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Innenpolitik

Schüller im Interview: „Ich werde nichts zurücknehmen“

Von Heinz Niederleitner   12. August 2011 00:04 Uhr

„Ich werde nichts zurücknehmen“
Helmut Schüller, Pfarrer in Probstdorf und Obmann der Pfarrer-Initiative, steht zu seinem Aufruf.

WIEN. Helmut Schüller, Obmann der Pfarrer-Initiative, bedauert nicht, zum Ungehorsam in der römisch-katholischen Kirche aufgerufen zu haben. Nach einem Gespräch mit Kardinal Christoph Schönborn sehe er möglichen Konsequenzen gefasst ins Auge, sagt er im OÖNachrichten-Interview.

OÖN: Nach Ihrem Aufruf hat Sie Kardinal Schönborn zum Gespräch gerufen. Es heißt, er habe Konsequenzen in den Raum gestellt. Was konkret?

Schüller: Der Kardinal knüpfte an seine Stellungnahme vom Juli an: Wir müssten innerhalb einer bestimmten Frist überlegen, ob wir uns noch zur Kirche zählen, und uns allen Vorgaben des Lehramtes unterstellen. Ansonsten müsste er handeln, sagte der Kardinal.

OÖN: Könnte das die Absetzung als Pfarrer sein?

Schüller: Das hat er nicht gesagt. Die Möglichkeiten, um die es geht, kann man sich aber an den Fingern abzählen.

OÖN: Wie lange „Bedenkzeit“ haben Sie bekommen, und wie gehen Sie weiter vor?

Schüller: Bis Anfang September. Dann wird es ein weiteres Gespräch geben. Wir werden uns jetzt im Vorstand der Pfarrerinitiative beraten und die weitere Linie festlegen.

OÖN: Trifft es Sie, wenn man Ihre Kirchenmitgliedschaft in Frage stellt?

Schüller: Natürlich. Die Frage ist schwerwiegend und sie klingt seltsam, wenn man sie Priestern stellt, die täglich in der Pfarrarbeit stehen. Das hat uns überrascht.

OÖN: Aber Sie sehen sich noch innerhalb der römisch-katholischen Kirche?

Schüller: Selbstverständlich. Aber ich merke, dass es da offensichtlich verschiedene Sichtweisen gibt und aus Sicht des Kardinals bestimmte Anschauungen nicht mit einer Kirchenmitgliedschaft vereinbar sind – auch wenn sie die Substanz des Glaubens nicht betreffen.

OÖN: Schönborn soll gesagt haben, er sei für die Beibehaltung des Pflichtzölibats und werde anderslautende Wünsche nicht nach Rom tragen. Hat möglicherweise diese Haltung dazu geführt, dass es überhaupt zu Ihrem Aufruf zum Ungehorsam kommen konnte? Seit dem Kirchenvolksbegehren 1995 ist in Bezug auf Reformen nichts weitergegangen.

Schüller: Es geht nicht nur nichts weiter, sondern es geht deutlich rückwärts. Wir haben es mit einer konservativistischen Wende in der Kirche zu tun. Um dies nicht einfach hinzunehmen, haben wir uns zu Wort gemeldet. Es ist wichtig zu wissen, was zwischen den Bischöfen und der Weltkirche gesprochen wird. Wir haben den Kardinal am Beispiel des Zölibats um eine Positionierung gebeten. Es kam heraus: Dieses Anliegen wird von ihm und der Bischofskonferenz nicht nach Rom getragen oder, wenn doch, dann nur als Bericht, nicht als Vorstoß.

OÖN: Den Inhalt Ihres Aufrufs haben die Bischöfe kaum kommentiert. War es ein Fehler, das Wort „Ungehorsam“ in den Titel zu schreiben? Es wird ja nur darüber gesprochen.

Schüller: Wenn man auf verwaschene Formulierungen verzichtet, muss man sagen, dass das, was ein Großteil der Pfarrer und Gemeinden praktiziert, Ungehorsam ist. Sich darauf hinauszureden, dass das still geduldet wird, halte ich für „unhygienisch“ für das Innenleben der Kirche. Gerade die Gehorsamsdiskussion hat gezeigt, wie wenig geklärt dieses Thema ist. Denn die Vorstellung des Kardinals von Gehorsam deckt sich sicher nicht mit jener der Mehrheit des Kirchenvolkes. Ein reiner Ausführungsgehorsam ist kein reifer Gehorsam und auch etwas anderes als der Gehorsam, den wir bei der Priesterweihe versprochen haben. Natürlich hat der Titel des Aufrufs viele erschreckt. Kritik gab es auch in den Reihen der Pfarrer-Initiative selbst. Es gab vier Austritte, aber gleichzeitig auch 20 Neueintritte.

OÖN: Schönborn argumentierte im Juli sinngemäß, den Willen Gottes befolgen zu wollen, zeige sich auch im Gehorsam dem Papst und den Bischöfen gegenüber.

Schüller: Niemand hat das Recht, für sich oder andere den Willen Gottes zu beanspruchen. In meiner Priesterausbildung wurde noch gelehrt: Gehorsam heißt auch, dass Du ein Recht darauf hast, dass der Vorgesetzte Dich hört und Rechenschaft über seine Gründe gibt.

OÖN: Manche Bischöfe sehen die Einheit der Kirche bedroht. Aber kann nicht auch der Papst, wie der Theologe Hans Küng argumentiert, die Einheit der Kirche verlassen?

Schüller: Selbstverständlich, auch die Bischöfe. Einheit entsteht nicht per Durchschalten, sonder über das Bemühen um Einheit. Es muss verschiedene Strömungen in der Kirche geben. Aber es kann nicht sein, dass die Meinung einer Minderheit zur Generallinie wird.

OÖN: Wie weit sind Sie bereit, für Ihre Anliegen zu gehen?

Schüller: Ich kann natürlich nicht für die anderen Mitglieder der Pfarrer-Initiative sprechen. Ich persönlich werde nichts zurücknehmen und sehe den Dingen, die da kommen könnten, gefasst ins Auge.

 

„Aufruf zum Ungehorsam“

Im Juni veröffentlichte die reformorientierte Pfarrer-Initiative ihren „Aufruf zum Ungehorsam“ in der römisch-katholischen Kirche. Die Verweigerung der Kirchenreform zwinge die Gruppe, ihrem Gewissen zu folgen: Man werde wiederverheirateten Geschiedenen und Mitgliedern anderer christlicher Kirchen die Kommunion nicht verweigern. Das Predigtverbot für Laien werde man missachten. Und man werde sich für die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt aussprechen.
Unter anderem Christoph Kardinal Schönborn reagierte heftig. Der Wiener Erzbischof stellte einen Kirchenaustritt für jene in den Raum, die meinten, Rom sei auf einem Irrweg. Am Mittwoch traf er sich mit Vertretern der Pfarrer-Initiative. Die Bewertungen des Treffens differieren: Während die Pfarrer-Initiative Sanktionen befürchtet, heißt es aus Schönborns Büro, der Kardinal habe nichts angedroht.

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