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Außenpolitik

50 Jahre Attentat auf JFK: Faszination und Trauma

Von Thomas Spang   16. November 2013

Titelseite der OÖN
Titelseite der OÖN

Vor einem halben Jahrhundert versetzte der Mord an John F. Kennedy in Dallas eine ganze Generation in ein Trauma.

Alison Cheney stand mit ihrer Mutter Nancy unweit der Ecke, an der sich die Lemmon Avenue und der Lomo Alto Drive kreuzen. Die offene Limousine des Präsidenten steuerte direkt auf die beiden zu. Auf der Rückbank lehnte John F. Kennedy mit dem Ellenbogen über der Tür. Voller Scheitel, strahlend weiße Zähne – ein Mann in seinen besten Jahren. Daneben im pinkfarbenen Kleid mit koordiniertem Pagen-Hut seine nicht minder glamouröse Frau Jaqueline. Überraschend bleibt die Staatskarosse direkt vor Mutter und Tochter stehen. "Wirf ihm einen Kuss zu", sagt Nancy ihrer damals dreijährigen Tochter. Kennedy schnappt die Begeisterung auf. "Hi, Baby", wendet er sich an das Mädchen und streichelt ihr aus dem Auto heraus über die Wange. Ein zärtlicher Moment wenige Minuten vor dem brutalen Ende eines Präsidenten, dessen Aura die Welt in ihren Bann zog.

Nicht nur Nancy (83) und Alison (53) wissen noch genau, wo sie sich aufhielten, als kurz darauf am 22. November 1963 auf dem "Dealey Plaza" die tödlichen Schüsse fielen. Eine ganze Generation teilt dieses Trauma. Bis heute.

Dallas musste lange darum kämpfen, das Image zu überwinden, die "Stadt des Hasses" zu sein. Dazu hatten die konservativen Eliten der texanischen Metropole genügend beigetragen. Im Unterschied zum Rest der Bevölkerung zeigten sie wenig Begeisterung für den jugendlichen Präsidenten, der ihnen als Kommunistenfreund galt. Kurioserweise unterhielt der Attentäter Lee Harvey Oswald (24) keinerlei Beziehungen zu den rechtsgerichteten Gegnern des Präsidenten. Der Marxist Oswald bewegte sich auf der anderen Seite des politischen Spektrums.

Alison Cheney half ihrer texanischen Heimatstadt, aus dem Schatten des Traumas zu treten. Als Studentin bewarb sie sich bei JFKs jüngstem Bruder Ted Kennedy als Praktikantin. Der Senator für Massachusetts im US-Kongress hatte sich geschworen, zu Lebzeiten nie wieder einen Fuß nach Dallas zu setzen. Ein Versprechen, das er hielt. Zusammen mit ihrer Mutter schaffte es Alison aber, den Patriarchen des Kennedy-Clans davon zu überzeugen, der Stadt seinen Segen für das "Sixth Floor"-Museum zu erteilen.

Die JFK gewidmete Ausstellung eröffnete am "President’s Day" 1989 im sechsten Stock des "Texas School Book Depository" gleich gegenüber dem "Dealey Plaza". Oswald hatte sich in dem Obergeschoß des ehemaligen Schulbuch-Verlagshauses auf die Lauer gelegt und die tödlichen Schüsse auf Kennedy abgefeuert.

Pünktlich zum Jahrestag können Besucher nun auch das Haus im Vorort Irving besichtigen, in dem Oswalds Frau Marina mit ihren zwei Kleinkindern Zuflucht vor ihrem unberechenbaren Mann gefunden hatte. In dem restaurierten Gebäude findet sich neben allen möglichen Alltagsgegenständen auch die Decke, in die der Attentäter seine Tatwaffe gewickelt und ohne Wissen der Vermieterin in der Garage aufbewahrt hatte. Am Vorabend des Kennedy-Besuchs tauchte Oswald bei Marina auf und warb um einen Neuanfang. Hätte sie dem Drängen nachgegeben, wäre er mit ihr am nächsten Tag in Dallas auf Wohnungssuche gewesen. Richard Mosk, der als Mitglied der sogenannten "Warren-Kommission" im Auftrag Präsident Lyndon B. Johnsons den Kennedy-Mord untersuchte, sieht darin einen der plausibelsten Gründe, warum es sich um einen Einzeltäter handelte. Von den unzähligen Verschwörungstheorien hält er überhaupt nichts. Mit 25.000 Interviews und einem Schlussbericht von 888 Seiten habe die Kommission "eine der umfassendsten kriminalistischen Aufarbeitungen in der Geschichte unternommen".

