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Außenpolitik

Vier Euro Stundenlohn: Tschechiens Ärzte drohen mit Massenkündigung

Von Von Kilian Kirchgessner   05. November 2010 00:04 Uhr

Vier Euro Stundenlohn: Tschechiens Ärzte drohen mit Massenkündigung
Den tschechischen Ärzten reicht es, sie gehen unter anderem nach Österreich.

PRAG. Österreich, Deutschland und die Schweiz dürfen sich freuen: Bald wollen tausende Ärzte aus Tschechien im deutschsprachigen Ausland arbeiten. Sie drohen mit einer Massenkündigung zum Jahresende.

Mit einer massenhaften Abwanderung ins deutschsprachige Ausland wollen tschechische Ärzte auf die schlechten Bedingungen im Prager Gesundheitssystem reagieren. Die Krankenhausärzte haben ein Ultimatum an die Regierung gestellt: Sollte sich zum Jahresende die Situation in Tschechien nicht verbessern, wollen sie kollektiv kündigen. Während das für das tschechische Gesundheitssystem einen Kollaps zur Folge hätte, wittern zahlreiche Kliniken im deutschsprachigen Ausland schon jetzt ihre Chance, qualifizierte Ärzte abzuwerben.

700 Euro Einstiegsgehalt

„Schon seit 21 Jahren werden wir tschechischen Ärzte von der Politik ignoriert. Wir lassen nicht zu, dass sich die Situation weiter verschlimmert“, sagt Martin Engel, Vorsitzender der tschechischen Ärztegewerkschaft. Seine Organisation steht hinter der Kampagne, die inzwischen auch von der Ärztekammer unterstützt wird. Bereits ein Viertel aller Krankenhausärzte hat schriftlich angekündigt, am Jahresende zu kündigen und das Land zu verlassen. Wenn sie ihr Vorhaben umsetzen, wäre das ein schwerer Schlag für das tschechische Gesundheitswesen: Im Land gibt es kaum private Arztpraxen, selbst die hausärztliche Versorgung findet überwiegend in den Krankenhäusern statt. Dort herrscht schon jetzt personeller Notstand.

Das Einstiegsgehalt der tschechischen Ärzte liegt bei umgerechnet etwa 700 Euro brutto im Monat, was sogar noch unter dem durchschnittlichen Einkommen im Land liegt. Nach zehn Berufsjahren liegt das Gehalt bei etwa 1200 Euro, hinzu kommen einige hundert Euro für Nachtschichten und Überstunden. Das entspricht nach Gewerkschaftsangaben einem Stundenlohn zwischen vier und acht Euro. Neben einer Gehaltserhöhung fordern die Mediziner auch ein besseres Fort- und Weiterbildungsangebot sowie eine Einschränkung der Überstunden. „Die Regierung hat sich seit der Wende so gut wie gar nicht um das Gesundheitssystem gekümmert“, heißt es bei der Gewerkschaft. Nach zahlreichen Protesten und auch Streiks in der Vergangenheit hätten die Mediziner jetzt die Geduld verloren, so Initiator Martin Engel.

Das Kalkül der Ärzte ist, dass die Regierung spätestens nach einer massenhaften Kündigung zu Zugeständnissen bereit sein dürfte. „Die Mediziner haben eine zweimonatige Kündigungsfrist, so dass ab März die Krankenhäuser leer sind, wenn wir zum Jahresende kündigen“, so die Initiatoren. Wenn die Regierung im Jänner sehe, dass die Ärzte Ernst machen, hätte sie noch einige Wochen zum Gegensteuern.

Die Regierung hat bislang allerdings kein Einlenken signalisiert: „Wir können mit den Gehältern keine Wunder bewirken“, sagte der tschechische Gesundheitsminister Leos Heger. Die großangelegte Protestaktion fällt in eine Zeit, in der die Abwanderung von gut ausgebildeten Ärzten in Tschechien so hoch ist wie noch nie. Uni-Absolventen gehen oft gleich nach dem Studium ins Ausland, zuletzt waren es 15 Prozent eines ganzen Medizinjahrgangs. Hinzu kommen zahlreiche Bewerber, die einige Jahre später abwandern. Arbeitsrechtlich ist ihre Aufnahme in Ländern wie Deutschland, Österreich oder der Schweiz kein Problem, weil dort Ärztemangel herrscht. Einzige Voraussetzungen sind gute Sprachkenntnisse und ein Zertifikat, das die ärztliche Qualifikation bescheinigt.

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