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Wirtschaft

"Aus wirtschaftlicher Sicht geht es Deutschland so gut wie noch nie"

Von Hermann Neumüller   18. März 2016 00:04 Uhr

"Aus wirtschaftlicher Sicht geht es Deutschland so gut wie noch nie"
Deutscher "Wirtschaftsweise" Lars Feld

LINZ. Ökonom Lars Feld sieht aber ungelöste Probleme auf europäischer Ebene.

Das wirtschaftlich starke Deutschland könne mit großer Zuversicht die anstehenden Probleme angehen, etwa die Flüchtlingskrise, sagt Ökonom Lars Feld, Mitglied des deutschen Sachverständigenrates, im Gespräch mit den OÖNachrichten.

 

OÖN: Deutschland schien in den vergangenen Monaten konjunkturell etwas an Fahrt zu verlieren. Wie sieht es aus Ihrer Sicht aus?

Lars Feld: Aus wirtschaftlicher Sicht geht es Deutschland so gut wie noch nie. Wir können die Probleme, die vor uns liegen, mit Zuversicht angehen. Nächste Woche wird der Sachverständigenrat seine aktualisierten Eckdaten vorlegen. So viel kann ich schon sagen: Wir müssen nicht sehr viel revidieren. Die außenwirtschaftliche Entwicklung ist zwar relativ ungünstig, dass wird aber von einer starken Binnennachfrage kompensiert.

Die Europäische Zentralbank wird von vielen deutschen Ökonomen heftig kritisiert. Gehören Sie auch dazu?

Ich gehöre eigentlich nicht zu den heftigen Kritikern der EZB. Man muss klar sagen, dass ohne das Einschreiten Mario Draghis 2012 die Turbulenzen um den Euro größer gewesen wären, um es vorsichtig zu formulieren. Vielleicht wäre der Euroraum sogar auseinandergebrochen. Das muss man anerkennen. Aber im Vorjahr war die geldpolitische Lockerung schon sehr expansiv. Jetzt noch einmal so draufzulegen, geht meines Erachtens zu weit.

Welche Gefahren sehen Sie angesichts dieses Kurses, den die EZB jetzt fährt? Besteht die Gefahr von Preisblasen auf den Aktien- oder Immobilienmärkten?

Die Gefahr besteht, aber ob diese Preisblasen schon real sind, da wäre ich sehr vorsichtig.

Lässt man die EZB bei der Bekämpfung der Krise allein?

Eigentlich ja, aber eigentlich ist es schon eine Einschränkung. Ich denke schon, dass die Kommission einiges versucht, um die Währungsunion zusammenzuhalten. Es gibt schon noch Institutionen, die auf das wirtschaftliche Zusammenwachsen hinwirken. Aber die Kompetenz liegt bei den Mitgliedsstaaten.

Warum schafft es die EU als größter Wirtschaftsraum der Welt nicht, selbst Wachstum zu generieren.

Vergangenes Jahr sah es ja so aus, als ob wir das schaffen könnten. Dass wir es nicht schaffen, die Konjunkturlokomotive zu spielen, hat sehr stark mit den verkrusteten Strukturen zu tun. Ein Beispiel: Wenn man einen hochregulierten Arbeitsmarkt hat, mit strengem Kündigungsschutz, dann führt das dazu, dass die Unternehmen, wenn sie Innovationen umsetzen wollen, nicht in diese Länder gehen. In den USA weiß ich, dass ich die Leute wieder entlassen kann, wenn es nicht läuft. Erst wenn ich davon ausgehen kann, dass die Innovation erfolgversprechend ist, damit ich die Leute auch halten kann. Da sind aber dann die Margen geringer.

Würden Konjunkturprogramme oder zumindest ein weniger scharfer Sparkurs in den Eurostaaten etwas bringen?

Europas Problem sind die verkrusteten Strukturen, vor allem auf Arbeitsmärkten, zum Teil aber auch auf den Produktmärkten, die sollte man nicht vernachlässigen.

 

Zur Person

Lars Peter Feld ist seit 2010 Professor für Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomik an der Universität Freiburg und ist Direktor des Walter Eucken Instituts. Im März 2011 wurde er auf Vorschlag der deutschen Bundesregierung durch den Bundespräsidenten in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen("Wirtschaftsweise").

Feld war am Mittwochabend Festredner bei der Verleihung des Wissenschaftspreises der Raiffeisenlandesbank OÖ, dem Förderpreis für bankspezifische wissenschaftliche Arbeiten.

 

 

Prognose für Österreich leicht gesenkt

Österreichs Wirtschaft dürfte heuer und 2017 wegen der gedämpften Welt-Konjunktur etwas schwächer wachsen als zuletzt angenommen. Das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo hat seine Prognose um jeweils 0,1 Prozentpunkte auf 1,6 Prozent gesenkt, das Institut für Höhere Studien (IHS) im gleichen Ausmaß auf jeweils 1,5 Prozent.

Wifo-Chef Karl Aiginger sprach gestern, Donnerstag, bei der Bekanntgabe der Frühjahrsprognose von einer "Wellblechkonjunktur". In einem Quartal laufe es besser, in einem anderen wieder schlechter. Österreich profitiere derzeit von Sonderfaktoren wie Steuerreform, Ausgaben für Flüchtlinge, billiges Öl, niedriger Euro und Nullzinsen.

Laut Aiginger herrscht derzeit in Europa „eine relativ breite Erholung“, die aber ebenfalls "schwach und holprig" sei.

Das Wifo erwartet heuer eine Arbeitslosenquote von 9,5 Prozent und 2017 von 9,8 Prozent. Beim Institut für Höhere Studien (IHS) sieht man einen Anstieg auf 9,4 sowie 9,8 Prozent. 2015 lag die Rate bei 9,1 Prozent. Von früheren Befürchtungen, dass die Zehn-Prozent-Marke überschritten werde, hat sich das Wifo verabschiedet. Auch im Vorjahr sei der Anstieg nicht so stark wie erwartet gewesen, sagte Aiginger.

 

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