Das hat die Spekulationen über die Hintergründe des Attentats nicht beruhigt. Diese sprossen wie Pilze aus dem Boden, nachdem der "New York Times"-Reporter Edward Jay Epstein 1966 Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Aufarbeitung durch die Kommission unter Verfassungsgerichts-Präsident Earl Warren aufwarf. Seitdem gibt es zwei große Lager. Das eine glaubt, etwas sei vertuscht worden, während das andere von Oswald als Einzeltäter ausgeht.

Die letzten Stunden des Präsidenten:

 

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John F. Kennedy – Die Todesschüsse vor 50 Jahren nährten den Mythos

3 Jahre knapp war John F. Kennedy Präsident der USA. Am 20. Jänner 1961 wurde er angelobt, am 22. November 1963 wurde er erschossen.

150.000 Menschen jubelten am 22. November 1963 in den Straßen von Dallas Kennedy zu – trotz des hässlichen Willkommens durch die örtlichen Eliten. Die Frau des Gouverneurs von Texas, Nellie Connally, die zusammen mit ihrem Mann John die Kennedys in der Präsidentenlimousine begleitete, meinte: „Herr Präsident, sie können gewiss nicht sagen, dass Dallas Sie nicht liebt“. Kurz darauf fielen die tödlichen Schüsse.

325.000 Menschen besuchen jährlich das Texas School Book Depository an der Dealey Plata, aus dem die Schüsse auf Kennedy abgefeuert wurden. Das 1901 erbaute Haus gilt als „amerikanisches historisches Monument“ und verbindet im „Sixth Floor Museum“ nahezu Unmögliches mit dem Skurillen: eine möglichst neutrale Darstellung des Attentats und dennoch ein wenig Grusel.

Die anhaltende Kontroverse um die genauen Umstände des Todes von JFK hat gewiss zur Faszination, um nicht zu sagen Obsession mit den Ereignissen vor einem halben Jahrhundert beigetragen. In den USA gibt es kein Entkommen vor der „Camelot“-Manie, die den Jahrestag begleitet. Auf den Fernsehkanälen konkurrieren Sondersendungen um die Gunst der Zuschauer. Hollywood steuert mit „Parkland“ einen neuen Streifen bei, der das Attentat aus Sicht des „Parkland Memorial Hospitals“ dramatisiert, in dem Ärzte den Tod des Präsidenten feststellten. In den Buchläden finden sich allein mehr als hundert Neuerscheinungen zum Thema.

Während Kennedy heute lange nicht mehr so unkritisch gesehen wird, bleibt er eine populäre Gestalt. In einer aktuellen Umfrage für „Politico“ bezeichnet ihn eine Mehrheit der Amerikaner als den besten Präsidenten der Nachkriegszeit. Robert Dallek, der mit „The Unfinished Life“ das Standardwerk über JFK geschrieben hat, meint, Historiker seien weniger von dem Präsidenten angetan als das breite Publikum. In Fachkreisen wird diskutiert, ob Kennedy ein politisches Leichtgewicht mit Charisma war oder eine tragische Figur, die einfach nicht genug Zeit hatte, ihre Ziele umzusetzen. Unbestritten bleibt aber auch unter Experten, dass Kennedy der erste „Celebrity“-Präsident war. Eine Pop-Ikone im Weißen Haus. Die Faszination ging und geht weniger von dessen Politik als den persönlichen Dramen aus. Der Tod des kleinen Patrick drei Monate vor dem Besuch in Dallas, die modebewusste Jackie und die unendlichen Frauengeschichten gaben reichlich Stoff für die Klatschpresse.

