständig, dass wir nicht bis dahin  warten werden.

OÖN: Während die westlichen Industrienationen sich nur langsam von der  Krise erholen, hat China bereits wieder zweistellige Wachstumsraten. Ist die  Volksrepublik der Gewinner der Krise?

Stiglitz: In einer Krise, die global so viel Bruttoinlandsprodukt  vernichtet, gibt es keine Gewinner. Aber es hat sich gezeigt, dass China die  Krise besser gemanagt hat als wohl jedes andere Land. Deswegen geht die  Volksrepublik aus der Krise mit neuem Selbstbewusstsein hervor.

OÖN: Was haben die Chinesen besser gemacht als wir – und was können wir  von ihnen lernen?

Stiglitz: Zunächst einmal muss man feststellen, dass China und der Westen  auf ganz unterschiedlichen Entwicklungsstufen stehen und deshalb nicht so  ohne weiteres zu vergleichen sind. China ist eine Wirtschaft mit niedrigen  Einkommen, die sich noch in einer Übergangsphase zur Marktwirtschaft  befindet. Aber eine Sache, die man in China offensichtlich besser verstanden  hat als im Westen, ist die Bedeutung von Regulierung. Ist es nicht ironisch,  dass wir die Chinesen jahrelang gewarnt haben, ihrem Finanzsystem drohe der  Kollaps, wenn sie es nicht nach unserem Vorbild reformieren – und am Ende  sind wir selbst zusammengebrochen? Eine weitere Lehre, die man aus Chinas  Erfolg ziehen kann, ist, die wichtige Rolle des Staats bei der Förderung von  Industrie, Innovationen und Bildung. Zumindest für Entwicklungsländer stellt  China damit durchaus ein Modell dar.

OÖN: Allerdings ist höchst umstritten, ob dieses Modell tatsächlich  langfristig stabil ist. China kämpft mit gewaltigen Umweltproblemen,  grassierender Korruption und wachsenden sozialen Spannungen.

Stiglitz: Ich sehe bei Chinas Wachstumsmodell vor allem zwei Probleme. Das  eine ist in der Tat die Umwelt. Das hat die Regierung auch erkannt und ein  sehr ehrgeiziges Umweltschutzprogramm aufgelegt. Ich traue ihr zu, dass sie  damit Erfolg haben wird. Die größere Herausforderung ist die Transformation  von einer exportorientierten Wirtschaft zu etwas anderem. In den letzten 30  Jahren has das Exportmodell gut funktioniert, aber je größer Chinas  Marktanteil wird, umso schwieriger wird es, das Wachstum zu halten, zumal in  einem Umfeld mit schwachem Wachstum in Europa und Amerika. Auch dieses  Problem hat China erkannt. Wir sollten deshalb davon ausgehen, dass Chinas  Rolle in der Welt unvermeidlich größer werden wird. Die Volksrepublik ist ja  schon heute die zweit- oder drittgrößte Volkswirtschaft, und damit wird sie  auch ein größeres Mitspracherecht haben, nach welchen Regeln die  Weltwirtschaft funktioniert.

OÖN: Für China sind das gute Aussichten, für den Westen nicht unbedingt.  In den USA und Europa symbolisiert die Volksrepublik für viele Menschen die  Ängste, die sie mit der Globalisierung verbinden. Ist das gerechtfertigt?

Stiglitz: Diese Ängste zeigen zweierlei: Erstens gibt es eine große  Verunsicherung darüber, nach welchen Regeln die Welt künftig funktionieren  wird. In den letzten Jahrhunderten war es der Westen, der die Regeln  bestimmt hat, und er hat sie so geschrieben, wie es seinen Interessen  entsprach. In der neuen Welt geht das nicht mehr, da werden Entscheidungen  zunehmend multipolar getroffen. Kein Wunder, dass darüber im Westen viele  unglücklich sind. Zweitens hat die Globalisierung dazu geführt, dass die USA
und Europa in vielen Bereichen ihre Wettbewerbsvorteile verloren haben. Das  führt zu Umbrüchen in unserer Wirtschaft und Gesellschaft, die sehr  schwierig sind. Wir sollten aber nicht so tun, als wären wir die ersten und  einzigen, denen etwas derartiges widerfährt. Man braucht nur in die  Geschichte zu schauen: Vor 1820 hat Indien Textilien nach England  exportiert, dann haben die Engländer diverse Handelsgesetze erlassen und  ihre Militärmacht genutzt, um Indien einzuschränken – mit dem Ergebnis, dass  Indien anfangen musste, Textilien aus Großbritannien zu importieren. Das war  für Indien damals ein dramatischer Wechsel und hat zur Verarmung des Landes  beigetragen. Inzwischen ist es wieder andersherum, wobei die Veränderung  diesmal nicht von Politik oder Militär ausgegangen sind, sondern von  Marktkräften. 

OÖN: In ihrem neuen Buch “Im freien Fall” schreiben sie, die Welt brauche  nicht nur eine wirtschaftliche und politische Erneuerung, sondern auch eine  moralische. Eine pastorale These für einen Ökonomen.

Stiglitz: Es ist doch offensichtlich, dass der Finanzsektor nicht nur unsere  Wirtschaft verzerrt hat, sondern auch unsere Werte. Die Gier hat völlig  inakzeptable Ausmaße angenommen. Es ist einfach nicht richtig, wenn Banken  wie in den USA die Ärmsten mit Kreditkarten dazu verführen, sich Dinge zu  kaufen, die sie sich nicht leisten können. Und wir geben jungen Menschen  nicht die richtigen Anreize, wenn man als Banker mit dem Verkauf von  schlechten Finanzprodukten ein Vielfaches von dem verdient, was  Wissenschaftler, Ärzte oder Lehrer für Arbeit von viel höherem  gesellschaftlichem Nutzen bekommen. Geld ist zum Maßstab für richtig und  falsch geworden. Deswegen brauchen wir dringend eine Debatte darüber,  inwieweit wir der Wirtschaft weiterhin erlauben wollen, unsere Gesellschaft  zu prägen – und inwieweit es umgekehrt sein sollte.


ZUR PERSON
Joseph Stiglitz, 67, zählt zu den einflussreichsten Ökonomen unserer Zeit.  Der US-Amerikaner war Wirtschaftsberater von Präsident Bill Clinton und von  1997 bis 2000 Chefökonom der Weltbank – ein Posten, den er aus Protest gegen  die Vergabekriterien von Hilfsgeldern an Drittweltländer verließ. 2001  erhielt er für seine Forschung zu asymmetrischen Marktinformationen den  Nobelpreis. Stiglitz, der an der Columbia University in New York lehrt, trat  zuletzt als scharfer Kritiker der Wirtschaftspolitik von US-Präsident Barack  Obama in Erscheinung. In seinem neuesten Buch, „Im Freien Fall“, analysiert  er die Ursachen und Lehren der Finanzkrise.

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