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Wirtschaft

Der Milchmarkt steht vor dem Umbruch

Von Josef Lehner   02. April 2014 00:04 Uhr

Milchbauern und Molkereien haben nur noch ein Jahr Schonfrist
Erfolgspotenzial: gentechnikfreie, großteils im Bergland produzierte Milch

WIEN/BRÜSSEL. Derzeit hat jeder Milchbauer in der EU Höchstmengen, die er in den Markt liefern darf. In genau einem Jahr wird die EU die Milchproduktion freigeben. Welche Konsequenzen das haben wird, lesen Sie in den OÖNachrichten.

Am Dienstag hat in der Europäischen Union das letzte Jahr des geregelten Milchmarktes begonnen. Ab 1. April 2015 werden Bauern so viel Milch in den Markt liefern dürfen, wie sie wollen. Was wird vor dieser Marktöffnung noch passieren und welche Konsequenzen wird sie haben?

1 Was wird sich für die Konsumenten ändern?

In der Öffentlichkeit wird das Ende der Milchquoten nicht direkt erkennbar sein. Es werden sich aber die Milchmenge und das Angebot am Markt erhöhen. Ob deshalb die Preise sinken werden, ist nicht klar, weil die Nachfrage nach Milch international weiterhin groß ist. Aus diesem Grund ist es im Jahr 2013 zu Preiserhöhungen für die Bauern und bei den Endprodukten im Handel gekommen.

2 Sind die Bauern auf das Ende der Mengenbegrenzung vorbereitet?

Derzeit hat jeder österreichische Milchbauer eine garantierte Menge, die er pro Jahr an seine Molkerei liefern darf. Überschreitet er diese Quote, muss er an die EU eine sogenannte Superabgabe zahlen. Die Landwirte haben sich in den vergangenen Jahren schon auf die Marktöffnung vorbereitet und in größere Ställe und Kuhbestände investiert. Sie erhoffen sich damit, wettbewerbsfähig zu erzeugen. Das hat aber bewirkt, dass sie ihre Quoten überschritten haben. Im Jahr 2012/13 haben Österreichs Milchbauern daher 28,7 Millionen Euro Superabgabe an die EU leisten müssen; im eben ausgelaufenen Milchwirtschaftsjahr dürfte ihnen noch mehr vom Milchgeld abgezogen werden.

3 Ist die Molkereiwirtschaft in Österreich vorbereitet, die höheren Mengen zu verarbeiten und auch zu verkaufen?

"Wir erwarten eine höhere Milchmenge und haben uns darauf seit Jahren vorbereitet", sagt Josef Braunshofer, der Generaldirektor des größten Verarbeiters, der Berglandmilch-Genossenschaft ("Schärdinger"). Dafür seien pro Jahr 30 Millionen Euro in Anlagen investiert worden, mit den Schwerpunkten Käse und Export. "Die Märkte in Österreich und der EU sind gesättigt. Da sind Mehrmengen nur über Verdrängung unterzubringen. Deshalb bearbeiten wir verstärkt Nord- und Mittelamerika, Nordafrika und auch China. Unsere Strategie ist, nicht Rohmilch zu vermarkten, sondern veredelte Produkte, um eine hohe Wertschöpfung für unsere bäuerlichen Eigentümer zu erzielen." Die Genossenschaften müssen handeln, weil ihre bäuerlichen Eigentümer eine Abnahmegarantie haben. Auch die anderen Molkereien haben groß investiert, etwa Gmundner Milch. Alpenmilch und Käsehof Salzburg verschmolzen und bauen um 45 Millionen Euro ein Käsezentrum.

4 Ist die österreichische Milchwirtschaft gegen Großbetriebe in Norddeutschland oder Holland wettbewerbsfähig?

Auch die internationalen Riesen wachsen weiter. Das Deutsche Milchkontor (DMK) mit Sitz in Bremen hat den Umsatz 2013 von 4,4 auf 5,3 Milliarden Euro gesteigert. Das ist mehr als doppelt so viel, als alle österreichischen Milchbetriebe umsetzen. Vergleich Berglandmilch: 900 Millionen Euro (nach 853 Millionen 2012). Österreich muss schon 40 Prozent seines Milchumsatzes im Ausland machen, um die Produktion der Bauern zu vermarkten. Das DMK wird vom ehemaligen Schärdinger-Chef Josef Schwaiger geleitet. Sein Kommentar: "Während der Absatz weltweit zulegt, sinkt der Verbrauch in Deutschland und Europa. Deshalb brauchen wir neue Märkte." Die österreichischen Exporterfolge beweisen, dass es gelingt: 2013 stieg der Exportwert um 8,1 Prozent, jener in Drittländer sogar um 22,5 Prozent.

5 Was ist das Erfolgspotenzial österreichischer Milchprodukte?

Von den Größenstrukturen sind Österreichs Bauern und Molkereien benachteiligt. "In der naturnahen Produktion sind wir Spitze", sagt Josef Braunshofer. Österreich produziere flächendeckend Milch von gentechnikfrei gefütterten Kühen. Sie komme aus bäuerlichen Familienbetrieben. Österreichs Milch unterscheide sich damit von Massenware. 70 Prozent der Milch kommt aus dem Bergland. Die Tierschutzstandards sind überdurchschnittlich.

 

Milchkennziffern

Quotensystem: Österreichs B Bauern haben 2012/13 2,9 Millionen Tonnen Milch produziert, um gut 100.000 oder vier Prozent mehr, als ihnen die EU an Quote eingeräumt hat. EU-weit wurde die Quote sechs Prozent unterschritten.

Milchproduktion Österreich: 2,964.000 Tonnen, 527.000 Kühe, 34.300 Milchbauern, gut 15 Kühe je Milchbauer, 83.400 Kilogramm Milchkontingent im Schnitt pro Bauer, 6400 Kilo Milchleistung pro Kuh und Jahr. Milchexport 2013: 1,13 Milliarden Euro.

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