 

John F. Kennedy – Dokumente, Filme, Erinnerungen

25 Sekunden lang ist der Streifen des Amateurfilmers Abraham Zapruder, der eines der bekanntesten Dokumente der Kennedy-Ermordung ist. Der gebürtige Ukrainer war zum Zeitpunkt der Todesschüsse 58 Jahre alt und betrieb in Dallas ein Geschäft für Damenwäsche. Zapruder befand sich am 22. November 1963 auf der rechten Seite des Fahrzeug-Konvois. Für ein paar entscheidende Momente richtete der Hobby-Filmer seine Kamera mit Kodachrome Normal 8mm-Farbfilm auf die Präsidenten-Limousine.

18,3 Bilder pro Sekunde, 486 Einzelbilder – daraus besteht der Film von Zapruder. Rund 19 Sekunden des Filmes zeigen das eigentliche Attentat, das Zapruder zuerst gar nicht bemerkt haben dürfte, da er mit völlig ruhiger Hand weiterfilmte. Nachdem Kodak den Film entwickelt hatte, gingen zwei Kopien an den Geheimdienst und eine an Zapruder. Er selbst verkaufte ihn für 150.000 US-Dollar an das Life Magazine. Der zeitgenössischen Öffentlichkeit war der Streifen nicht bekannt.

Der Amateur-Film über das Attentat wurde die Basis vieler Kennedy-Dokumentationen und zahlreicher Filmversionen der Ereignisse, etwa „JFK“ von Oliver Stone. Der Streifen wurde 1969 öffentlich im Gerichtssaal von New Orleans gezeigt, im Prozess gegen den von Staatsanwalt Jim Garrison der Mittäterschaft verdächtigten Clay Shaw.

1975 wurde der Film erstmals der amerikanischen Öffentlichkeit gezeigt. In der ABC Late-Night-Show „Good Night America“ sahen Millionen US-Bürger den Ablauf des Attentats. Der öffentliche Aufschrei führte zu einer nochmaligen Prüfung der Beweise. 1978 kam man zum Schluss, dass eine Verschwörung sehr wahrscheinlich gewesen sei. 1975 übergab das Life Magazine übrigens den Original-Streifen für den symbolischen Preis von einem US-Dollar an die Erben Zapruders, der am 30. August 1970 in Dallas an Krebs gestorben war. Die Erben vermachten das Dokument der US-Regierung, um ihn fachgerecht zu konservieren. Später erhielten sie dafür rund 16 Millionen Dollar. Der Film kam in das Nationale Filmarchiv der USA in College Park in Maryland. Der Weg des Original-Films und einiger Kopien wurden 1988 in der Dokumentation „Image of an Assassination: A New Look at the Zapruder Film“ zusammengefasst.

11 weitere Personen haben zum Zeitpunkt des Attentats gefilmt bzw. fotografiert. Darunter ist auch der Film des Facharbeiters Orville Nix, der mit seiner Kamera 1963 an der Südseite der Dealey Plaza wartete, um den Konvoi des Präsidenten zu filmen. Er stand dann schräg gegenüber von Zapruder und nahm dadurch den letzten Schuss auf Kennedy auf, bevor die Limousine in der Unterführung verschwand. Im Blickfeld war außerdem der berühmte Grashügel („Grassy Knoll“), wo Verschwörungstheoretiker hinter einem Bretterzaun einen weiteren Schützen erkennen wollen. Nix brachte den Film nach der Entwicklung selbst zum FBI.

Der Amateurfilmer verkaufte den Film und die Rechte für 5000 US-Dollar an UPI. Nach seinem Tod 1972 ging der Streifen 20 Jahre später zurück an seine Familie, die die Rechte wiederum der Dallas County Historical Foundation vermachte. Dieselbe Stiftung betreibt auch das Attentats-Museum im Texas-Schulbuch-Depot, von wo Oswald die Schüsse abgefeuert haben dürfte.

 

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